Das Märchen vom Mutterglück

Was bedeutet es, in einer postmodernen Gesellschaft Mutter zu werden? Eine Reihe neuer Bücher beleuchtet das Thema – von der Erfüllung bis zur Erschütterung.

«Unfall zwischen Natur und Sozialisierung»: Eine Mutter würde gerne arbeiten. Foto: iStock

«Unfall zwischen Natur und Sozialisierung»: Eine Mutter würde gerne arbeiten. Foto: iStock

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Anfang der Achtzigerjahre, kurz bevor die französische Philosophin Elisabeth Badinter ihr Buch «L'amour en plus», zu Deutsch «Mutterliebe», publizierte, bat ihr Verlag den berühmten Kinderpsychologen Bruno Bettelheim um ein Vorwort. Er, der tagein, tagaus mit Kindern zu tun hatte, die unter anderem mit Mutterliebe – der fehlenden, der zu grossen, der irgendwie falsch gearteten – zu kämpfen hatten, müsse doch einiges zu sagen haben über den angeblich so natürlichen Mutterinstinkt, den Badinter als kulturelles Konstrukt zu entlarven versuchte.

Hatte er auch. Nur war er der Ansicht, dass die Öffentlichkeit davon besser nichts erfahren sollte: «Ich habe mein Leben lang mit Kindern gearbeitet, deren Existenz dadurch zerstört wurde, dass ihre Mutter sie hasste. Natürlich gibt es den Mutterinstinkt nicht, sonst hätten nicht so viele meiner Hilfe bedurft. Nur würde das Wissen darüber die Frauen aus ihrem schlechten Gewissen entlassen. Und das funktioniert bisher als einzige Bremse. Ich kann meinen Namen nicht dafür hergeben, dass dieser letzte Schutz, den die Kinder geniessen, zerstört wird.»

Der Mythos der Mutter als einer von Aufopferungswillen gesegneten Frau ist wieder hoch im Kurs.

Elisabeth Badinter erzählt von dieser haarsträubenden Antwort in ihrem dreissig Jahre später, im Jahr 2010, veröffentlichten Follow-up-Buch «Der Konflikt. Die Frau und die Mutter». Darin stellt sie offen entsetzt fest, dass offenbar nicht nur Bettelheim der Ansicht war, Frauen müssten sich weiterhin am Märchen der Mutterliebe abarbeiten.

Im Gegenteil: Der Mythos der Mutter als einer von natürlichem Aufopferungswillen gesegneten Frau, die sich freiwillig aus dem Verkehr zieht, sich ganz diesem «Anderen» verschreibt und darin in Glück zergeht, stehe im anbrechenden 21. Jahrhundert wieder hoch im Kurs, meint die Philosophin. Und sieht diese Tendenz mit einer patriarchalen Politik verknüpft, welche die Frau im Namen der Natur – besser gesagt: im Namen «ihrer Natur» (Stichwort: Essenzialismus!) – von jeglicher Macht ausserhalb des Familienkosmos fernzuhalten sucht.

Ich musste erst vor kurzem daran zurückdenken, als ich einen Artikel in einer deutschen Zeitung las. Es ging darin, erst einmal ganz banal, um die sinkende Geburtenrate in Frankreich. Das Land, das bisher noch die meisten Kinder der EU geboren hat, scheint neuerdings ebenso kindermüde wie seine Nachbarn, was den Journalisten zu einer interessanten Beweisführung anregte: Die Französinnen, so meinte er, würden nicht etwa weniger Kinder machen, weil die Konjunktur in den letzten Jahren schlecht war oder weil Terroranschläge die Menschen nicht unbedingt zur Fortpflanzung animieren.

Modell der «mère à la française» ist out

Nein, der Grund sei, dass das Modell der «mère à la française» gar nicht so toll ist, wie Feministinnen immer behaupten. Die jungen Frauen, so las man, würden sogar darunter leiden, dass man in Frankreich einfach so annehme, sie würden schnell wieder Vollzeit in ihren Job zurückkehren und ihre Kinder hüten lassen wollen, statt sie zu fragen, ob sie denn nicht lieber zu Hause bei ihren Kleinen bleiben.

