Was man zum Chef besser nicht sagt

Streitigkeiten zwischen Chefs und ihren Untergebenen sind zuweilen bizarr. Das zeigt eine Zusammenstellung fristloser Entlassungen, mit denen sich sogar das Bundesgericht zu befassen hatte.

Verbale Entgleisungen kann man sich nicht leisten: Gespräch im Büro.

Verbale Entgleisungen kann man sich nicht leisten: Gespräch im Büro. Bild: Keystone

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«Die Arbeitswelt ist voller Skurrilitäten», sagt Rechtsanwalt Roger Rudolph von der auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Streiff, Pellegrini und von Kaenel in Wetzikon. In der Tat: Es geht um gestohlene Schweinshälse, malträtierte Stühle und beissende Putzfrauen. Aber schön der Reihe nach:

«Sie können mich langsam ...»

Der unerfreuliche Vorfall ereignete sich im Jahr 2004 in einer Appenzeller ­Klinik. Eine Arztsekretärin übergab ihrer Vorgesetzten eine Telefonliste, die sie gerade aktualisiert hatte. Die Chefin, damit nicht zufrieden, verlangte Korrekturen, worauf ihr die Sekretärin im Beisein von Mitarbeiterinnen und Patienten zurief: «Sie können mich langsam ...»

Hatte sie damit gemeint: «Sie können mich langsam befördern?» – natürlich nicht. Für das Bundesgericht war es «offensichtlich, dass die Arztsekretärin mit ihrem Ausruf die Verbindung zum herabwürdigenden Götz-Zitat herstellen wollte». (Für literarisch weniger Bewanderte: Das vollständige Zitat stammt aus dem Goethe-Klassiker «Götz von Berlichingen» und lautet: «Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken!») Das genüge für eine fristlose Entlassung, befanden die Richter (Urteil 4C.154/2006).

«Du geldgieriges Arschloch!»

Nichts für Freunde der gewählten Sprache ist auch der Fall eines Malers aus dem Kanton Basel-Landschaft. Mit dem Vorwurf seines Chefs konfrontiert, er arbeite zu langsam, titulierte er diesen vor versammelter Belegschaft als «geldgieriges Arschloch». Seine Unbeherrschtheit bezahlte er mit der fristlosen Entlassung, die das Bundesgericht absegnete (Urteil 4C.435/2004).

Eine Abfuhr erteilte das oberste Gericht auch einer Angestellten aus der Westschweiz, die ihre Arbeitskollegin als «espionne» (Spionin), «paranoïque» (paranoid) und «vieille peau» (Schreckschraube) bezeichnet hatte. Dummerweise war die Arbeitskollegin die Frau des Direktors. Vor Gerichten in Luzern und Zürich genügte schon die Titulierung des Chefs als «Trottel» respektive einer Kundin als «alte Schlampe» für eine «Fristlose».

Besser weg kam vor Bundesgericht ein Koch, der gegenüber seinem Chef zu Recht auf der Einhaltung der Kündigungsfrist beharrte und ihn dabei mit dem bereits erwähnten A-Wort betitelte. Die darauf folgende fristlose Kündigung wurde als ungültig erklärt – vor allem deshalb, weil der des Deutschen un­kundige Sudanese das Schimpfwort überhaupt erst von seinem Chef gelernt hatte. Dieser hatte sich von der Vor­instanz sogar anhören müssen, er sei «mimosenhaft» (Urteil 4C.21/1998).

Der Biss in den Unterarm

Um einen lautstarken Streit, diesmal mit Körperkontakt, ging es auch im Fall einer Reinigungsangestellten eines ­Spitals, die ihrer Vorgesetzten laut Urteil «so fest in den Unterarm biss, dass der Zahnabdruck einige Zeit sichtbar blieb». Der Streit hatte sich daran entzündet, dass die Chefin ihrer Angestellten das kurz zuvor übergebene Kündigungsschreiben wieder wegnehmen wollte, weil sich diese geweigert hatte, den Erhalt zu bestätigen.

