«Ich bedanke mich jeden Abend bei meinen Schuhen und Kleidern»

So schaffen Sie Ordnung: 43 Tipps von der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo.

«Eine aufgeräumte Wohnung ist der Ausgangspunkt, um zu einer inneren Ordnung zu finden»: Marie Kondo. Foto: Keystone

«Eine aufgeräumte Wohnung ist der Ausgangspunkt, um zu einer inneren Ordnung zu finden»: Marie Kondo. Foto: Keystone

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Ob es ein Mensch in seinem Leben zu etwas gebracht hat, kann man auch daran messen, ob eine Tätigkeit nach ihm benannt wurde. Wer kann das schon von sich behaupten? Die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo kann es! Im Englischen ist ihr Name zum Verb geworden: «I kondoed my closet», sagt jemand, der nach ihrer Methode seinen Schrank aufgeräumt hat.

Seit 2011 hat die heute 33-Jährige drei Bücher geschrieben, die bislang in 28 Sprachen fast 7 Millionen Mal verkauft wurden. Alle drei behandeln das gleiche Thema: Aufräumen. Seelenruhig und komplett ironiefrei erklärt sie in einfachen Sätzen, wie man Ordnung herstellt und wie man sie beibehält. Die Japanerin ist eine Art Zenmeisterin des modernen Lebens, deren fernöstliche Prinzipien besonders im Westen Anklang finden.

Zenmeisterin des modernen Lebens: Marie Kondo. Foto: Keystone

Wer ihr Thema aber als oberflächliches Erste-Welt-Problem abtut, ihr Buch als Fetischlektüre für Zwangsneurotiker abstempelt, irrt. Für Marie Kondo ist eine aufgeräumte Wohnung kein Statussymbol, das man den Nachbarn stolz vorführt, sondern der Ausgangspunkt, um auch zu einer inneren Ordnung zu finden. Weil sie sich im Englischen nicht sicher fühlt, schreibt sie lieber, als dass sie spricht. Daher wurde auch dieses Interview schriftlich geführt.

1.
Was ist das Allerwichtigste, das ich übers Aufräumen wissen muss?
Dass Aufräumen einfach ist. Nur zwei Handlungen sind notwendig: 1. Dinge wegwerfen. 2. Einen festen Aufbewahrungsort bestimmen für jene Dinge, die Ihnen am Herzen liegen. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst ausmisten, dann den Aufbewahrungsort festlegen.

2.
Wo beginne ich mit dem Aufräumen?
Erst Kleider, dann Bücher, dann Dokumente, dann Kleinkram und zuletzt Erinnerungsstücke. Das sind meine fünf «Kategorien». Beginnen Sie immer mit Kleidern. Nehmen Sie alle Kleider aus dem Schrank. Nehmen Sie dann jedes einzelne nacheinander in die Hand, und fragen Sie sich: Macht es mich glücklich? Alle Kleidungsstücke, die diesen Test nicht bestehen, werden entsorgt. Diejenigen, die Ihnen Freude bereiten, kommen in den Schrank.

3.
Am Bügel hängend oder zusammengelegt – welche Methode ist die richtige?
Viele neigen dazu, lieber aufzuhängen, ich empfehle das Zusammenlegen. Und zwar am besten in Kommoden mit Schubladen. Ganz wichtig: Füllen Sie jeden Stauraum, auch die Kommode, nur zu 90 Prozent!

4.
Was ist beim Einräumen zu beachten?
Sie sollten die Schubladen immer so einräumen, dass die Kleidung darin «aufrecht steht», das heisst: Stapeln Sie nicht, sondern «stellen» Sie die Kleider, wie Bücher in ein Regal. Viele Menschen legen Oberhemden flach und gross zusammen und stapeln sie übereinander – wie man es von Geschäftsauslagen kennt. Das mag in der Boutique schön aussehen, aber zu Hause ist es platzraubend, und Sie sehen nicht, was Sie haben, zudem können Sie nur schwer ein Hemd von unten herausziehen, ohne Unordnung zu schaffen.

5.
Wie faltet man richtig?
Das kommt auf das Kleidungsstück an, aber im Prinzip immer so, dass es ein Rechteck ergibt. Das Rechteck dann zur Hälfte falten, dann wieder falten, bis auf ein Drittel der Ausgangsgrösse. Vor jedem Falten mit der offenen Hand über den Stoff streichen.

In Perfektion: So falten Sie eine Hose.