Immerhin belege eine Studie, dass viele Frauen bereuen, nach dem Mutterschutz nicht mehr Zeit mit dem Baby verbracht zu haben. Das mag ja auch stimmen, befremdlich war aber, dass man aus den objektiven Zeilen ein leises Lachen heraushören konnte, ein: «Haben wirs doch gewusst! Die Frau, die ein Kind hat, will gar nicht voll im Berufsleben stehen!» Es war eine Anklage des französischen Modells und eine vorsichtige Rehabilitierung des deutschen: in dem eine Frau, die nicht als Rabenmutter beschimpft werden mag, im Butterbrotschmieren vor Glück zergeht, ihr Frausein mit der Ankunft des Kindes verabschiedet.

Ein Teil der Gesellschaft vermutet den «wahren» Platz der Mutter insgeheim weiterhin beim Babysprache-Sprechen und nicht in Meetings in Hongkong.

Als Tochter einer französischen, seit jeher arbeitenden Mutter fand ich diese Vision schon immer faszinierend und beängstigend zugleich. Und den Unterton des Artikels folglich irritierend. Weil er etwas infrage stellte, das ich, die ich wohlgemerkt selbst noch kein Kind habe, bisher als selbstverständlich erachtete. Nämlich dass eine Frau beide Rollen (und noch viele andere) für sich beanspruchen darf – und oft sogar muss: die der liebenden Mutter, die der sich selbst verwirklichenden, selbst finanzierenden Frau. Irritierend und dann wiederum auch interessant.

Weil er Badinter recht gibt in der Annahme, dass ein nicht zu unterschätzender Teil der Gesellschaft den «wahren» Platz der Mutter insgeheim weiterhin beim Babysprache-Sprechen und nicht in Meetings in Hongkong vermutet. Vor allem aber weil er, vermutlich ohne es zu wissen, sicher ohne es zu wollen, einen Beitrag leistet zu einer Diskussion, die gerade über diverse Kanäle angeregt geführt wird: die Frage, was das Muttersein in unserem neuen Jahrhundert und unseren postpostmodernen Gesellschaften für eine Frau bedeutet.

#momlife taucht überall auf

Es mag einigen aufgefallen sein: Wo bisher, zumindest schien es mir immer so, das unausgesprochene Gesetz galt, dass eine Frau zwar Kinder haben, damit aber bitte niemanden langweilen sollte, begegnen einem die Mutter, die Mutterschaft, das #momlife, in letzter Zeit überall. Auf Instagram, weil Influencerinnen neuerdings neben ihrer Loewe-Elephant-Bag auch ein toll gekleidetes Baby tragen – was wenig zum Diskurs, dafür aber viel zum «Druckfaktor» beiträgt. In Serien wie der australischen Netflix-Produktion «The Letdown», in der Frauen mit Augenringen Dinge sagen wie: «Ruhe? Haha! Was ist das?» Im Kino, wo Charlize Theron derzeit in «Tully» als überforderte Mutter von dreien an einer postnatalen Depression den Verstand verliert.

Und dann begegnet man ihr vor allem auch im Buchmarkt. Dort ist der Trend sogar am auffälligsten. Allein dieses Jahr sind erschienen: «Mothers. An Essay on Love and Cruelty» der britischen Essayistin Jacqueline Rose, «And Now We Have Everything. On Motherhood Before I Was Ready» der amerikanischen Journalistin Meaghan O’Connell, «Stillleben» der deutschen Schriftstellerin Antonia Baum und «Motherhood» der kanadischen Schriftstellerin Sheila Heti. Und das ist nur eine Auswahl.

Mutter zu werden, ist für viele Frauen eine Erschütterung und eine tiefe Verunsicherung.