Das Bundesgericht sah im Biss zwar eine «Überreaktion»; diese reiche für eine fristlose Entlassung aber knapp nicht aus. Eine Entschädigung wegen ungerechtfertigter fristloser Kündigung erhielt die Reinigungsangestellte allerdings nicht (Urteil 4C.400/2005).

Stuhl mit 4 x 4 überfahren

Nicht alltäglich ist auch der Fall eines Berner Rettungssanitäters, der einen für Patiententransporte verwendeten alten Transportstuhl absichtlich mit einem Allradfahrzeug überrollte. Die Idee entstand nach einer spitalinternen Weiterbildung, an der ein neuer, moder­nerer Transportstuhl vorgestellt wurde. Im Team des Sanitäters war man sich einig, dass der alte Stuhl schneller ersetzt würde, wenn er kaputt ginge.

Sogar der Teamleiter sagte laut dem Urteil scherzhaft, der Stuhl müsse «z Bode». Als der Personalchef von der Zerstörungs­aktion erfuhr, fand er das gar nicht ­lustig und entliess den Sanitäter auf der Stelle. Zu Unrecht, befand das Bundesgericht. Wegen des zögerlichen Ver­haltens des Vorgesetzten sei es höchst fraglich, ob das Demolieren des Stuhls das gegenseitige Vertrauen unwiederbringlich zerstört habe (Urteil 4C.364/2005).

Schweinshals oder Rollbraten?

Fast schon Kultstatus geniesst der Fall einer Buffetmitarbeiterin, die im Jahr 2004 ein Stück Fleisch gestohlen hatte und deshalb von ihrem Chef von einem Tag auf den anderen entlassen wurde. Vor dem Zürcher Arbeitsgericht stritt man sich darüber, ob es sich um einen Rollbraten im Wert von 20 Franken oder um einen Schweinshals im Wert von 60 Franken gehandelt habe. Dem Gericht war das einerlei: Selbst wenn das gute Stück 60 Franken wert gewesen wäre, sei das Delikt immer noch geringfügig. Der einmalige Vorfall, so das Gericht weiter, habe das langjährige Vertrauen nicht derart erschüttert, dass es für den Arbeitgeber unzumutbar wäre, den Ablauf der Kündigungsfrist abzuwarten. Er wurde sogar verpflichtet, seiner Angestellten eine Entschädigung von zwei Monatslöhnen zu zahlen. Vor Obergericht einigte man sich dann allerdings auf einen Vergleich, nachdem das Gericht durchblicken liess, dass es die fristlose Kündigung schützen würde.

Aus Deutschland sind Fälle überliefert, in denen Gerichte die fristlose Entlassung von Mitarbeitern wegen Bagatellen für rechtmässig befanden. Zu denken ist etwa an die langjährige Sekretärin, die sich 2009 erlaubt hatte, zwei Brötchenhälften und ein «Hacktätschli» von einem Buffet zu essen, das sie für den Chef und seine Gäste hergerichtet hatte. Der neuste und zugleich bizarrste Fall betrifft einen IT-Fachmann, dem nach 19 klaglosen Dienstjahren fristlos gekündigt wurde, weil er seinen Elektroroller an einer Steckdose im Betrieb aufgeladen hatte. Den Deliktsbetrag bezifferten die Gerichte auf 1,8 Cent. Immerhin kam das Landesarbeitsgericht Hamm 2010 zum Schluss, die fristlose Kündigung sei ungerechtfertigt gewesen.

«Schockierender» Rossschwanz

Darf ein Versicherungsvertreter seine Frisur auf einen Rossschwanz um­stellen? Nein, fand das Genfer Arbeitsgericht, und begründete seinen Entscheid damit, dass ein Rossschwanz die Kunden «schockieren» könnte. Gegen den Bart eines Kochs hatte dasselbe Gericht hingegen nichts einzuwenden.