6.
Sie falten sehr klein. Entstehen dadurch nicht unnötig viele Falze?
Das höre ich ständig, aber das Gegenteil ist richtig. Die Knickkanten entstehen nicht beim Falten, sondern durch den Druck, der durchs Stapeln von Kleidung entsteht.

7.
Wie vermeide ich, dass ich mich in einen Rausch steigere beim Aufräumen? Das passiert mir, wenn ich selten, aber doch mal aufräume und plötzlich Lust kriege, praktisch alles wegzuschmeissen, inklusive der eigenen Familie.
Ich bin dafür, «alles aufs Mal» innerhalb einer «Kategorie» aufzuräumen. Erinnern Sie sich an die Kategorielektion: zuerst Kleider, dann Bücher, dann Dokumente, dann Kleinkram. Also dürfen Sie sehr gern «aufs Mal» alle Kleider durchsehen. Das ist besser und leichter, als immer mal wieder den Kleiderschrank durchzusehen. Denn wenn Sie immer ein bisschen aufräumen, werden Sie nie fertig. Am Ende werden Sie Ihre halb erledigte Kleider-Entsorgungsaktion aufräumen müssen.


Video: Kleider falten mit Marie Kondo

Richtig gefaltet, stehen Kleider: Marie Kondo verrät ihr Faltgeheimnis. Video: YouTube / Ebury Reads


8.
Darf man Bücher wegwerfen?
Ja. Bücher bilden die zweite Kategorie. Gehen Sie vor wie bei den Kleidern: Nehmen Sie alle Bücher aus dem Regal, und legen Sie sie auf einen grossen Haufen. Nehmen Sie dann jedes einzelne Buch in die Hand, und fragen Sie sich: Macht mich dieses Buch glücklich? Ihr Regal sollte nur Lieblingsbücher enthalten.

9.
Was ist mit ungelesenen Büchern?
Mir ist aufgefallen, dass die Anzahl der Bücher, die man mal gekauft, aber nie gelesen hat, pro Person stark zugenommen hat. Als Regel kann man sagen: Ungelesene Bücher fortgeben, besonders jene, die sogar noch eingeschweisst sind. Viele sagen: Irgendwann werde ich sie lesen. Ich sage: Irgendwann kommt nie.

10.
Was ist mit den Papierbergen überall?
Die meisten Dokumente wirft man ja doch weg, nachdem man sie Monate, manchmal Jahre aufbewahrt hat. Für Dokumente, die dritte Kategorie, habe ich drei Parameter aufgestellt: Dokumente, die Sie jetzt benutzen, solche, die eine Weile wichtig sind, und diejenigen, die für immer aufbewahrt werden müssen. Dokumente, die in keine dieser Kategorien fallen, werden entsorgt. Um Ihnen dafür ein Beispiel zu geben: Gebrauchsanweisungen, alte Kreditkarten-Abrechnungen oder Weihnachtskarten gehören in keine dieser Kategorien.

11.
Viele Dokumente sind digitalisiert. Ist es sinnvoll, auch auf dem Computer eine Ordnung zu haben, oder erübrigt sich das durch die Suchfunktion?
Digitaler Müll nimmt keinen Platz weg, aber ich würde trotzdem einen aufgeräumten Computer empfehlen. Digital neigen wir zu sinnlosen Kopien und Versionen. Deshalb: namenlose Dokumente, schlechte Fotos löschen.

12.
Digitale Geräte brauchen Unmengen an Kabeln. Wie ordne ich all die Ladegeräte, Kopfhörer, Adapter?
Kabel gehören zur vierten Kategorie, komono, «Zeugs». Auch hier gilt: Bestimmen Sie einen festen Platz, an dem Sie die Kabel aufbewahren. Es gibt übrigens nur zwei Arten von Kabeln: solche, die Sie regelmässig benutzen, und die anderen. Die anderen sofort entsorgen, Sie werden sie nie brauchen.

13.
Was mache ich mit dem Kleingeld, das überall herumliegt?
Kleingeld ausschliesslich ins Portemonnaie.

14.
Wie soll ich mit Erinnerungsstücken umgehen?
Das ist die fünfte und schwierigste Kategorie. Aber ich versuche, sie wie alle anderen zu behandeln: Wenn die Gegenstände Sie glücklich machen, dann behalten Sie sie. Mehr noch: Hängen Sie sie auf, stellen Sie sie auf. Aber wenn Sie bloss die Sorge haben, dass Sie die Dinge eines Tages vermissen werden, dann bedanken Sie sich bei dem Gegenstand für die Freude, die er Ihnen bereitet hat, und entsorgen Sie ihn.