Eine Auswahl, die sich daran orientiert, dass einige der Autorinnen vor dem Mutterthema bereits andere Sujets berührt haben, die wiederum uns, die Leserinnen und Leser, berührt haben. Daran, dass es keine Ratgeber sind, sondern Essays, Erinnerungen, Zeugenberichte aus einer Kampfzone, die, so suggerieren sie quasi im Gleichklang, als solche weiter maximal unterschätzt wird. Was diese Bücher verbindet, ist der Wille zur Wahrheit. Die Lust, ähnlich wie Badinter oder auch die Amerikanerin Adrienne Rich mit ihrem fantastischen «Of Woman Born. Motherhood as Experience and Institution» (1995), das Bild der Mutter als Verkörperung der Perfektion auszuhebeln und die Mutterschaft als das zu benennen, was sie für viele Frauen ist: eine Erschütterung, eine tiefe Verunsicherung.

So berichtet etwa Antonia Baum, die Berliner Journalistin – die sich und anderen geschworen hatte, nie über die Mutterschaft zu schreiben, weil das «Schriftstellerselbstmord» sei –, wie ihre neue Rolle sie in eine Identitätskrise stürzt. Sie fühlt sich schon als Schwangere «arbeitslos und behindert», «wie gestrichen» und meint, sich damit abfinden zu müssen, demnächst «niemand zu sein». Sie sitzt quasi das gesamte Buch über in ihrer Wohnung und fühlt sich abgekapselt von der Welt, in der «das Geld und die Freiheit» liegen, in der sich «all das befindet, was Menschen brauchen, die traurig und gestresst, versuchen, glückliche Menschen zu werden: Marni-Kleider, Spargelsalat mit Garnelen, Meditationsangebote, gute Friseure, gute Feinkostläden.»

Der aufgezwungene Stillstand und das Leben ausserhalb der Blase, die sie als werdende Mutter vorläufig ausgespuckt hat, machen ihr klar, wie wenig das Muttersein mit dem Weiblichkeitsideal ihrer Generation – in den Achtzigerjahren geborenen Frauen – zusammenpasst: «Es gibt nichts Gegensätzlicheres als die Mach-was-aus-dir-Konditionierung, die so ein moderner Kopf durchläuft, und die Versorgung eines Kindes.» Sie nennt diese Zerreissprobe einen «Unfall zwischen Natur und Sozialisierung» und fühlt sich durch diese Natur unangenehm stark auf ihr Frausein zurückgeworfen.

Ihre Illusion der totalen Gleichheit zerbricht an diesem Baby, auch deshalb, weil sie sich, im Gegensatz zu ihrem Partner, Zwängen und Idealbildern unterworfen fühlt. Sie will perfekt sein, sein «wie eine richtige Mutter aus dem Internet. Eine Mutter, die für ihr Kind alles tut und nichts unversucht lässt.» Sie meint, «ein Baby bedeutet auch den Start eines Wettlaufs um das bessere, das richtige Leben», und gewinnt den Eindruck, «es gehöre zum Leben einer Frau, auszuhalten, zu ertragen und sich zurückzustellen – zu dienen». Von Mutterglück ist in ihrem Bericht wenig bis nichts zu finden, weshalb sie sich immer wieder vorwurfsvoll fragt, weshalb sie dieses life so verdammt hart findet.

Unerfüllbare Ideale

Da fragt man sich als Frau, die, wie gesagt, selbst noch kein Kind hat: Wer findet das denn nicht? Wer behauptet heute noch ernsthaft, dass irgendeine Frau das Kinderkriegen und die Veränderung, die es für ihr Leben bedeutet, nicht als grausam und hart empfindet? Wissen wir nicht allerspätestens seit Orna Donath und ihrer weltweit diskutierten Studie «Regretting Motherhood», dass es durchaus auch Frauen gibt, die das Muttersein nicht nur hart finden, sondern wirklich hassen? Hat die israelische Soziologin nicht schon vor drei Jahren bewiesen, dass der Mythos des allgemeinen Mutterglücks eine Lüge und das Erlebnis für jede anders, für manche eben auch anhaltend schrecklich, ist? Und dementsprechend: Ist das Tabu, gegen das Baum und ihre Kolleginnen über viele Seiten anschreiben, überhaupt noch eines?

