Ein «Puureschüblig» als Unfallursache

Wer sich beim Essen ein Stück Zahn abbeisst, spricht gemeinhin von einem Unfall. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Unfallversicherung für die Behandlung aufkommt.

Bei einem aussergewöhnlichen äusseren Faktor muss die Unfallversicherung zahlen: Auch wenn das Gebiss schon vor dem Unfall lädiert war.

Bei einem aussergewöhnlichen äusseren Faktor muss die Unfallversicherung zahlen: Auch wenn das Gebiss schon vor dem Unfall lädiert war. Bild: Keystone

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Bauarbeiter A gönnt sich zum Feierabend ein kühles Bier und einen «Puureschüblig». Beim Verzehr der Wurst beisst er auf einen Knochensplitter und ruiniert einen Zahn. Arbeiter B wählt eine Berner Zungenwurst, beisst auf einen Knorpel und erleidet das gleiche Schicksal. Bei wem kommt nun die Unfallversicherung für das Flicken des Zahns auf? Antwort: Nur bei A, denn nur er hat auf einen Fremdkörper gebissen, der normalerweise in der betreffenden Wurst nicht vorkommt, also ungewöhnlich ist. Ein «ungewöhnlicher äusserer Faktor» ist laut Gesetz Bedingung dafür, dass ein Unfall im rechtlichen Sinn vorliegt, für den die Unfallversicherung zahlt.

Die geschilderten Fälle sind nicht erfunden – das Eidgenössische Versicherungsgericht hatte sich mit ihnen zu befassen. Im «Puureschüblig»-Urteil kam es nach eingehender Wurst-Analyse zum Schluss, ein Knochensplitter sei «weder bei Wurstwaren aus grobem Brei (Salami, Landjäger usw.) noch bei solchen aus feiner, pürierter Masse (Wienerli, Cervelats usw.) üblicher Bestandteil des verarbeiteten Materials».Ob Knochen oder Knorpel ist allerdings nicht Wurst. Eine Berner Zungenwurst, so die Richter, werde aus Fleisch hergestellt, das sehr nahe an den Knochen liege. Beim Ausbeinen gelangten daher öfters Knorpelstücke in die Fleischmasse. Ergo seien Knorpel in einer solchen Wurst nichts Ungewöhnliches, und die Unfallversicherung müsse nicht zahlen.

Erst prüfen, dann beissen

Anderes Beispiel: Frau C isst ein Stück Kirschkuchen, das mit entsteinten Kirschen hergestellt wurde, Frau D eines mit nicht entsteinten Früchten. Beissen sich beide an einem Kirschenstein einen Zahn aus, übernimmt nur die Unfallversicherung von C die Zahnarztrechnung. Denn ein Kirschenstein ist nur in einem Kuchen mit entsteinten Früchten ungewöhnlich. Betroffene sollten daher bei der Bäckerei oder im Restaurant nachfragen, ob der Kuchen mit entsteinten oder nicht entsteinten Früchten hergestellt wurde.

Keine Rolle spielt hingegen, ob Zahngeschädigte mit einem Fremdkörper im Nahrungsmittel rechnen mussten oder nicht. Das zeigt der Fall eines Mannes, der von einem Besucher eine Schachtel Pralinen namens Griottes au Kirsch geschenkt erhalten hatte. In der Annahme, diese bestünden ähnlich wie die bekannten Mon-Chéri-Pralinen aus einem Zuckerkern mit Kirschwasser, biss er kräftig hinein – auf einen Kirschenstein. Was der Mann, dessen Backenzahn dabei abbrach, beim Essen gedacht habe, müsse «unberücksichtigt bleiben», befand das Bundesgericht. Massgebend sei einzig, dass die Pralinen mit nicht entsteinten Weichselkirschen gefüllt waren und der Stein somit nicht ungewöhnlich war. Abgesehen davon sei es unsorgfältig gewesen, in eine Griotte au Kirsch zu beissen, ohne vorher zu prüfen, welche Bestandteile sie enthält, so die Richter.

Pech für «Totenbeinli»-Esser

Die Gerichte haben oft an kulinarischen Fällen herumzubeissen. «Es fällt auf, dass sie das Vorliegen eines Unfalls mehrheitlich verneinen», sagt Rechtsanwalt Markus Hüsler, Bereichsleiter bei der Suva in Luzern. Eine Abfuhr erhalten in der Regel Personen, die sich einen Zahn an üblicherweise harten Nahrungsmitteln wie «Totenbeinli» oder Bonbons ausgebissen haben.

Kaum verständlich ist hingegen, dass das Eidgenössische Versicherungsgericht auch einen Kläger abblitzen liess, der beim Essen von Hirschpfeffer auf ein im Fleisch stecken gebliebenes Projektilteils biss. Der Zürcher Anwalt Michael Ausfeld kritisiert: «Ein Projektil, das sich im Tierkörper zerlegt und vom Jäger nicht entdeckt wird, ist absolut ungewöhnlich. Es ist nicht nachvollziehbar, dass dem Wildkonsumenten das Risiko für die unwahrscheinlichste aller Varianten aufgebürdet wird.»In der Regel aber scheitern Opfer von Kauschäden an etwas viel Profanerem – nämlich daran, dass sie das Corpus Delicti verschluckt haben. Das Bundesgericht ist in solchen Fällen gnadenlos. Wer bloss behauptet, auf einen Stein oder auf «etwas Hartes» gebissen zu haben, geht leer aus. Ein Knabbermüesli-Esser musste sich beispielsweise vom Gericht sagen lassen, der Zahnschaden könne ebenso gut «beim Beissen auf eine nicht aufgeweichte, gefriergetrocknete Beere oder auf eine harte Weizenflocke entstanden sein». Gefragt sind also harte Beweise. Deshalb sollte man den Fremdkörper unbedingt ausspucken und aufbewahren.

