Konzentration will gelernt sein

Mit diesen einfachen Übungen und Spielen lernen Kinder die Konzentration und Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand auszurichten, kann schwierig sein: Ein Kind bei den «Ufzgi». Foto: iStock

Die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand auszurichten, kann schwierig sein: Ein Kind bei den «Ufzgi». Foto: iStock

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Sie wippt, wackelt, bekommt kaum mit, was vorne geschieht. Dabei begrüsst der Schulleiter dort gerade die Erstklässler. Miri ist eine von ihnen. Sie hört ihm aber kaum mehr als einige Momente zu. Konzentration? Das grosse Problem der Sechsjährigen.

Mama und Papa machen sich Sorgen. Wie wird ihre Tochter in der Schule zurechtkommen? Sollten sie strenger mit ihr sein, damit sie sich mehr Mühe gibt, aufmerksam zu bleiben? Miris Eltern ist wie vielen Müttern und Vätern nicht bewusst, dass sie die Konzentrationsfähigkeit ihrer Schulkinder mühelos und vielseitig fördern können.

Die Kinder- und Jugendpsychologin Annette Cina befasst sich an der Universität Freiburg mit der Prävention kindlicher Verhaltensstörungen. Sie erklärt: «Konzentration ist die Fähigkeit, die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand auszurichten.» Aufmerksamkeit auszurichten, fällt vergleichsweise leicht. Das können bereits Kleinkinder. Etwa wenn sie die Mama einige Momente lang mit grossen Augen gebannt beobachten. Die Herausforderung liegt darin, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Diese Fähigkeit erfordert einen längeren Reifungs- und Lernprozess – und der verläuft bei jedem Kind anders.

«Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt sich die Konzentrationsfähigkeit sehr individuell und in einem unterschiedlichen Tempo», betont Annette Cina. Manche Sechsjährige reagieren beispielsweise schnell und leicht auf allerlei störende Reize in ihrer Umgebung. Da reicht ein Geräusch, und das Kind verliert den roten Faden. Andere können Ablenkungen bereits gut ausblenden.

«Es gibt einfache Übungen, bei denen die Aufmerksamkeit gebraucht und auf ganz natürliche Weise gefördert wird.»Claudia Roebers, Psychologin

Auch für die Konzentration gilt: Übung macht den Meister. Dafür braucht es keine teure Übungssoftware. Spiele wie «Ich sehe was, was du nicht siehst» und «Ich packe meinen Koffer und nehme mit» trainieren die Konzentration. Ältere Kinder können es wiederum mit Rückwärtszählen versuchen. Unterschiede in zwei nahezu identischen Bildern finden fördert die Konzentrationsfähigkeit ebenso.

«Das sind Übungen, bei denen die Aufmerksamkeit gebraucht und auf ganz natürliche Weise gefördert wird», sagt Claudia Roebers, die als Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Bern zur Kindesentwicklung forscht. Denn bei solchen Spielen muss das Kind mehrere Details im Gedächtnis behalten, auf Kleinigkeiten achten und beispielsweise auch das Gesehene mit dem Gesuchten abgleichen – das geht nur mit anhaltender Konzentration.

Auch Memoryspiele bieten sich laut Claudia Roebers an. Bei Erstklässlern sollte der Kartensatz nicht zu gross sein. Mit der Zeit können mehr Bilderpaare hinzukommen. Selbst aus scheinbar banalen Alltagsmomenten lässt sich eine Konzentrationsübung machen. Etwa wenn täglich eine Flasche Wasser auf dem Esstisch steht, die Mama sie aber einmal nicht hinstellt und das Kind raten lässt, was fehlt.

Durch Gleichaltrige lernt das Kind neue Aktivitäten kennen, die ebenfalls der Konzentration guttun.

Grundsätzlich sollten Eltern ihre Schulkinder immer wieder zum Malen, Basteln und Puzzeln einladen, statt sie passiven Aktivitäten wie dem Fernsehschauen zu überlassen. «Beim Fernsehen wird die Steuerung der Aufmerksamkeit übernommen – der kleine Zuschauer braucht nichts zu tun», erklärt Claudia Roebers. «Konzentration ist hier nicht nötig, weil der Kameraschwenk oder die Musik in wichtigen Momenten dafür sorgt, dass das Kind die zentrale Handlung mitbekommt.»