Schliesslich haben auch viele andere Autorinnen, lange vor Donath, auch vor Badinter und Rich, die unerfüllbaren Erwartungen und die dadurch ausgelöste Frustration, das Leid der Mütter in Worte gefasst. So heisst es etwa bei Sylvia Plath: «Kein Wunder ist grausamer als dieses.» Bei Rachel Cusk, die sich bereits 2001 in ihren leidenschaftlich gehassten Erinnerungen «A Life's Work» mit der Frage befasst: «Man ist wie jemand, der fälschlicherweise im Knast gelandet ist. Jemand aus einem Kafka-Roman, der seine Strafe verbüsst, ohne zu wissen, was er getan hat.» Cusk meint sogar, es würde keiner mehr Kinder machen, wenn er wüsste, wie es wirklich ist. Trotzdem beschreibt sie es: die Verzweiflung und die Angst, die Verwirrung und Ambivalenz der Gefühle, die unerfüllbaren Ideale, die auf ihr lasten. Muss man also wirklich noch so viel mehr darüber sagen?

Wichtiges Thema bei Elena Ferrante

Offensichtlich ja. Oder wie Elena Ferrante, die sich in ihren Romanen viel mit dem Thema der Mutter befasst, es sagen würde: «Die Aufgabe von Schriftstellerinnen heute ist es aufzuhören, die Mutterschaft als die Idylle zu beschreiben, als die sie viele Ratgeber darstellen wollen. Dies führt nur dazu, dass Frauen sich mit Schuldgefühlen quälen und in schreckliche Selbstzweifel gestürzt werden.»

Das berühmte schlechte Gewissen von Bettelheim, da ist es wieder! Denn natürlich zerbrechen Ideale nicht einfach daran, dass ein paar Leute sie für unrealisierbar erklären. Zumal genügend andere suggerieren, es sei eben eine Frage des Willens und der Disziplin, und Frauen, die gewisse Normen als erdrückend empfinden und infrage stellen wollen, seien der Mutterschaft unwürdige Heulsusen. Nur, das muss man kurz festhalten, sind überhaupt nicht alle Berichte über dieses immerhin exklusiv weibliche Erlebnis larmoyant.

Manche sind sogar sehr lustig. Beim Lesen von O'Connell zum Beispiel musste ich mehrmals laut lachen, über ihre wahnwitzige Erzählung der für sie wirklich grauenhaften Geburt: Sie, die – wie viele junge Frauen heute – eine ganz natürliche Geburt wollte, schreit der Geburtshelferin mehrmals entgegen, sie solle sie gefälligst endlich erschlagen. Und auch die Beschreibungen danach sind, obwohl sie eher von Unglück als von Glück erzählen, so selbstironisch, dass sie weniger den Eindruck erwecken, hier wolle jemand öffentlich rumheulen, als vielmehr den, dass da eine junge Frau andere junge Frauen beruhigen will – ohne auf beschönigende Klischees zurückzugreifen.

Der Mythos der heiligen Mutter ist in unserer Kultur sehr tief verankert.

Weshalb es diese Klischees und den Abwehrreflex gegen der Wahrheit näher stehende Bilder weiterhin gibt und worauf sie sich stützen, das versteht man nach der Lektüre von Jacqueline Roses kulturhistorischem Essay «Mothers. An Essay on Love and Cruelty» etwas besser. In der Welle dieser doch sehr ichbezogenen, leicht redundanten Mutterbücher wirkt ihre Studie erfrischend, weil sie Abstand nimmt. Sie stellt darin anhand von Beispielen – von der antiken Tragödie (Medea!) bis hin zur modernen Literatur – dar, wie tief der Mythos der heiligen Mutter in unserer Kultur verankert ist.

