Warum sich von Terroristen distanzieren?

Die Forderung, unbescholtene Schweizer Muslime sollen sich vom IS distanzieren, ist unverschämt.

Man wird gezwungen, sich als ein Individuum zu outen, dem die anderen zu Recht mit Misstrauen ­begegnen: IS-Sympatisant in Surabaya, Indonesien. Foto: Dita Alangkara (AP, Keystone)

Man wird gezwungen, sich als ein Individuum zu outen, dem die anderen zu Recht mit Misstrauen ­begegnen: IS-Sympatisant in Surabaya, Indonesien. Foto: Dita Alangkara (AP, Keystone)

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Wieso müssen sich die Muslime in der Schweiz distanzieren, wenn irgendwo auf der Welt ein paar durchgeknallte Vollbärtige mit einer Kalaschnikow hantieren? Kein Muslim mit gesundem Menschenverstand kam auf die Idee, die Christen dazu aufzurufen, sich etwa von Anders Breivik zu distanzieren. Warum sollen sich Schweizer Muslime vom IS distanzieren müssen? S. M.

Lieber Herr M.

Ich versuche mir vorzustellen, ich wäre ein ganz böser und bärtiger und blutrünstiger Schweizer Muslim und hätte nichts Besseres im Sinn, als demnächst nach Syrien auszureisen, um dort ein paar Ungläubigen die Kehle durchzuschneiden. Da ginge mir doch die kleine Lüge, ich täte mich auf das heftigste von solchen Gräueltaten distanzieren, locker von der schmalen Lippe. Es wäre schliesslich für einen guten Zweck.

Und nun mal angenommen, ich wäre ein sehr bis leidlich braver Muslim, der keinmal bis dreimal am Tag betet, seine Steuern zahlt, die alten Eltern ehrt, nur selten aus medizinischen Gründen heimlich Alkohol trinkt und mit seinen Kindern schimpft, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben: Wie käme ich dazu, mich von Leuten zu distanzieren, mit denen ich nicht mal ein Zehntel so viel am Hut habe wie Hans Küng mit dem Papst?

Die Forderung, das zu tun, ist nicht nur absurd, sie ist auch unverschämt. Denn sie unterstellt eine latente Komplizenschaft, von der ich mich erst durch ein öffentliches Bekenntnis lösen könnte. Es ist ein seltsamer Akt der Konversion, der verlangt wird: Man muss ­etwas werden, das man immer schon war, und etwas entsagen, an das man nicht im Traum denkt. Darin steckt die Perfidie der maoistischen und stalinistischen «Selbstkritik»: Man wird gezwungen, sich als ein Individuum zu outen, dem die anderen zu Recht mit Misstrauen ­begegnen.

Derselbe Geist der vorauseilenden Distanzierung weht übrigens auch durch die Floskeln der sogenannten Selbstverpflichtung, die Trainer und Trainerinnen zu unterschreiben haben, bevor sie mit Jugendlichen arbeiten dürfen: «Ich respektiere und schütze die sexuelle, seelische und körperliche Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen. Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe dulde ich nicht.» Das Selbstverständliche – hier wirds Ereignis. «Wenn ich selbst des Fehlverhaltens beschuldigt werde, werde ich zur Klärung des Verdachts beitragen.»

Wer sich weigert, einen solchen Blödsinn zu unterschreiben, macht sich natürlich verdächtig. Es gilt die präventive Schuldvermutung. Und das Individuum hat sie zu widerlegen. Und wäre es nicht so traurig und beklemmend, könnte man herzhaft lachen über diese wort­magischen Versuche, das Böse büro­kratisch in den Griff zu bekommen.

Erstellt: 07.10.2014, 19:03 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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