Ab 2020 kein Öl und Alk!

In der aktuellen Kolumne von Laura de Weck sinniert eine ältere Frau. Sie schaut zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft.

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Verena: Das Erschreckende, wenn man älter wird, ist nicht, dass die Jahre, sondern auch die Jahrzehnte so schnell vorbeifliegen. Es kommt mir vor, als wärs gar nicht lange her, dass wir ins neue Jahrtausend hineinfeierten. Wir sorgten uns, die Computer könnten abstürzen, überhaupt könne bei der Jahrtausendwende die Erde abstürzen. Aber nichts stürzte ab. Die Erde lebt, bloss ist sie zwanzig Jahre älter. Zwanzig. Zwei Jahrzehnte, für mich ist das viel, aber wenig für die Erde, könnte man denken. Doch falls wir so weitermachen, da sind sich die Wissenschaftler einig, wird die Erde so schnell altern wie wir Menschen. Innerhalb von hundert Jahren – und das ist grosszügig gerechnet – kämen Falten, Müdigkeit, Krankheiten, Zerbrechlichkeit. Da würde ein kleiner Sturz gleich einen Bruch herbeiführen, eine kleine Entzündung gleich den Tod. Da können Sie sich vorstellen, dass es nicht lustig wird auf einer Erde, die schneller altert als man selbst.

«Sie müssen sich schonen! Gesund essen! Sie müssen sich ausruhen!», sagt mein Arzt. Jaja, tue ich, tue ich. Aber was nützt es, wenn ich mich ausruhe und gesund esse, die Erde es aber nicht tut? Wir schonen sie nicht, wir geben ihr immerzu schwer Verdauliches, wir gehen auf üble Weise mit ihr um. Aber was erzähle ich Ihnen, das wissen Sie ja. Vermutlich haben Sie es so oft gehört, dass Sie es nicht mehr hören können. Ich kann es nicht mehr hören. Jaja, Herr Doktor, mach ich, mach ich. Ich schone mich, Schnaps trinke ich keinen mehr, die Zigarette lass ich auch weg, ab 2020! Und dann werde ich am 1. Januar den Kafi Schnaps eben doch trinken, und zwar mit Schlagrahm obendrauf, gleich extra, haha! Warum? Wo ich weiss, dass der Schlagrahmschnaps mich ins Grab bringt?

Als ich noch ganz weit weg vom Grab war, als ich geboren wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg, da blühte die Wirtschaft, da herrschte ein Frieden! Wir haben gefeiert, eingekauft, gegessen, geraucht und gelebt wie im Alkoholrausch. Dann kam der Kater. Dicker, schwerer Kater. Und nach diesem Kater die Ausnüchterung, und jetzt der Verzicht. Nie wieder! Nie wieder Atomkraftwerke ab 2020! Ab jetzt nur noch Elektroauto, versprochen! Aber kaum sind ein paar Tage vorbei, greifen wir bestimmt wieder zu Atom und Erdöl, mit einem SUV obendrauf, haha, gleich extra! Obwohl wir wissen, dass das uns nicht guttut. Das muss uns kein Arzt sagen. Das wissen wir. Wir leben ja im Informationszeitalter. Nie war der Mensch so gut informiert. Wir haben die Videos mit den ertrinkenden Flüchtlingen gesehen, wir haben die Berichte über die Zwangslager in China gelesen, wir haben uns den Weltklimabericht kurz angeschaut. Wir wissen, was wir nicht tun.

Vielleicht wird das 2010er-Jahrzehnt dem Menschen in Erinnerung bleiben als die Periode, in der alle alles wussten, aber alle nichts taten. Das war eine seltsame Zeit. Wir wussten mehr, als wir taten. Wir waren irgendwie gelähmt, überfordert, wir wollten Wahres nicht wahrhaben. So werden wir vermutlich in zwanzig Jahren sprechen. Oder aber die 2010er-Jahre werden als das Jahrzehnt in Erinnerung bleiben, in dem endlich Widerstand geleistet wurde. Wikileaks! #MeToo! Ehe für alle! Seawatch! Fridays for Future! Das waren die 2010er-Jahre. Eine wilde Zeit. Wir sind aufgestanden. Haben rebelliert. Wir haben die Verhältnisse verändert, die Lügen aufgedeckt. Werden wir so in zwanzig Jahren sprechen?

Ach... Wie wir über die 2010er sprechen werden, hängt so oder so davon ab, was nach den 2010er passiert. Ob die 2010er der Anfang von etwas Neuem waren oder eben der Anfang vom Ende.

Erstellt: 10.12.2019, 18:00 Uhr

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