Der Glaube an die Verschwörung

Die Antwort auf eine Leserfrage zum universellen Misstrauen, welches mit einem Wust an Informationen unterfüttert wird.

Beliebte Verschwörungstheorie: Die Amerikaner oder der CIA sollen die Zwillingstürme am 9. September 2001 selbst zerstört haben. (AP, Keystone)

Beliebte Verschwörungstheorie: Die Amerikaner oder der CIA sollen die Zwillingstürme am 9. September 2001 selbst zerstört haben. (AP, Keystone)

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Ein langjähriger Freund, intelligent, erfolgreich, ein Familienmensch, hängt plötzlich abstrusen Verschwörungstheorien an – zu 9/11, der Mondlandung und anderen Themen. Es ist seine neue Lebensphilosophie oder vielmehr: ein Abgleiten in den Wahn. Wie ist so etwas möglich? Ist es zeittypisch?
J. N.

Lieber Herr N.
Wahnhaftes Denken ist kein grundsätzlich anderes Denken, sondern die Übertreibung des systematischen Denkens. Unsere Welt wäre nicht mehr unsere Welt, wenn wir alles, was geschieht, als Zufall auffassen würden. Niemand könnte so leben. Wir leben vielmehr in der Überzeugung, dass vieles mit vielem zusammenhängt und dass es oft kausale Beziehungen zwischen Ereignissen gibt. Wo wir keine erkennen, behelfen wir uns mit einfachen Erfahrungssätzen wie zum Beispiel dem, dass «shit happens».

Oder manchmal auch nicht. Wir erkennen in vielem einen Sinn, in manchem nicht und können es hinnehmen, dass es Lücken in unserem Wissen gibt. Wir sind unsystematische Systematiker. Und wir sind grundsätzlich vertrauensselig. Wir werden zwar wahrscheinlich misstrauisch, wenn ein Enkel, den wir gar nicht haben, dringend von uns Geld will. Aber wir wären wahrscheinlich nicht selbst darauf gekommen, dass VW die Abgaswerte unseres Diesels manipuliert hat. Allerdings nehmen wir auch nicht an, die Berichte über diese Manipulationen könnten ihrerseits eine raffinierte Manipulation der Konsumenten sein.

Ein Verschwörungstheoretiker (VT) ersetzt dieses alltägliche Vertrauen durch ein universelles Misstrauen, von dem nur die wenigen Quellen ausgenommen sind, die sein Misstrauen bestätigen, und denen er darum wiederum vertraut – ein sich selbst verstärkender Zirkel. Die Lücken des Zufalls stopft der VT mit einem Wust von Informationen, und wo unsereins bestenfalls Argumente hat, hat der VT einen unerschöpflichen Vorrat an Fakten, die sich – wie im Traum der Erkenntnisproduktion durch Big Data – wie von selbst zu einer einzigen Erklärung zusammenfügen.

Verschwörungstheorien hat es zu vielen Zeiten gegeben. Was aber neu ist, ist die Möglichkeit, sich dank zahlreicher Internetquellen in völlig autarken Informationswelten einzurichten. Man kann sich seine Social-Media-Kontakte so ­organisieren, dass man nur noch von Gleichgesinnten mit Nachrichten versorgt wird. Und so wie es früher in Quizsendungen die Leute gab, die alles über die Käfer Südfrankreichs wussten und damit selbst die Hochachtung des als Experten anwesenden Zoologieprofessors erlangten, so gibt es heute Menschen, die alles über 9/11 wissen. Und die morgen noch mehr über 9/11 wissen werden. VT sind so etwas wie die Karikatur des spezialisierten Privatgelehrten. Nur dass diese nerdigen Gelehrten meist einsam waren; VT haben wenigstens auf Facebook viele Freunde..


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 23:35 Uhr

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