Was ist Chörbelwasser?

Der Name klingt irgendwie nicht nach Wohlsein, findet Leser K.

Für Chörbliwasser füllt man frische, zerschnittene Süssdolden, eine Kerbelart, in den Brennhafen und giesst Wasser darüber. Dann erhitzt man das Destilliergerät, der Süssdoldendampf steigt auf, kondensiert und tröpfelt dank seiner ätherischen Öle als milchiges Wässerchen ins Auffang­gefäss. Foto: PD

Für Chörbliwasser füllt man frische, zerschnittene Süssdolden, eine Kerbelart, in den Brennhafen und giesst Wasser darüber. Dann erhitzt man das Destilliergerät, der Süssdoldendampf steigt auf, kondensiert und tröpfelt dank seiner ätherischen Öle als milchiges Wässerchen ins Auffang­gefäss. Foto: PD

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Frage: Wir haben kürzlich über alte Hausmittelchen geredet, und da hat meine Bekannte ein sogenanntes Chörbelwasser erwähnt. Sie wusste aber nicht, wofür das gut ist. Was ist das überhaupt? Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn mir beim Wort «chörbeln» etwas anderes in den Sinn kommt als Wohlsein. B. K.

Lieber Herr K.,

keine Sorge, Sie brauchen gar nicht an Übelkeit und ihre Folgen zu denken, im Gegenteil, «Chörbliwasser», wie es richtig heisst, beruhigt Ihren Magen, es reinigt das Blut und senkt den Blutdruck. Der Name Chörbliwasser hat mit Kerbel zu tun, dem Chörblichrut, wie man in Gegenden wie dem Emmental oder dem Werdenbergischen im St. Galler Rheintal sagt – dort, wo Chörbliwasser herkommt und noch produziert wird. Es wird zubereitet wie das berühmte Rosenwasser, also alkoholfrei destilliert. Das wäre an sich nichts Aussergewöhnliches, aber man hat schlicht vergessen, dass ein Destillat nicht zwingend Schnaps sein muss, sondern auch schlicht der Extrakt einer aromatischen Substanz. Das war ursprünglich das Ziel, als in alten Zeiten durch Destillieren Duftessenzen aus Pflanzen gewonnen wurden.

Man gab Blätter oder Blüten in ein ­Gefäss mit Deckel und stellte es an die Sonne. Die Wärme entzog den Blättern die Feuchtigkeit, die an der Unterseite des Deckels aufgehalten wurde. Der Dunst blieb haften, verflüssigte sich ­wieder und bildete Tropfen am Deckel. Um zu verhindern, dass der Tropf in den Topf fiel, fing man ihn mit Wollbäuschen auf. Die Methode blieb ein Geduldspiel, bis im Mittelalter der Kühler in den simp­len Destillierapparat eingebaut wurde, der mittlerweile dank Befeuerung des Destillierguts nicht mehr nach dem ­Sonnenstand arbeitete. Im Kühler wird der Dampf durch Erkalten rasch in Flüssigkeit verwandelt und in einem Abfluss gesammelt.

Für Chörbliwasser füllt man frische, zerschnittene Süssdolden, eine Kerbelart (nicht zu verwechseln mit gewöhnlichem Gartenkerbel), in den Brennhafen und giesst Wasser darüber. Dann erhitzt man das Destilliergerät, der Süssdoldendampf steigt auf, kondensiert und tröpfelt dank seiner ätherischen Öle als milchiges Wässerchen ins Auffang­gefäss. Man kann es kalt oder warm trinken, es schmeckt nach Anis und soll, ­äusserlich aufgetragen, auch gegen Hautprobleme wirken. In den Kräuterklassikern der ­Naturheilkunde von Pfarrer Künzle und in «Der kleine Doktor» von Alfred Vogel kommt die Süssdolde allerdings nicht vor. Vielleicht wird sie unterschätzt, vielleicht hält sich ihre Wirkung in ­Grenzen.

Wie auch immer, ein Versuch kann nicht schaden. Chörbliwasser sollten Sie am 6. September auf dem Buuramart in Werdenberg finden.

www.buuramart.ch

Erstellt: 30.08.2014, 08:22 Uhr

Paul Imhof

Der TA-Experte beantwortet Fragen zum leiblichen Wohl, zu Völlerei und Fasterei, zu Küchen und Kellern.

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