Was sind wir unseren Hinterbliebenen schuldig?

Vorkehrungen für das Lebensumfeld oder mangelnde Toleranz?

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Ich bin in der statistischen Lebensmitte, gesund und munter. Trotzdem ist mir meine Endlichkeit sehr bewusst: Ich habe ein Testament, Patientenverfügung, Organspendeausweis und bin Mitglied bei Exit. Mein langjähriger Lebenspartner hat mir in einer von mir angerissenen Diskussion erklärt, dass er das alles für sich als nicht nötig erachte. Ich empfand seine Haltung als verantwortungslos und fühlte mich persönlich verletzt. In meiner Wahrnehmung trifft man diese Vorkehrungen nicht für sich, sondern für sein Lebensumfeld. Er wiederum wirft mir mangelnde Toleranz vor. S. H.

Liebe Frau H.

Wie Ihr Mann verfüge ich ( jenseits der statistischen Lebensmitte, leidlich gesund und ab und zu munter) weder über ein Testament noch eine Patientenverfügung und auch über keinen Organspendeausweis. Vor allem bin ich weder Mitglied bei Dignitas noch bei Exit, weil ich diese institutionalisierte Selbstentsorgung unter dem Titel einer «finalen Selbstbestimmung» grauenvoll finde. Ich setze auf die Segnungen der palliativen Medizin und Pflege und hoffe, dass meine Hoffnung nicht enttäuscht wird.

Was das Testament betrifft, so gibt es da nicht viel zu regeln: Meine Frau und mein Sohn werden mich beerben. Prinzipiell habe ich freilich nichts dagegen, das auch noch schriftlich festzuhalten. Auch eine Patientenverfügung finde ich nicht grundsätzlich unsinnig. Was mich an beidem stört, ist die Auffassung, der Besitz von beidem sei eine Art Bürgerpflicht und der Nichtbesitz darum Ausdruck der Verantwortungslosigkeit gegenüber den Überlebenden.

Ich glaube, es ist eher umgekehrt: Es ist der Wunsch nach Nichtverantwortung für das (Rest-)Leben eines Sterbenden, der diese Formen der «Selbstbestimmung» so populär hat werden lassen. Die Anführungszeichen setze ich, weil es sich dabei um eine fiktive Selbstbestimmung handelt, die vor allem dazu dient, die Mediziner und die Angehörigen von etwaigen moralischen Skrupeln zu entlasten. Ich aber weiss gar nicht, was ich angesichts meines nahenden Ablebens möchte.

Ich vertraue mehr dem Urteil meiner Angehörigen als einer von mir in die Welt gesetzten abstrakten Patientenverfügung. Von der letzten Verantwortung für mich kann und will ich niemanden befreien. So wie ich meinerseits von dieser Verantwortung für meine Angehörigen nicht befreit werden kann und will. Was die Organspende angeht, bin ich durchaus bereit, mich im Fall meines Todes von Herz, Leber, Niere u. a. zu trennen – allerdings nicht im Namen einer Nachhaltigkeitsideologie, die es zur moralischen Pflicht erklärt, Körperteile so effizient wie möglich zu rezyklieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 11:46 Uhr

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