Wie unumstritten er bleibt – und bleiben soll. So meint Rose, dass wir Mütter seit jeher für alles, was in der Welt schiefläuft, verantwortlich machen, weil wir instinktiv davon ausgehen, dass es ihr Job ist, diese zu einem glücklichen, sicheren Ort zu machen: «Weil Mütter als unser Eingangstor in die Welt angesehen werden, scheint es normal, es als ihre Aufgabe anzusehen, diese vor der sozialen Verrohung zu bewahren.»

Und weil sie diese gesellschaftsprägende Funktion innehaben, hat das Kollektiv auch Erwartungen an sie, stellt Ansprüche wie auf ein Allgemeingut. Der schon seit Jahrhunderten transportierte und bis heute allgemein verbreitetste sei die Annahme, dass die Liebe einer Mutter grenzenund bedingungslos zu sein hat. Selbstvergessenheit ist hier, wie schon Simone de Beauvoir wusste, der Schlüssel zum Glück: «Eine Mutter muss ausschliesslich für ihr Kind leben. Eine Mutter ist eine Mutter und sonst nichts», meint Rose.

Der «feministische Auftrag» vieler Bücher

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung, nach dem Bewahren einer gewissen Individualität, einer Identität ausserhalb des Mutterseins scheint in diesem Bild, in dem die Mutter eine Art biblische Verkörperung der Güte, des Mutes, der Zuversicht und der Grosszügigkeit ist, verwerflich und, siehe Badinter, fast widernatürlich.

Zwar wirken auch das von Rose umrissene Mutterideal und der Druck, den «die Gesellschaft» auf die Frau ausübt, teils überspitzt – viel mehr, als dass Frauen ja trotz allem Gesellschaftsdruck frei denkende Wesen sind, kann man dem aber nicht entgegenhalten. Was, fragt Jacqueline Rose schliesslich, würde passieren, wenn man von Frauen nicht mehr erwarten würde, alles Leid der Welt auf sich zu nehmen? Wahrscheinlich wäre es in der Tat das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Nur, so meint sie, wäre das vielleicht, zumindest für die Mütter, nicht das Schlechteste.

Nun setzt all das bisher Gesagte in gewisser Weise voraus, dass Frauen, wenn sie biologisch dazu in der Lage sind, auf jeden Fall Kinder in die Welt setzen wollen und werden. All diese Bücher suggerieren, dass der «feministische Auftrag» in der Beschäftigung mit dem Mutterthema in der Entmystifizierung der Mutter liegt. Aber was ist mit jenen Frauen, die gar keine Kinder wollen? Was, müsste man sich im Zuge dieser Diskussion auch fragen, bedeutet das Nicht-Mutter-Sein für eine Frau im 21. Jahrhundert? Mit dieser kaum ausgeleuchteten Facette der Mutterschaft beschäftigt sich die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti in «Motherhood».

Will eine Frau sein wie die bewundernswerten Frauen mit Kind? Oder will sie das Kind wirklich?

Sie greift damit einen Aspekt auf, den die anderen schnell anreissen. Antonia Baum etwa erklärt, in ihrem Umfeld sei die Option Nicht-Mutter überhaupt nicht gegeben. Anna Prushinskaya bemerkt: «Ich habe insofern entschieden, als dass ich fand, es zu versuchen, klinge ‹in Ordnung› und Kinder ‹gut›. Ich habe nicht analysiert, was ein Kind bedeuten würde, ob es gut wäre für mich und die Welt. Das sind wohl Überlegungen, die man hat, wenn man es ausschliesst.» Wie wahr das ist, führt Heti vor. Müsste man unter all den Mutterbüchern eines wählen, das neu und anders und wie das von Rose gewünschte Ende der Zwanghaftigkeit klingt, es wäre dieses.