Um das Erscheinungsbild von Mitarbeitern ging es im August 2010 auch vor dem Landesarbeitsgericht Köln. Eine Firma, deren Beschäftigte am Flughafen die Passagiere kontrollieren, hatte Vorschriften erlassen zu Länge und Lackierung der Fingernägel oder zur Art, wie sich Männer die Haare färben dürfen. Vor Gericht kam sie damit weit­gehend durch. So beuge die Vorschrift über die Länge der Fingernägel einer Verletzungsgefahr der Fluggäste vor. Auch dass die Mitarbeiter Unterwäsche und BHs in weiss oder Hautfarbe tragen müssten, sei in Ordnung.

Zu weit gehe es aber, wenn Frauen ihre Fingernägel nur einfarbig lackieren dürften; ebenso der Zwang für Männer, sich die Haare nur in natürlichem Ton zu färben. «Auch in der Schweiz müssen Arbeitnehmer Weisungen zu Kleidung und Erscheinungsbild befolgen, wenn sie sachlich gerecht­fertigt sind, etwa aus Sicherheitsgründen oder weil die Funktion ein gepflegtes Erscheinungsbild erfordert», sagt Arbeitsrechtsspezialist Roger Rudolph. «Aber niemand muss sich zur Witzfigur machen lassen.»


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Erstellt: 04.02.2013, 11:31 Uhr

Kaderangestellte können sich weniger Fehltritte leisten

Anhand eines Kriterienkatalogs lässt sich besser beurteilen, ob eine Kündigung zulässig ist.

Für eine fristlose Kündigung braucht es laut Artikel 337 des Obligationenrechts immer einen wichtigen Grund. Beim Entscheid, ob etwa das Beschimpfen des Chefs oder das Entwenden von Büromaterial unter den konkreten Umständen für eine «Fristlose» ausreicht, haben die Gerichte einen grossen Ermessensspielraum.

Das Bundesgericht greift lediglich dann ein, wenn die Vorinstanz komplett daneben lag. Nur so ist es zu erklären, dass eine Beschimpfung mit dem «Götz-Zitat» für eine fristlose Entlassung ausreichte, nicht aber ein Biss in den Arm der Chefin (siehe Haupttext).

«Die Schlüsselfrage lautet immer: Ist es für den Arbeitgeber noch zumutbar, bis zum nächsten ordentlichen Kündigungstermin mit dem Angestellten zusammenzuarbeiten?», sagt Rechtsanwalt Roger Rudolph. Er hat verschiedene Kriterien zusammengestellt. Demnach ist eine fristlose Entlassung eher zulässig,


  • wenn der Angestellte ein schweres Delikt begangen hat;


  • wenn er berechnend vorging – und nicht in verständlicher Aufregung;


  • wenn er früher bereits verwarnt wurde;


  • wenn Wiederholungsgefahr besteht, es also keine einmalige Handlung in einer besonderen Situation war;


  • wenn der Mitarbeiter durch eine Weisung für das Problem sensibilisiert war;


  • wenn er noch nicht lang im Betrieb tätig ist;


  • wenn es sich um einen Kaderangestellten handelt.



Eine fristlose Kündigung muss laut Bundesgericht innerhalb von zwei bis drei Arbeitstagen nach dem Vorfall erfolgen. Wird sie zu Unrecht ausgesprochen, ist sie zwar gültig, der Entlassene hat aber Anspruch auf den Lohn bis zum nächsten ordentlichen Kündigungstermin. Darüber hinaus kann ihm der Richter eine Entschädigung von maximal sechs Monatslöhnen zusprechen. (thm)

Mehr zum Thema:

Roger Rudolph: «Bagatelldelikte am Arbeitsplatz – ein ausreichender Grund für eine fristlose Entlassung?» Zeitschrift «Der Treuhandexperte»,
www.trex.ch > Archiv > Ausgabe 4/12.

Jobst-Hubertus Bauer: «Recht kurios». Buch über skurrile Gerichtsfälle aus Deutschland. Beck-Verlag 2012, ISBN 978-3-406-64238-8.

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