Wie Silvester überstehen?

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

Wie kommt man trotz prüder Erziehung durch die Silvesternacht? Foto: TA-Archiv

Wie kommt man trotz prüder Erziehung durch die Silvesternacht? Foto: TA-Archiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mein Freund (28) und ich (26) sind für die Silvesternacht zu einem grossen Ball mit Galadiner eingeladen. Wir waren uns bald einig, dass wir zu diesem festlichen Anlass in hocheleganter Kleidung erscheinen wollen, er im Smoking und ich in meinem trägerlosen, schulterfreien und bodenlangen Abendkleid mit sehr tiefem Décolleté. Darauf freue ich mich an sich sehr. Dennoch habe ich mit dem Anlass, an dem auch meine Eltern und ausserdem einige Leute aus der Firma, in der ich arbeite, teilnehmen werden, ein Problem: Am Silvesterabend werde ich mit hundertprozentiger Sicherheit von einem sehr grossen Lampenfieber ergriffen werden. Wegen meiner relativ prüden Erziehung im Elternhaus (gerade auch bezüglich weiblicher «Entblössungen», die meine Mutter gelegentlich als «ausgeschämt» bezeichnete) fehlt mir die nötige Selbstsicherheit sowie Unbefangenheit. Wie kann ich meine Hemmungen am Silvesterabend mit psychischer Selbstbehandlung überwinden, ohne dass ich zum Alkohol greifen muss (was ich ablehne) und ohne mich gleich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen zu müssen (was wohl etwas unverhältnismässig wäre)? V. B.

Liebe Frau B.

Dass ich in dieser Rubrik mal Notdienst schieben könnte, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Seis drum. (Von Zuschriften das Weihnachtsfest betreffend, bitte ich trotzdem, Abstand zu nehmen. Danke.)

Sie haben recht: Eine Psychoanalyse zu machen und dort in aller gebotenen Gründlichkeit das Verhältnis zu Ihrer Mutter zu klären und möglicherweise auch das zu Ihrem Vater und noch so allerhand andere Verhältnisse, wäre ziemlich unverhältnismässig. Sie wären zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit – so ganz genau lässt sich das natürlich nicht prognostizieren – spätestens Silvester 2018 parat, sich in gewagter Abendgarderobe dem Publikum zu präsentieren. Für dieses Jahr hingegen dürfte es eher knapp werden. (Wenngleich man selbst das nicht vorhersagen kann. Gerade am Anfang von Psychoanalysen ereignen sich manchmal die tollsten Wunderheilungen, ganz ähnlich wie im Wartezimmer des Zahnarztes.)

Schade, dass Sie Alkohol als Heilmittel ablehnen. (Bitte jetzt keine Leserbriefe vom Blauen Kreuz.) Ein Gläschen Schampus oder zwei lockern die Befangenheit und steigern das Selbstbewusstsein in einem noch durchaus sozialverträglichen Mass. Ich schätze, eine halbe Temesta oder Beta-Blocker (zu Wirkungen und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Hausarzt und Apotheker) kommen nicht infrage? Nein?

Dann würde ich etwas ganz Simples vorschlagen (lange Vorrede, kurzer Tipp): Sie üben den Auftritt zu Hause vor einem grossen Spiegel. Sie stellen sich vor, dass Sie eine lange und blinkende Showtreppe hinunterschreiten. Und dazu lassen Sie dann fetzige und glamouröse Enthemmungsmusik laufen («New York, New York» ist beispielsweise ganz hilfreich) und geniessen dabei die imaginären Blicke des imaginären Publikums. Anschliessend gucken Sie dreimal hintereinander «Frühstück bei Tiffany» und einmal die «Fledermaus». Wenn allerdings das alles nicht hilft, dann hilft nur noch echter Champagner.

Erstellt: 16.12.2014, 19:52 Uhr

Der Psychoanalytiker beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Artikel zum Thema

Was ist falsch an Querdenkern?

Leser fragen Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...