Woher kommt die Wut gegen die Kesb?

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Psychologie des Alltagslebens.

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Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich die allgemeine Empörung im neuesten Fall von Kindsmord ausschliesslich gegen die Behörde wendet, und dass der Mutter nur Mitleid entgegenkommt? Weshalb sträuben wir uns kollektiv so sehr dagegen, uns damit auseinanderzusetzen, was für ein destruktives Potenzial hinter dieser Tat steckt? G. K.

Liebe Frau K.

Der «SonntagsZeitung» schreibt Björn K., der Grossvater der getöteten Kinder: «Natalie hat sich am Ende als die Einzige herausgestellt, die ihre Versprechungen einhielt. Die Kinder müssen nie mehr ins Heim.» Dieser Ungeheuerlichkeit wird vom Mob, der jetzt im Internet und in Leserbriefen – vor allem im «Blick» – gegen die Kesb wettert, nicht etwa widersprochen; sie wird vielmehr als Meinung geteilt. Der SVP-Nationalrat Pirmin Schwander möchte zusammen mit Zoë Jenny eine Initiative zur Abschaffung der Kesb lancieren. Der Zürcher SVP-Politiker Marco Kiefer twittert: «#Verdingkinder, #KESB Kinder, tote KESB Kinder. Wird sich nicht ändern, die Politik schaut zu.»

Ist es auch Wahn, so hat es doch Methode. Die Methode der paranoischen Realitätsverweigerung nämlich, die sich selbst für mutigen Hyperrealismus hält. Die Absurdität des Vorwurfs, an den Händen der Kesb – des Staats!, der Politik!, der Experten!, der Bürokratie!, der Sozialindustrie! – klebe das Blut der unschuldigen Kinder, aus dem Munde von Leuten, die sonst nicht müde werden, die Kuscheljustiz zu beklagen, ist kaum zu überbieten. Aber die Unlogik der Empörung ist in diesem Fall kein Makel; im Gegenteil: Hier wird der Abschied von der abwägenden Vernunft, von der genauen Sichtung der Tatsachen und vom diskutablen politischen Argument gefeiert. Wir lassen uns doch nicht auch noch die Logik vom Staat vorschreiben, und was Fakt ist, das bestimmen wir ­selber! Die da oben lügen ja doch alle.

Der Shitstorm gegen die Kesb hat, so glaube ich, nichts damit zu tun, dass «wir kollektiv» die Augen vor der Destruktivität dieses Falls verschliessen wollen. Ausser den von ein paar Redaktionen eilig herbeitelefonierten Expertenstatements mit ad hoc zusammengestiefelten Ferndiagnosen wissen «wir» ja kaum etwas von der Tat und deren genauen Motiven. Und von der Vorgeschichte nur, was die Ankläger behaupten. Wir haben nichts ausser unprüfbare Meinungen. Was wir hier erleben, ist die Freiheit der Meinungen in Form einer Karikatur der Meinungsfreiheit: Man meint (und wütet) frei vor sich hin – ohne die lästige Restriktion durch detaillierte Informationen, weil man froh ist, für seine Ressentiments endlich wieder einmal einen Anlass gefunden zu haben. Kindermorde sind furchtbare Einzelfälle. Das destruktive Potenzial, das sich jetzt in den Onlinekommentaren zeigt, scheint weit verbreitet zu sein.

Erstellt: 13.01.2015, 18:41 Uhr

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