15.
Was ist mit den Dingen, die ich nicht mag, die ich aber brauche?
Natürlich gibt es Dinge, die uns nicht glücklich machen, die wir aber hin und wieder brauchen. Doch ich glaube, es sind viel weniger, als wir denken. Und für die notwendigen, aber unattraktiven Dinge: Finden Sie einen guten Aufbewahrungsort. Diese Dinge dürfen nicht den Platz jener Gegenstände wegnehmen, die Sie wirklich lieben.

16.
Die meisten ziehen nur einen Bruchteil ihrer Kleider an, kaufen aber jeden Monat neue – was läuft schief?
Das gilt nicht nur für Kleider. Wir kaufen von allem immer mehr, unter anderem, weil wir den Überblick darüber verloren haben, was wir schon alles besitzen. Auch weil wir die Sachen an verschiedenen Orten aufbewahrt haben. Deshalb noch mal: Entsorgen Sie alles, was Ihnen keine Freude macht. Und definieren Sie für jene Dinge, die Sie unbedingt behalten wollen, einen festen Aufbewahrungsort. Jeder Gegenstand, der noch in der Wohnung ist, macht uns glücklich und hat seinen festen Ort – sonst kommt er weg. Wenn wir dieses Prinzip verinnerlichen, verändert sich auch unser Kaufverhalten: Wir kaufen weniger und sorgfältiger.

17.
Nach Ihrer Erfahrung: Sind Menschen eher ordentlich oder eher unordentlich?
Ich beginne jede Beratung mit der gleichen Frage an den Klienten: «Sind Sie gut, mittel oder schlecht im Aufräumen?» Die Verteilung ist ungefähr 1 zu 3 zu 6.

18.
Kann man sagen, dass alle ordentlichen Menschen einander gleichen, jeder unordentliche Mensch aber auf seine eigene Weise unordentlich ist?
Ich kenne drei verschiedene Arten des Unordentlichseins: 1. der Typ, der nicht wegwerfen kann, 2. der Typ, der Sachen nicht an ihren Platz zurücklegen kann, 3. der Mischtyp, der Dinge weder wegwerfen noch wegräumen kann. 90 Prozent meiner Klienten sind Mischtypen.

19.
Warum ist Unordnung eigentlich so schlimm?
Weil das Zimmer ja ursprünglich aufgeräumt war, erst der Bewohner bringt die Unordnung hinein. Wenn es uns gut geht, können wir das Chaos tolerieren, aber wenn wir uns gestresst oder unglücklich fühlen, belastet es uns.

Bilder: Chaotische Leserfotos

20.
Können Sie das Klischee entkräften, dass Frauen ordentlicher sind als Männer?
Ich sehe keine grossen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Ordnung. Aber es gibt Unterschiede, wenn es um den Besitz geht: Frauen tendieren dazu, mehr Kleider, Taschen, Accessoires und Make-up zu horten. Männer neigen eher dazu, ihre Wohnung mit Sport-Equipment, Outdoor-Zeugs oder technischen Gadgets zu füllen. Alles Dinge übrigens, die in die vierte Kategorie, komono, «Zeugs», gehören.

21.
Wie können zwei Menschen zusammenleben, die unterschiedliche Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung haben? Das scheint mir unmöglich.
Sie können nicht Ihren Partner zwingen, ordentlich zu werden, wenn er oder sie nicht auch tief in sich drinnen den Wunsch danach spürt. Aber Aufräumen ist ansteckend. Sagen Sie Ihrem Partner nicht, dass er oder sie aufräumen soll, sondern zeigen Sie ihm, wie viel besser Sie sich in einer aufgeräumten Umgebung fühlen.

22.
Kann Aufräumen Beziehungen retten? (Dass unterlassenes Aufräumen Beziehungen zerstören kann, ist ja bekannt.)
Das Haus aufräumen heisst, das Leben aufräumen. Ich höre immer wieder von Lesern, die sich nach den häuslichen Aufräumübungen im Berufsleben oder auch in ihren Beziehungen zu Menschen umorientierten. Manche meiner Klientinnen haben sich, nachdem sie begannen, ihre Wohnung gemäss meiner Methode zu organisieren, von ihren Partnern getrennt, bei anderen hat es die Liebe neu entfacht.

23.
Angenommen, ich habe meine Wohnung «kondoisiert». Wie viel Aufwand muss ich täglich betreiben, um sie in diesem Zustand zu halten?
Sie müssen eigentlich nicht mehr aufräumen, Sie müssen bloss die Dinge an ihren festen Platz zurücklegen. Das geht viel schneller.