Einfach weil Heti die Mutterschaft nicht als Selbstverständlichkeit akzeptiert, sondern die von Frauen wie der kürzlich in das Pantheon eingetretenen Simone Veil erkämpfte Wahl ernst nimmt. Und sich fragt: Will ich ein Kind oder nicht? Und wenn: Will ich es, weil ich sein will wie die «bewundernswerten Frauen mit Kind» oder weil ich es wirklich will?

Eine gigantische Verschwörung?

Ihr Nachdenken über die Mutterschaft beginnt, als sie siebenunddreissig ist. Plötzlich machen alle um sie herum Babys und erwarten das Gleiche von ihr, weil sie, wie ihr Freund Miles sehr hellsichtig bemerkt, wollen, dass sie «genauso behindert ist wie sie». Drei Jahre zerbricht sich Heti den Kopf darüber, driftet kurzzeitig in eine Depression ab, weil es ja, wie sie schreibt, «traurig ist, etwas nicht zu wollen, das für so viele Menschen der Lebensinhalt ist». Es werde, meint sie, von einer Frau erwartet, dass sie sich irgendwann in diese für alle beruhigende Immobilität, Baums Stillleben, begibt: «Denn was tut eine Frau Ende dreissig sonst? Welchen Ärger wird sie uns bereiten?»

Die Mutterschaft scheint ihr wie eine gigantische Verschwörung, die Frauen in ihren Dreissigern abhalten soll, Sinnvolles zu tun: «Als Frau kann man nicht einfach sagen, dass man keine Kinder will, man braucht einen Plan, eine Idee, was man stattdessen machen will. Und er sollte besser gut sein.»

Heti hat diesen Plan natürlich: Sie will weiter Bücher schreiben. Etwas gebären, das nicht sterben wird. Und muss sich irgendwann eingestehen, dass dieses Schreiben, für das man Platz, Ruhe und sich selbst braucht, zumindest für sie mit einem Kind, das in etwa das Gleiche fordert, inkompatibel ist. Ihre Suche, die wohl ebenso schmerzhaft ist – wenn auch ganz anders –, wie die ihrer Mütter gewordenen Kolleginnen wirkt, nimmt fast philosophische Züge an. Es geht um Transmission, Erinnerung, um die Frage, was man von den Vorfahren in sich hat und wie man es weiterträgt in die Welt. Als sie sich endlich entschieden hat, scheint es ihr «wie ein Wunder, wie etwas, das ich immer tun wollte, wovon ich aber nicht sicher war, ob es mir je gelingen würde».

Die Fragen und Sorgen der Mütter betreffen nicht nur Frauen, sondern die Gesellschaft als Ganzes.

Rachel Cusk hatte vor fast siebzehn Jahren in «A Life's Work» geschrieben: Die Tatsache, dass sich so viele Frauen von der Mutterschaft und allem, was daran hängt, vollkommen überrumpelt fühlen, so als habe ihnen niemals einer die Wahrheit darüber gesagt, erkläre sich dadurch, dass Menschen, die keine Kinder haben oder wollen, sofort taub werden, sobald eine Frau von ihrem Muttersein erzählt. Ganz leugnen kann man das nicht.

Und wahrscheinlich liegt das Verdienst dieser neuen Mutterbücher genau darin, dass sie weit über die Leidensberichte, die für Nicht-Mütter nur bedingt interessant sind, hinausgehen und deutlich machen, dass die Fragen und Sorgen der Mütter nicht nur diese und auch nicht nur die Frauen, sondern die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Denn wie sagte Adrienne Rich so schön: Alles menschliche Leben auf der Welt wurde von einer Frau geboren. Einer Mutter.

Lektüre-Tipps: Antonia Baum, «Stillleben»; Sheila Heti, «Motherhood»; Jacqueline Rose, «Mothers. An Essay on Love and Cruelty».

(Das Magazin)

Erstellt: 02.10.2018, 22:22 Uhr

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