Ist die Angst vor Ebola berechtigt?

Das Virus als Metapher.

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Seit dem ersten Ebola-Fall in Europa reden wieder alle von Seuchen. Vorher waren es Sars, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Aids. Dabei ist es meiner Meinung nach unnötig, sich in der Schweiz Sorgen zu machen. Weshalb haben Menschen Angst vor Ansteckung? Ist diese Angst berechtigt, oder steckt da auch viel Panikmache (der Medien) dahinter?
A. R.

Liebe Frau R.

Anfang der 80er-Jahre hörte ich den Vortrag eines linken Zürcher Psychoanalytikers, in dem dieser Aids als Symptom eines sexualpolitischen Backlash deutete. Der Refrain seines Vortrags lautete: «Aids ist keine Krankheit ...» Kurz zuvor hatte der «Spiegel» eine reisserische Titelgeschichte veröffentlicht, in der die wenige Jahre zuvor entdeckte Krankheit als «Schwulenseuche» bezeichnet wurde. Es war also nicht ganz unverständlich, dass man der Krankheit skeptisch begegnete und sie am liebsten als Effekt eines neuen, reaktionären Sexualitätsdiskurses betrachtet hätte.

Leider war die gut gemeinte These hanebüchener Unfug. Aids wurde zu einer der schlimmsten neuen Seuchen der Gegenwart; und die Tatsache, dass gerade die Homosexuellen eine Vorreiterrolle in der Prävention einnahmen, sorgte für ihre Akzeptanz in der Gesellschaft, von der die Gay-Liberation-Aktivisten der 70er-Jahre nur hatten träumen können. Was ich damit sagen will (ja genau, höre ich Sie nämlich sagen: was wollen Sie mir eigentlich sagen? – Moment! Wie soll ich Ihnen sonst sagen, was ich sagen will), ist Folgendes: Man weiss bei neu auftauchenden Viren oder bei plötzlichen Ausbrüchen schon längst bekannter Seuchen nicht, was daraus wird. Der interkontinentale Tourismus sorgt dafür, dass ein Virus mit Leichtigkeit die Grenzen seines bisherigen Reviers verlassen und zu einer globalen Gefahr werden kann. Dies umso mehr, je ausgeprägter seine Mutationsfähigkeit ist, sprich: die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine der neuen Umgebung besser angepasste Variante entwickelt, die möglicherweise leichter Artenschranken überwinden und somit einfacher übertragen werden kann.

Was die Berichterstattung über Epidemien angeht, sehe ich neben eher seltener Panikmache eine entgegengesetzte Tendenz: Man will dem Problem zuweilen feuilletonistisch beikommen. Also: das Virus als Metapher. Natürlich weiss man, dass etwa die Metaphorik des Kalten Krieges voll von bakteriologischen und immunologischen Metaphern war. Aber daraus den Umkehrschluss zu ziehen, die Angst vor Ebola sei nichts anderes als die verschobene Angst vor der Überflutung durch Flüchtlinge aus Afrika, scheint mir unangebracht. Der rassistischen Ausbeutung der Ebola-Epidemie und der Forderung nach geschlossenen Grenzen als immunologischem Cordon sanitaire begegnet man nicht am besten dadurch, dass man die Gefahr leugnet. Und dass die Leute hierzulande in eine Ebola-Angst-Hysterie verfallen, kann ich beim schlechtesten Willen nicht erkennen.

Erstellt: 14.10.2014, 17:31 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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