Joggst du noch, oder läufst du schon?

Wer als Erwachsener den Sport entdecken will, sucht sich gerne professionelle Hilfe. Wir begleiteten einen Anfänger-Laufkurs.

Warm-up, Technik, Tempo – diese Techniken müssen Sie vor dem nächsten Lauf unbedingt beachten. Video: Anthony Ackermann (Tamedia)

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Andi (55) möchte seine Leistungsfähigkeit verbessern. «Ich fange nicht bei null an, bin aber auch nicht megasportlich. Im Wald laufe ich stets dieselbe Strecke – aber ich werde nicht schneller.» Er träumt davon, einmal einen Halbmarathon zu absolvieren. Beatrice (46) hat Motivationsprobleme und hofft, diese mit dem Kurs zu überwinden. Ralf (40) spielt nach einigen Bänderverletzungen nicht mehr Fussball und möchte seine Lauftechnik verbessern. Andrea (56) begann wegen Arthrose mit Krafttraining und realisierte im Fitnesscenter auf dem Laufband, dass ihr das Spass macht. 2018 lief sie erstmals 10 Kilometer, das nächste Ziel ist ein Wettkampf über 12,5. Michael (48) war vier Monate verletzt und will den Wiedereinstieg schaffen. Stefanie (48) kann sich nicht dazu zwingen, schneller als im Wohlfühltempo zu laufen, auch wenn ihre Sport-App ihr das sagt. Und Karsten will dank der Gruppe wieder ins Laufen reinkommen.

Sie alle haben sich zum Einsteiger-Laufkurs des TV Unterstrass angemeldet und stehen nun auf der Sportanlage Sihlhölzli, bereit zum ersten von acht Donnerstagabend-Trainings. Einige von ihnen werden jede Woche teilnehmen, einige einmal und andere mehrfach fehlen, aus beruflichen Gründen oder weil sie sich verletzt haben.

Inputs vom Fachmann

Natürlich kann man auch laufen gehen, ohne sich dies vom Experten erklären zu lassen. Der Mensch weiss, wie es geht. Aber vielleicht ist es schon eine Weile her, vielleicht sogar schon Jahre, dass er sich sportlich betätigt hat. Weshalb es sicher nicht falsch ist, sich einige Inputs vom Fachmann zu holen. Zum Beispiel bei Simon Schreiber. Der 46-Jährige ist Running-Leiter im TVU und gibt als solcher jedes Jahr Kurse für Laufeinsteiger.

Wir wissen ja alle, es geht: linker Fuss, rechter Fuss, linker Fuss, rechter Fuss.

Beim ersten Training ist es Ende Februar, die Temperatur noch weit von kurzen Hosen und T-Shirt entfernt und die Nacht um 18.30 Uhr wegen der Winterzeit bereits hereingebrochen. Und die Neu- und Wiederläufer etwas angespannt ob der Herausforderung, der sie sich da stellen.

Wobei wir ja alle wissen, wie es geht: linker Fuss, rechter Fuss, linker Fuss, rechter Fuss. Das Ganze einfach ein bisschen schneller als gewohnt, bis dass wir ins Schwitzen und Schnaufen kommen.

Laufen nennt sich das dann. Und es hat nichts mit dem Wort Laufen gemeinsam, das wir im Schweizerdeutschen brauchen, wenn wir eigentlich Gehen meinen. Das ist die erste Lektion für den Laufeinsteiger. Er ist kein Jogger, sondern ein Läufer. Er geht laufen, nicht joggen. Von «Joggen» sprechen Nicht-Läufer, wie Nicht-Snowboarder «Snöben» sagen.

Niederschwelliger Einstieg

Die Nervosität ist unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern spürbar. Running-Leiter Schreiber ist sich bewusst, dass der Neustart für sie eine grosse Sache ist. Entsprechend niederschwellig gestaltet er seinen Kurs. Er stellt nur eine Anforderung: 30 Minuten am Stück sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer laufen können. Was nicht heisst, dass das ein Ausschlusskriterium fürs Laufen an sich wäre. Wem das zu viel ist, dem rät Schreiber, so anzufangen: 10 Laufminuten, dann 2 Gehminuten, dann wieder 10 Laufminuten – und so weiter, bis die halbe Stunde auch voll ist.

«Im Frühling kommen eher Leute, die sich aufs neue Jahr einen Vorsatz gefasst haben. Oder solche, die nach einer Pause wieder einsteigen», erzählt Schreiber. Sie alle suchten neben neuen Inputs auch die Gruppe, glaubt er: «In dieser ist man anonymer, unter Gleichgesinnten und so auch nicht so ausgestellt.»

«Es ist auf jedem Niveau motivierend, an die Grenzen zu gehen.»Simon Schreiber, Lauftrainer

An den Donnerstagabenden übt er mit den Laufneulingen klassische Trainingsformen: lässt sie Hügel hochlaufen oder auf der 400-Meter-Bahn Intervalle abspulen. Immer so, dass die Teilnehmer selber realisieren, wie sich ihre Leistungsfähigkeit dank den neuen Trainingsreizen verbessert. Denn wie sagt Schreiber: «Es ist auf jedem Niveau motivierend, an die Grenzen zu gehen.»

Und mit der Übung schwindet auch der Respekt vor neuen Herausforderungen. Das letzte Training des Laufkurses für Einsteiger ist der Beweis: Die Bedingungen sind, wie man sie sich an einem Frühlingsabend erhofft, das heisst Sonne und T-Shirt statt Dunkelheit und Jacke. Die Teilnehmer scherzen miteinander, bevor Trainer Schreiber mit ihnen losläuft.

Regelmässigkeit als Schlüssel

Die einstigen Neulinge und Wiedereinsteigerinnen haben in den vergangenen zwei Monaten viel Laufselbstvertrauen gesammelt. Schreiber fordert sie ein letztes Mal so richtig, sie drehen ihre 400-Meter-Runden immer schneller, dann ist der Kurs zu Ende.

Vielleicht treffen sich die Teilnehmer wieder in einer Laufgruppe des TVU. Vielleicht begegnen sie sich mal auf einer Runde im Wald. Oder bei einem Laufwettkampf, etwa beim vom TVU organisierten Silvesterlauf.

Simon Schreiber hofft, dass sie sich seine wichtigsten Botschaften eingeprägt haben. «Lauft lieber einmal mehr, dafür weniger lang», sagte er schon vor dem ersten gemeinsamen Training. Und: «Die Regelmässigkeit ist der Schlüssel. Je häufiger ihr rausgeht, desto selbstverständlicher wird es.» Zum Schluss findet er noch den allgemeinsten Tipp für alle, die auch schon mit dem Gedanken spielten, vielleicht mal – oder wieder mal – laufen zu gehen: «Fangt an – und denkt nicht zu weit. Dann kommt alles von selber.»

Die nächsten Einsteiger-Laufkurse starten Ende August respektive Ende Oktober. Infos: //tvunterstrass.ch/einsteiger-laufkurs/

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2019, 17:42 Uhr

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