24.
Wieso neigen wir dazu, immer erst dann aufzuräumen, wenn eigentlich etwas Wichtigeres ansteht?
Das hängt damit zusammen, dass Aufräumen in diesem Moment eine Ersatzhandlung ist. Wir räumen auf, weil wir eigentlich etwas anderes «in Ordnung» bringen sollten. Das Gefühl aufzuräumen gibt uns einen kurzfristigen Kick, weil wir das gute Gefühl bekommen, etwas «erledigt zu haben».

25.
Was ist wichtiger, Ordnung oder Sauberkeit?
Die beiden gehören zusammen. Ein aufgeräumter Raum ist meistens auch sauber. Und wenn Sie putzen wollen, müssen Sie zuerst aufräumen.

26.
Darf man unangenehme Arbeiten wie Kloputzen oder Wäschewaschen an Fachkräfte delegieren?
Putzen und Aufräumen gehören zusammen, sind aber zwei verschiedene Fähigkeiten. Putzen dürfen Sie outsourcen, das Aufräumen ist etwas, das Sie selber tun sollten. Beim Putzen werden Sie mit der Natur konfrontiert, denn Staub und Schmutz kommen von allein. Beim Aufräumen aber sind Sie mit sich selbst konfrontiert, denn die Unordnung haben Sie selbst produziert.

27.
Leute, die chaotisch sind, verteidigen sich gern mit dem Argument, das Chaos sei Ausdruck ihrer Kreativität. Ist da was dran?
Wer wirklich gern im Chaos lebt oder das sogar als bereichernd empfindet, darf das natürlich. Mich interessieren vor allem jene, die gern in einer ordentlichen Umgebung wären, diese Ordnung aber nicht herstellen oder bewahren können.

28.
Wo stehen Sie in der Nature-vs.-Nurture-Debatte, wenn es um Ordentlichkeit geht? Ist Ordentlichkeit angeboren oder sozial erlernt?
Die meisten glauben, es sei eine Mischung aus Veranlagung und Erziehung. Ich halte Motivation für den wichtigsten Faktor. Wenn du dein Leben ändern willst, dann ist es egal, wo du herkommst oder was du mitbringst.

29.
Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, dass man sich in einem aufgeräumten Zimmer wohler fühlt?
Ich bin leider keine Wissenschaftlerin, ich habe keine empirischen Beweise. Aber wenn ich Sie frage: Wären Sie lieber in einem chaotischen, verstaubten Zimmer oder in einem aufgeräumten, sauberen?, dann ist die Antwort eindeutig, oder?

30.
Mussten Höhlenmenschen auch schon aufräumen? Seit wann gibt es das Konzept?
Ich habe gelesen, dass Affen Dinge an ihren angestammten Platz zurücklegen, aber dass nur Menschen es schaffen, einen grösseren Raum aufzuräumen. Das könnte bedeuten, dass wir eine angeborene Neigung zur Ordnung haben. Ich glaube, historisch gesehen bekam das Aufräumen seine heutige Wichtigkeit mit der industriellen Revolution, also seitdem wir in einer Welt des materiellen Überflusses, der vielen Dinge, leben.

31.
Sie sind vor kurzem Mutter geworden. Kommt man da nicht aufräummässig ziemlich auf die Welt?
Mein Baby ist noch klein – mir ist klar, dass ich auch andere Zeiten erleben werde –, aber bislang hat sich meine Philosophie nicht geändert. Das Erste übrigens, was mir als junger Mutter auffiel: wie viel weniger Zeit ich habe. Deshalb würde ich allen empfehlen, Ordnung zu schaffen, bevor man Kinder kriegt. Ordnung herzustellen ist schwierig, Ordnung beizubehalten nicht.

Und noch eine Faltanleitung: Diesmal für einen Jupe.

32.
Was sind Ihre drei Tipps, wie man Kindern Ordnung beibringt?
Auch Kinder können die grundlegenden Regeln verstehen. Erstens: Zeigen Sie Ihrem Kind, wie es Kleider zusammenlegt. Zweitens: Das Kind muss wissen, dass jeder Gegenstand seinen festen Platz hat. Und dass es verantwortlich dafür ist, dass jedes Spielzeug nach dem Spielen an seinen Platz zurückkommt. Drittens: Nach meiner Erfahrung mit Jungeltern ist es am besten, Kinder im Alter von drei Jahren mit der Idee des Aufräumens vertraut zu machen. Das Kind wird es nicht als Belastung, sondern als positives Ereignis erleben.

