Nachbarn wurden stutzig, als bei uns ein Mann ein und aus ging

Einzig das Sexleben trübte ihr Familienglück. Also überzeugte Stefanie (37) ihren Mann von einer offenen Beziehung. Was danach geschah.

Eine offene Beziehung gibt vielen etwas, was sie in der Ehe vermissen: Den grossen Kick statt Alltagslangeweile. Foto: iStock

Eine offene Beziehung gibt vielen etwas, was sie in der Ehe vermissen: Den grossen Kick statt Alltagslangeweile. Foto: iStock

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Wir lernten uns auf einer Brücke kennen. Jeden Morgen um halb acht kreuzten sich unsere Blicke auf dem Weg zur Arbeit. Da war eine Anziehung, so stark, dass ich die kurze Begegnung ersehnte wie ein Schiffbrüchiger die Möwen am Horizont. Eines Morgens nahm ich alles, was ich an Kühnheit in mir fand, zusammen und streckte ihm einen Brief entgegen. Am folgenden Tag kam die Antwort, und unsere Liebesgeschichte nahm ihren Lauf.

Ein paar Jahre später kam unser Sohn auf die Welt. Wir waren ein tolles Dreiergespann. Doch die Beziehung zu meinem Mann verlor ihre Leichtigkeit. Die körperliche Nähe war dem Druck gewichen, den gegenseitigen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich liebte meinen Mann. Trotzdem spürte ich, dass neue Sehnsüchte in dieser Konstellation niemals gestillt werden könnten. Was tun? Den Freiheitsdrang unterbinden? Mich den Konventionen anpassen? Meine Sexualität verkümmern lassen? Darauf verzichten, begehrt zu werden? Mit einer Affäre, das wusste ich, wäre mir nur vorübergehend geholfen. Welchen Weg sollten wir einschlagen: Scheidung oder weiter in die Sackgasse?

Zielstrebig, wie ich bin, bemühte ich mich um einen anderen Weg. Das Thema offene Beziehung kam auf den Tisch. Warum die ganze Beziehung über Bord werfen, wenn sonst alles harmoniert? Es war nur unser Sexleben, aus dem die Luft draussen war. Aber da waren unsere innige Verbundenheit und das Familienleben mit unserem Sohn. Ist es nicht utopisch anzunehmen, dass eine einzige Person sämtliche Bedürfnisse erfüllen soll? Warum nicht ausweichen auf sexuelle Beziehungen mit anderen?

Liebt ihren Mann – und lebt in einer offenen Beziehung: Stefanie Schmid, 37.

Es dauerte, bis wir eine Handhabung fanden, die sich mit unserem Familienleben vereinbaren liess. Versuche und Irrtümer, Verträge, Gespräche. Wie viele Nächte durfte jeder ausserhalb verbringen? Was ging zu weit? Einfach war es nicht. Vor allem, als Freunde und Familie mitbekamen, auf welch waghalsiges Experiment wir uns eingelassen hatten. Nachbarn wurden stutzig, als ein anderer Mann in unserer Wohnung ein und aus ging. Bekannte fragten nach, ob ich mich von meinem Mann getrennt habe, nachdem sie mich in der Stadt in den Armen eines anderen gesehen hatten. Die Eltern machten sich Sorgen um unseren Sohn, um mich, die in ihren Augen jede Vernunft verloren hatte.

Und ich? Blühte auf. Endlich konnte ich ausleben, was ich jahrelang zurückgedrängt hatte. Ich kam mir selber wieder näher und schliesslich auch meinem Mann, wenn auch auf einer Ebene tiefer Freundschaft. Eifersucht war nie ein Thema. Sie würde ein solches Modell verunmöglichen. Wir sehen die Öffnung als Bereicherung. Auch Verlustängste haben wir nicht. Jeder von uns weiss, wo sein Zuhause ist. Am Anfang verlor ich mich einmal so sehr in einer anderen Beziehung, die Achterbahnfahrt aus Verliebtheit und schmerzhafter Trennung war zu viel für einen funktionierenden Familienalltag.

Heute hat es sich eingespielt. Unseren Sohn weihen wir seinem Alter entsprechend ein. Die gemeinsame Zeit ist wieder geprägt von Leichtigkeit, in der unser Sohn uns als Eltern erlebt, die einander mit liebevollem Respekt begegnen. Ich weiss nicht, wie er später darüber denken wird. Ich hoffe, er sieht nicht das kleinkarierte Schwarz-Weiss-Muster aus gesellschaftlichen Zwängen, sondern eine Mutter und einen Vater, die ihr Leben nicht davon bestimmen lassen, was andere denken.

Und dass er ebenso selbstbestimmt seinen Weg geht. Rücksichtsvoll, aber nicht aufopferungsvoll. Ein Leben zu führen, das man aus tiefstem Herzen bejahen kann, sieht für jeden anders aus. Manchmal hilft es schon, wenn man eine andere Brille aufsetzt, statt immer gegen dieselbe Wand zu rennen und zu warten, dass es irgendwann nicht mehr wehtut. Die Devise ist: sich selbst treu bleiben.

Kann ich nur empfehlen.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 15. September 2018 im Magazin.

(Das Magazin)

Erstellt: 04.10.2018, 17:22 Uhr

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