Schule eröffnet auch andere Möglichkeiten für die Konzentration der Kleinen. Neu auf der Schule, knüpft das Kind schnell Freundschaften. Durch Gleichaltrige lernt es neue Aktivitäten kennen, die ebenfalls der Konzentration guttun. Etwa neue Sportarten wie Federball und Eislaufen. Bei beiden muss sich das Kind anhaltend konzentrieren.

«Die Konzentration ist eine sehr empfindliche Fähigkeit – sie lässt sich leicht negativ beeinflussen.»Claudia Roebers, Psychologin

Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren können zwischen 15 und 25 Minuten aufmerksam bleiben. Bei Kindern ab sieben bis neun gelten rund 15 bis 45 Minuten als Durchschnitt. Eltern sollten nicht zu viel von ihrem Nachwuchs verlangen. Werden die Kleinen zu anstrengenden Übungen gezwungen, kann sich die gute elterliche Absicht schnell ins Gegenteil verkehren: Frust und Tränen statt Konzentration und Freude. «Mütter und Väter müssen sich bewusst sein, dass keine Konzentration gelernt werden kann, wenn das Kind nicht mag», betont Annette Cina.

Deshalb sollten die Erwachsenen im Auge behalten, wie es dem Kind gerade geht. Ist es hungrig oder müde? Womöglich aufgedreht oder nervös? Ist die Aufgabe zu schwer oder die Umgebung zu laut? Ist die Stimmung angespannt und die Familie zerstritten? All diese Einflüsse sollten Eltern bedenken, wenn sie das Gefühl haben: Mein Kind kann nie bei der Sache bleiben! «Die Konzentration ist eine sehr empfindliche Fähigkeit – sie lässt sich leicht negativ beeinflussen», sagt die Psychologin Claudia Roebers.

Die Erwachsenen sollten mit gutem Beispiel vorangehen: eine Aufgabe nach der anderen.

Bei älteren Kindern, etwa Acht- und Neunjährigen, sind Atemübungen sinnvoll. Dabei soll sich der Nachwuchs auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren. Das entspannt und beruhigt – und kann vor dem Lösen von Aufgaben hilfreich sein.

Bei Hausaufgaben und Lernen gilt: Bitte kein Multitasking. Nicht Matheaufgaben machen und zwischendurch ein Bild malen, während im Hintergrund ein Hörbuch läuft. Hier sind Mama und Papa besonders gefragt. Denn sieht ein Kind, dass seine Eltern mehrere Dinge auf einmal machen und sich auch noch von jeder ankommenden Nachricht auf dem Handy ablenken lassen, werden sie sich ähnlich verhalten. Sie werden mehreren Aufgaben gleichzeitig nachgehen und sich durch kleinste Reize aus ihrer Konzentration reissen lassen. Deshalb sollten die Erwachsenen mit gutem Beispiel vorangehen: eine Aufgabe nach der anderen.

Eltern sollten geduldig und nachsichtig sein.

Schweift das Kind bei seinen Hausaufgaben immer wieder in Gedanken ab, hilft eine kurze und präzise Anleitung. Dafür sollten Mama und Papa in einfachen, knappen Sätzen sagen, worum es bei der Aufgabe gerade geht. «Damit richten die Kinder den Fokus auf das, was die Eltern sagen, und blenden Unwichtiges aus», erklärt Annette Cina.

Um sich konzentrieren zu können, braucht es Ausdauer, Motivation und Durchhaltevermögen. Das muss jedes Kind erst einmal lernen. Deshalb sollten Eltern geduldig und nachsichtig sein. Fördern sie die Konzentration ihrer Schulkinder auf ungezwungene Weise, wird es den Kleinen nicht nur in der Schule, sondern lebenslang zugutekommen. Und das geht erstaunlich leicht. Spielend leicht.

Erstellt: 26.07.2018, 17:53 Uhr

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