«Dann denke ich stattdessen an eine Giraffe»

Mit dem neuen Jahr kommen neue Vorsätze. Autor Volker Kitz erklärt im Interview, wie diese umsetzbar werden – und warum es besser ist zu reimen.

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Herr Kitz, angenommen ich wollte 2014 mit dem Rauchen aufhören – wie gelingt mir das?
Grundsätzlich ist es immer schwierig, sich vorzunehmen, etwas nicht zu tun. Der Gedanke an die zu unterdrückende Handlung ist ständig präsent, denn das Hirn muss ja wissen, was es nicht tun darf. Experimente zeigen: Es besteht nicht nur die Gefahr, dass man einen Vorsatz nicht durchhält, sondern dass man einen Rückfall erleidet – und alles noch schlimmer ist als vorher.

Was schlagen Sie vor?
Es hilft, diesen Gedanken durch einen anderen zu ersetzen. Das ist dann eine sogenannte fokussierte Ablenkung. Jedes Mal, wenn ich also an eine Zigarette denke, denke ich stattdessen einfach an ein rotes Auto oder an eine Giraffe. Der Gedanke in meinem Hirn ist dann nicht mehr so mächtig. Zumindest einen Rückfalleffekt kann ich so vermeiden.

Etwas nicht machen zu wollen, ist das eine, häufig nehmen wir uns aber auch vor, etwas endlich zu tun: gesünder zu essen oder endlich mit dem Joggen anzufangen.
Das ist wesentlich einfacher: Tatsächlich sollte man die Dinge eher positiv formulieren. Statt sich zu sagen «Ich will nicht mehr so viel Schokolade essen», ist es besser, sich zu sagen: «Ich will wieder joggen gehen.» Dann findet der ironische Prozess im Hirn nämlich nicht statt: dass ein verbotener Gedanke übermächtig wird.

Trotzdem bleiben die Joggingschuhe dann meistens zu Hause.
In diesem Fall hilft es, nur kleine Schritte zu gehen: Wenn ich mir vorgenommen habe, joggen zu gehen, und merke «Oh, heute schaff ichs doch wieder nicht», dann kann ich einfach wenigstens fünf Minuten joggen gehen.

Und das bringt dann was?
Für den Körper bringt das natürlich nicht viel, aber für die Psyche macht das einen enormen Unterschied: So gehe ich am Abend nicht mit dem Gefühl ins Bett, dass ichs heute wieder nicht geschafft habe. Da entsteht eine Motivation draus: Am nächsten Tag schaff ich dann vielleicht sieben Minuten, ein anderes Mal zehn, am Schluss eine halbe Stunde.

Sie sagen auch, dass äusserer Stress die Disziplin zerstöre und dass man seine Vorsätze verschieben soll, wenn man zu viel um die Ohren hat. Ist Stress nicht sowieso immer eine Entschuldigung?
Dass sich Stress negativ auf Vorsätze auswirkt, ist tatsächlich bewiesen: Wenn Leute in Experimenten zum Beispiel nicht an Schokolade denken sollen und gleichzeitig von 1000 rückwärts zählen, schneiden sie viel schlechter ab als ohne diese Aufgabe. Das Gehirn hat eben viel weniger Kapazitäten, wenn äusserer Stress da ist. Deswegen kann es durchaus sein, dass für bestimmte Vorsätze nicht der richtige Zeitpunkt ist – zum Beispiel, um mit einer Diät anzufangen.

Und wenn nie der richtige Zeitpunkt scheint?
Dann sollte ich mich vielleicht fragen, was ich an meinen Lebensumständen ändern sollte, um die äusseren Belastungen zu verringern.

In Ihrem neuen Buch versammeln Sie 40 Erkenntnisse aus der Alltagspsychologie. Ihre Highlights?
Spannend finde ich zum Beispiel die Frage, wie man andere Menschen dazu bringt, einen zu mögen. Das funktioniert ganz anders, als man denkt: Wenn ich die neue Kollegin beispielsweise dazu bringe, mir einen Kaffee zu bringen, mag sie mich danach lieber.

Weil sie sich nützlich vorkommt, weil sie jemandem einen Gefallen machen kann?
Weil unser Gehirn immer nach einer Harmonie strebt: Es will Handeln und Denken in Einklang bringen. Und weil es weiss, dass ich nur Leuten einen Gefallen tue, die ich mag, denkt es im Falle der neuen Kollegin: Ich habe ihm einen Kaffee mitgebracht, also mag ich ihn.

Glauben Sie wirklich, dass das so simpel ist?
Ja, viele Tricks sind wirklich ganz banal. Statt sich bei Ihrem Chef zum Beispiel über zu viele Überstunden zu beklagen, versuchen Sie es einfach mit einem Reim: Wer abends ruht, ist morgens gut, zum Beispiel. Reime sind sehr effektiv: Sobald das Hirn einen Reim hört, verzichtet es auf Argumente, das sogenannte «rhyme is reason»-Phänomen.

Dann sollen wir in Ihren Augen also reimen, statt zu argumentieren?
Argumente bringen nichts. Wir glauben immer, wir müssten argumentieren, diskutieren und unsere Bitten so gut wie möglich begründen. Darauf kommts aber überhaupt nicht an.

Erstellt: 31.12.2013, 12:05 Uhr

V. Kitz & M. Tusch: Warum uns das Denken nicht in den Kopf will. Heyne-Verlag, München 2013. ca. 15 Fr.

Dr. Volker Kitz (links) studierte Jura und Psychologie. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierte er über 30 Bücher und tourt gemeinsam mit Dr. Manuel Tusch als Redner, Coach und Entertainer.

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