33.
Nochmals Problemzone Kinderzimmer: Gibt es eine Maximalanzahl für Plüschtiere/Spielsachen/Zeugs?
Nein, jedes Kind ist anders. Aber auch hier würde ich das Kind auffordern, jedes seiner Spielzeuge in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: Macht mich das glücklich?

34.
Manche Kinder wollen nichts wegwerfen; sie werden behaupten, alles in ihrem Zimmer mache sie glücklich.
Viele Kinder antworten so. Sie dürfen Ihr Kind dann nicht zwingen, das funktioniert nicht. Bringen Sie Ihrem Kind lieber bei, die Kleider zu falten und aufzuräumen. Und Sie werden sehen, dass das Kind an einem aufgeräumten Zimmer grosse Freude hat.

35.
Darf man Kinderzeichnungen wegwerfen?
Ja. Bedanken Sie sich bei dem Kunstwerk für die Wochen oder Monate, die es die Familie beglückt hat, und werfen Sie es weg. Bewahren Sie nur solche Bilder auf, die Sie auch an die Wand hängen.

36.
Warum sollen wir uns bei Gegenständen bedanken? Sie verstehen uns ja nicht.
Für viele Menschen in Japan ist es etwas Selbstverständliches, dass auch Gegenstände eine Seele haben. Ich bedanke mich jeden Abend bei meinen Schuhen und Kleidern, auch bei meinem Portemonnaie. Ich weiss, das kann albern klingen. Aber müssen Sie nicht auch zugeben, dass Ihnen viele Gegenstände grosse Dienste erweisen? Nun, dann sollten Sie sich doch auch bei ihnen bedanken.


Bilder: Ordentliche Logistik


37.
Wie weist man andere darauf hin, dass ihre Unordnung stört?
Wenn wir die Unordnung bei anderen bewerten, ist dies häufig ein Zeichen dafür, dass wir selber etwas in Ordnung bringen müssen. Kritisieren Sie andere nicht, aber loben Sie sie, sobald sie etwas aufräumen. Seien Sie wie die Sonne in Äsops Fabel von der Sonne und dem Wind: 2015 «Zehnmal sicherer wirken Milde und Freundlichkeit als Ungestüm und Strenge.»

38.
Kann man anhand des Ordnungsniveaus Rückschlüsse auf das Seelenleben eines Menschen ziehen?
Mir ist aufgefallen, dass Menschen, die noch nicht jemanden gefunden haben, den sie wirklich mögen, dazu neigen, viele alte Kleider und Papiere aufzubewahren. Und Paare, die sich ihrer Gefühle nicht mehr ganz sicher sind, behandeln ihre Sachen nachlässiger.

39.
Lässt sich Ihre Methode auch auf komplexere Zusammenhänge anwenden – Arbeitsmeetings, politische Strukturen, Liebesbeziehungen?
Wenn Sie lernen, darauf zu achten, was Sie glücklich macht, wie sich Freude körperlich anfühlt, dann können Sie diesen «Sinn» natürlich auch auf jeden anderen Bereich anwenden.

40.
Man denkt: Klar, dass so ein Buch aus Japan kommt. Aber unterscheidet sich das Aufräumverhalten von Japanern und Westeuropäern wirklich?
Bevor mein Buch im Ausland ein Erfolg wurde, dachte ich, dass jede Kultur anders mit Ordnung umgeht. Aber inzwischen habe ich von Lesern in aller Welt erfahren, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Zum Beispiel diese: Alle wollen sich zu Hause glücklich und entspannt fühlen, aber vielen fällt es schwer, ein gemütliches Zuhause einzurichten.

41.
Sie wirken wie der Inbegriff der Ordnung. Aber wie sehen Sie sich selbst auf einer Skala von 1 = totaler Messie bis 10 = Ordnungsfanatikerin?
Ich habe den Grossteil meines Lebens damit verbracht aufzuräumen, also bin ich eine 10 oder sogar eine 100.

42.
Wenn man Marie Kondo ist: Kann man überhaupt mal entspannen, oder ist man immer daran, Ordnung zu machen bzw. zu überlegen, wie man was besser ordnen könnte?
Es stimmt, dass ich ständig den Drang verspüre, Dinge zu ordnen. Lange habe ich das als Bürde erlebt, weil ich nicht imstande war, die Ordnung herzustellen, die mir vorschwebte. Bis ich auf diese Methode kam, die es mir erlaubte, effektiver aufzuräumen.

43.
Wenn Sie Ihre Methode in einen Satz fassen müssten, welcher wäre es?
Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen – ein japanisches Sprichwort.

*Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Februar 2016

Erstellt: 07.08.2018, 14:58 Uhr

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