Was tun gegen lästigen Aktivismus?

Überall diese Symbole für den Kampf gegen Brustkrebs. Darf man sich darüber aufregen?

Die rosa Schleife ist zum Symbol der Breast-cancer-Awareness-Bewegung geworden. Foto: gymtopia.org

Die rosa Schleife ist zum Symbol der Breast-cancer-Awareness-Bewegung geworden. Foto: gymtopia.org

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Als von Brustkrebs Betroffene ärgere ich mich über den Aktivismus rund um diese Erkrankung: So bekomme ich von meinem Brustzentrum Einladungen zu Flash-Mobs oder Cremeschnitteessen anlässlich von Infotagen. Dieser rosarote Sauglattismus stösst mir sauer auf. Besonders geärgert habe ich mich bei einem Einkauf in einer Drogeriekette, die ihre Mitarbeiterinnen in T-Shirts mit Firmenlogo und der Aufschrift «Gemeinsam gegen Brustkrebs» steckt. Gerne hätte ich die Verkäuferinnen gefragt, was wir denn miteinander gegen meine Erkrankung unternehmen könnten. Bin ich überempfindlich? G. W.

Liebe Frau W.

Im Gegenteil: Sie reagieren deshalb so empfindlich und verärgert, weil Sie diese Aktionen ziemlich richtig verstehen. Nämlich als das, was sie sind: Medical Softporn. Hat sich schon jemals jemand eine braune Schleife gegen Dickdarmkrebs ans Revers geheftet? Natürlich nicht. Wie ekelhaft und krank wäre das denn? Irgendwie sexy müssen solche Kampagnen schon sein – also etwas mit Brüsten, mit HIV (sofern sexuell übertragen und nicht etwa durch einen Blutkonservenskandal oder gebrauchte Spritzen) oder mit Hoden («Celebrities Start#FeelingNuts for Testicular Cancer Awareness»).

Einzig der «Ice Bucket Challenge» als Fun-Spenden-Aktion für Menschen, die an der Amyotrophen Lateralsklerose erkrankt sind, fällt diesbezüglich aus der Reihe. Dafür reiht er sich immerhin problemlos in den sinnfreien Reigen des Planking, Owling, Horsemanning, Batmanning, Balling und Teapotting ein. Für welche guten Zwecke werden nicht schon seit Jahren Kondome unters Volk verteilt? Kein Schwein würde Harn-Inkontinenz-Windeln aus Solidarität mit Blasenkrebserkrankten an die Wäscheleine hängen. Aber BHs zusammenknüpfen oder an Luftballons binden, um den Brustkrebs zu besiegen, geht voll in Ordnung.

Wie eben auch T-Shirt-mässig gemeinsam gegen Brustkrebs vorzugehen: Your tits are my tits are our tits. Aber leider ist Brustkrebs trotzdem immer noch ein Tabu. Während alle Welt schon zum Frühstück mit Vorliebe über Gebärmutter-, Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs plaudert, findet Brustkrebs in unserer Gesellschaft leider immer noch im Verborgenen statt. Darum kann man gar nicht genug Bilder von jungen Damen bei der Mammografie zeigen. Und natürlich Angelina Jolie! Und die Missen und sonstigen weiblichen Promis, die mit geschickt über den Brustwarzen verschränkten Oberarmen im Zeichen der rosa Schleife posieren. Da darf man doch nicht einfach wegschauen. Denn wer wegschaut, macht sich mitschuldig am Brustkrebs.

Erstellt: 30.12.2014, 19:04 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tages-anzeiger.ch

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