Gehen Sie auf die Pirsch!

Noch gibt der Garten nichts Essbares her. Doch davon lassen wir uns nicht abhalten und erweitern unseren Garten auf Wald und Wiesen. Konkrete Tipps für Ihren Sammelerfolg.

Wecken Sie den Sammler in sich: Wald und Wiesen halten eine Vielzahl von essbarem Grün für uns bereit. Foto: Barbara Bonisoli (StockFood)

Wecken Sie den Sammler in sich: Wald und Wiesen halten eine Vielzahl von essbarem Grün für uns bereit. Foto: Barbara Bonisoli (StockFood)

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Wenn es jetzt draussen vegetationsmässig noch traurig aussieht und der Garten rein nichts Essbares hergibt – kein Problem. Davon lassen wir uns nicht abhalten, sondern betrachten einfach Wald und Wiesen als erweiterten Garten. Und somit als Quelle für das erste geniessbare Grün, das nicht aus dem Treibhaus oder aus der Ferne kommt, das nebenbei noch etliche gesunde Stoffe enthält und uns für den Frühling fit macht. Das heisst nichts anderes als: Gehen Sie auf die Pirsch, und wecken Sie den Sammler in sich!

Betrachten wir Wald und Wiesen einfach mal als erweiterten Garten und als Quelle für geniessbares Grün.

Es gibt nämlich unzählige essbare Wildpflanzen; meist schmecken die Blätter frisch am besten, roh als Salatbeigabe oder leicht gekocht. Im Zuge der aktuellen Jäger- und Sammlerbewegung hat es eine Reihe entsprechender Bücher auf den Markt geschwemmt, und natürlich gibt es auch Sammel- und Kochkurse. Einen solchen müssen Sie aber nicht besuchen – weil hier eine lose Empfehlung sehr unspektakulärer und in der Schweiz fast omnipräsenter Exemplare folgt, bei denen Sie herzhaft zugreifen dürfen:

Der gute alte Löwenzahn (Taraxacum sp.)

Eine Heidenarbeit zwar, aber sie lohnt sich, und Ihre Leber wird es Ihnen erst noch danken: Stechen Sie auf einer Wiese die ganzen, möglichst jungen Pflanzen aus, so haben Sie nicht lauter einzelne Blätter. Waschen Sie die gerüsteten Rosetten mehrmals, damit es nicht zwischen den Zähnen knirscht. Zubereitet mit viel Ei und gehackten Zwiebeln, Zitronensaft, einem dezenten Öl und Salz ist das ein Gedicht – ich fühle mich beim Essen jeweils wie eine zufriedene Kuh auf der Weide.

Das scharfe Scharbockskraut (Ranunculus ficaria

Bekannt als Wald-, genauso aber als meist unbeliebte Gartenpflanze. Ernten Sie die Blätter, das sind wahre Vitamin-C-Bomben! Und sie eignen sich bestens als würzige Salatbeigabe oder für einen Kräuterquark anstelle von Rucola. Aber: unbedingt vor der Blüte abzwacken, danach ist es unbekömmlich. Zu viel davon essen sollte man auch nicht, ansonsten droht Übelkeit. Und Finger weg von Wurzel und Speicherknöllchen, die sind giftig.

Der verpönte Giersch (Aegopodium podagraria)

Er ist der Schrecken jeder Gärtnerin: ein stark wucherndes Beikraut, dem man kaum den Garaus machen kann und das alle anderen Pflanzen verdrängt, oft gesehen in Schrebergärten. Die Lösung des Problems: Wir essen ihn einfach stetig auf! Die jungen Blätter erinnern vom Geschmack her an Petersilie und schmecken roh oder als Spinatgemüse gekocht. Auch sie liefern viele Vitamine und Spurenelemente.

Die milde Brennnessel (Urtica dioica)

Als Kind fand ich es eine Frechheit, dass ich die essen sollte, heute schätze ich sie umso mehr: Die jungen Treibspitzen und Blätter, die sehr reich an Mineralien sind, lassen sich hervorragend als Spinat oder als Süppchen zubereiten, sie schmecken grün und gesund, nämlich so richtig nach Chlorophyll. Werden die rohen Blätter zerstossen, können sie auch als Salatbeigabe verzehrt werden, die Brennhaare sind dann inaktiv.

Vorsicht ist geboten

Auf die Pirsch zu gehen, macht Spass, Sie werden sehen. Ein paar Dinge sollte man dabei allerdings beachten. Bitte schön, die Faustregeln fürs Selber­sammeln:

1. Als Sammelort gänzlich ungeeignet sind – aus offensichtlichen Gründen – Hundeversäuberungsorte. Oder Wiesen, auf denen einem die Gülle oder der Mist schon von weitem in die Nase stechen.

2. Sammeln Sie keine geschützten Pflanzen, das wäre nicht fein. Informationen dazu gibt es auf infoflora.ch.

3. Das Geerntete immer sorgfältig waschen, denn abgesehen von den Haustieren tummeln sich da im Freien ja auch noch Wildtiere. Ich sage nur: Fuchsbandwurm.

4. Ernten Sie nur, was Sie ganz sicher kennen, es ist nicht alles so harmlos, wie es aussieht! Klassisch ist die Verwechslung der Blätter vom essbaren Bärlauch mit denjenigen der sehr giftigen Herbstzeitlosen.

Nicht alle sind so versiert wie jene Dame, die ich vergangenes Jahr im Stadtwald beobachtet habe und die wie wild die Blätter des Gemeinen Aronstabes (Arum maculatum) erntete. Ich war alarmiert, denn die bekommen uns gar nicht: Sie sind sehr giftig und können Schleimhautreizungen und Magen- wie Darmprobleme verursachen. Weil ich ein liebenswürdiger Mensch bin, wollte ich die Dame vor Schlimmerem bewahren und drängte ihr ungefragt mein Wissen auf. Sie lachte nur laut: «Da, wo ich herkomme, kochen wir das seit jeher mit Lamm und viel Zwiebeln. Sie muss einfach lange gekocht werden, dann ist die Pflanze nicht mehr giftig.» Ich hätte mich am liebsten bei ihr zum Znacht eingeladen. Bon appétit!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 18:38 Uhr

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