Milde Richter im Nussgipfel-Fall

Aus dem Rahmen fällt diesbezüglich ein neuer Entscheid vom März 2010. Hier begnügte sich das oberste Gericht mit der Aussage eines Mannes, er habe beim Nussgipfel-Essen auf etwas Hartes gebissen. «Höchstwahrscheinlich» habe es sich um ein Stück Nussschale gehandelt, befanden die ungewöhnlich milden Richter. Die Unfallversicherung – konkret die Krankenkasse – musste zahlen.

Die Krankenkassen übernehmen Unfallschäden von Rentnern, Hausfrauen, Selbstständigen und Schülern. Selbstbehalt und Franchise müssen Betroffene direkt beim Restaurant oder Lebensmittelhersteller geltend machen. Berufstätige sind in der Regel über den Arbeitgeber obligatorisch unfallversichert – ohne Franchise und Selbstbehalt. «Gedeckt sind Behandlungen, die dem Zustand des Gebisses angepasst sind», sagt Suva-Jurist Markus Hüsler. «Eine teure Brücke wird beispielsweise nur bewilligt, wenn die Zähne gepflegt sind.»Weniger konfliktträchtig als Kauschäden sind Zahnschäden infolge Sport- und Verkehrsunfällen. Hier ist der Unfallbegriff oft eindeutig erfüllt. Strittig war hingegen kürzlich der Fall eines Bauingenieurs, der in eine 80 Zentimeter tiefe Grube sprang. Weil er sich dabei abstützen wollte, nahm er seinen Kugelschreiber in den Mund. Bei der Landung biss er auf den Kugelschreiber, wodurch ein Zahn gespalten wurde. Ungewöhnlich? Nein, sagte das Bundesgericht, das sei ein «alltäglicher Vorgang». Der Mann musste den Zahnarzt selber berappen.

Erstellt: 15.05.2011, 21:07 Uhr

Wer für welche Behandlung zahlt

Rund 90 Prozent aller Zahnbehandlungen müssen die Patienten selber zahlen. Bei schweren Erkrankungen springt jedoch die Krankenkasse ein.



  • Die Grundversicherung der Krankenkasse übernimmt die Kosten von Zahnschäden infolge schwerer Krankheiten (zum Beispiel Leukämie, Aids, Depression) oder deren Behandlung (Nebenwirkungen von Medikamenten, Chemotherapie). Auch schwere Erkrankungen des Kausystems sind gedeckt, sofern sie nicht durch bessere Mundhygiene vermeidbar waren. Das kann etwa bei Problemen mit Weisheitszähnen der Fall sein. Ferner zahlt die obligatorische Krankenpflegeversicherung bei bestimmten Geburtsgebrechen sowie nach einem Unfall, wenn der Betroffene über keine Unfallversicherung verfügt (siehe Haupttext). Der Genfer SP-Nationalrat Jean-Charles Rielle verlangt mit einer im März eingereichten parlamentarischen Initiative, dass künftig alle Zahnbehandlungen von der Grundversicherung übernommen werden.

  • Freiwillige Zusatzversicherungen erbringen Leistungen gemäss ihren Allgemeinen Vertragsbedingungen. Gedeckt ist etwa das Flicken von Löchern, aber auch der Einbau von Kronen oder Brücken. Für Erwachsene lohnt sich eine Zahnpflegeversicherung indes kaum, weil die Prämien relativ hoch und die Leistungen betragsmässig beschränkt sind. Sinnvoll kann hingegen eine «Zahnspangen-Versicherung» für Kinder sein. Sie übernimmt meist zwischen 50 und 80 Prozent der Kosten von Zahnstellungskorrekturen. Tipp: Vor dem dritten Geburtstag des Kindes abschliessen, nachher verlangen viele Kassen ein Attest.

  • Die Invalidenversicherung zahlt für Zahnbehandlungen bei gewissen Geburtsgebrechen, allerdings nur bis zum 20. Altersjahr des Patienten. Nachher ist die Krankenkasse zuständig.

  • Im Rahmen von Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV- oder IV-Rente werden Zahnarztkosten vergütet, sofern die Behandlung einfach, wirtschaftlich und zweckmässig erfolgt. Dazu gehören das Ziehen schadhafter und das Erhalten wichtiger Zähne sowie das Setzen von Füllungen, nicht aber Kronen, Brücken und Implantate. Sind die voraussichtlichen Kosten höher als 3000 Franken, müssen Rentnerinnen und Rentner der EL-Stelle vorgängig einen Kostenvoranschlag einreichen. Diese akzeptiert nur Rechnungen zum Sozialtarif von Fr. 3.10 pro Taxpunkt.

  • Die Sozialhilfe kommt nach den sogenannten Skos-Richtlinien für Zahnbehandlungen auf. Die Voraussetzungen entsprechen jenen bei den Ergänzungsleistungen. Betroffene müssen dem Sozialamt ihrer Wohngemeinde aber in jedem Fall einen Kostenvoranschlag vorlegen. (thm)

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