Wenn sie singt, wirds leichter

Parkinson erfordert verschiedene Therapien – auch kreative. Singen, Velo fahren und Boxen können den Krankheitsverlauf bremsen.

Kann wieder verständlicher sprechen: Doris Wieland mit anderen Parkinsonbetroffenen bei einer Chorprobe. Foto: Raphael Moser

Kann wieder verständlicher sprechen: Doris Wieland mit anderen Parkinsonbetroffenen bei einer Chorprobe. Foto: Raphael Moser

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Erstaunlich kraftvoll klingt der kleine Chor durch den Raum. Er besteht an diesem Tag nur aus sieben Sängerinnen und Sängern, aber diese intonieren die Lieder beschwingt und rhythmisch, «Mein kleiner grüner Kaktus» von den Comedian Harmonists, der Song lädt zum Mitklatschen ein. Das Besondere: Alle Chormitglieder leiden an Parkinson. Sie singen nicht allein aus Freude – es hilft ihnen auch gegen die Krankheitssymptome.

Die bestehen längst nicht nur aus dem bekannten Zittern, dem Tremor: Parkinson, eine neurodegenerative Erkrankung, beeinträchtigt mit der Zeit die gesamte Motorik, die Sprache und das Gleichgewicht. Beim sogenannten Rigor verkrampfen sich die Muskeln, die Bewegungen werden steif, und bei einem Phänomen namens «Freezing» friert für eine Weile jede Bewegung förmlich ein. Nebst der Koordination sind auch Blutdruckregulation und Blasenfunktion gestört. Ausserdem erstarrt bei vielen mit der Zeit die Mimik. Und weil das Zwerchfell schwächer wird, verlieren Betroffene die Kraft, beim Sprechen die Luft auszustossen und so einen lauten Ton zu erzeugen.

Chormitglied Doris Wieland merkte zudem, dass sie zu­nehmend Mühe bekam beim ­Artikulieren. Auch das passiert vielen Parkinsonbetroffenen, ihre Sprache wird verwaschen und abgehackt.

«Singen hat dieselbe Wirkung wie eine Therapie und macht erst noch Spass.»Doris Wieland (68), Parkinsonpatientin

Beim Singen hingegen üben sie kräftiges Atmen und deutliches Sprechen. «Ich wähle absichtlich kurze, flotte Lieder, vorwiegend deutsche oder französische», sagt Chorleiterin Xenia Zampieri, ausgebildete Sängerin. «Diese Sprachen verstehen alle, so haben sie beim Singen mehr Zeit, sich auf Atmung und Artikulation zu konzentrieren.»

Tatsächlich hat Chorsängerin Doris Wieland aus ihrem Bekanntenkreis schon etliche positive Rückmeldungen erhalten: «Ich rede lauter und deutlicher, meine Umgebung versteht mich wieder viel besser», freut sich die 68-Jährige. Das Beste daran sei, dass es ein Chor sei und nicht schon wieder eine doch eher trockene Therapie: «Das Singen hat dieselbe Wirkung und macht erst noch Spass!»

Netzwerk generiert Ideen

Einer Krankheit, die so viele ­Gesichter hat wie Parkinson, muss man mit vielfältigen ­Therapieformen begegnen: Am besten hilft eine kombinierte Therapie mit Medikamenten, Physio-, Logo-, Ergo- und Psychotherapie, in bestimmten Fällen auch mit einer tiefen Hirnstimulation mittels Implantat – und nicht zuletzt eben mit Singen und Bewegen. Seit zwei Jahren arbeitet daher das Zentrum für Bewegungsstörungen der Universitätsklinik für Neurologie am Inselspital Bern mit der Klinik Bethesda in Tschugg zusammen im Berner Therapienetzwerk Parkinson.

Dieses Netzwerk aus Therapeutinnen, Ärzten und Pflegenden veranstaltet jedes Jahr eine Fortbildung und macht Ange­bote für Betroffene bekannt. Der Parkinson-Chor entstand als Idee dieser Netzwerkarbeit. Julia Müllner, Oberärztin am Zentrum für Bewegungsstörungen und der Abteilung für Neuro­rehabilitation im Inselspital, ­erklärt: «Singen hilft, die Atmung besser zu kontrollieren, und der Rhythmus der Lieder unterstützt die Betroffenen bei einer deutlicheren und lauteren Artikulation.»

«Dank des Trainings wird ihr Gang wieder sicherer, und die Sturzgefahr nimmt ab.»Aniya Seki

Kurz vor dem Start des Therapienetzwerks hatte auch die Berner Profiboxerin Aniya Seki eine Idee aufgegriffen, die 2006 in den USA entstanden war: «Rock Steady Boxing», ein spezielles Boxtraining für Parkinsonbetroffene. Das klingt im ­ersten Moment befremdlich, steht doch just Boxen im Verdacht, das Risiko einer Parkinsonerkrankung zu erhöhen.

«Bei unserem Training passiert das nicht», sagt Aniya Seki ruhig: Betroffene kämpfen nicht gegeneinander, sondern absolvieren Einzeltrainings, um ihre Kraft und Beweglichkeit zu steigern, Stretching gegen Versteifung, Schlagen gegen das Zittern und Fussarbeit für die Balance. «Dank des Trainings wird ihr Gang wieder sicherer, und die Sturzgefahr nimmt ab.» Boxerin Seki bietet die Trainings ehrenamtlich an: Sie findet es toll, dass sie Betroffenen so helfen kann. «Die Krankheit lässt die Bewegungen immer kleiner werden», fasst sie zusammen. «In der Boxtherapie machen wir sie wieder gross.»

Bewegung hilft nachweislich

Dass Bewegung bei Parkinson hilft, beweisen inzwischen zahlreiche Studien. Der holländische Neurologe Bastiaan Bloem von der Radboud-Universität beispielsweise erforscht, ob Radfahren den Verlauf der Krankheit verzögern kann. Auf die Idee kam Bloem, als ihm ein 58-jähriger Patient begegnete, der seit zehn Jahren an Parkinson erkrankt war und stark unter Freezing-Symptomen litt: Er konnte seine Füsse beim Gehen kaum mehr vom Platz bewegen.

Beim Radfahren, erklärte der Patient im Gespräch, gehe das viel besser. Der Professor traute seinen Ohren nicht, aber der Patient führte es ihm vor, und ein Filmdokument auf Youtube («Cycling for Freezing Gait in Parkinson’s Disease») beweist: Derselbe Mann, der beim Gehen kaum vorwärtskommt, nach trippelnden Schrittchen einfriert und schliesslich zu Boden sinkt, fährt munter mit dem Rad über die Strasse und meistert sogar elegant eine enge Kurve. Beim Auf- und Absteigen braucht er zwar Hilfe, aber das Treten in die Pedale bereitet seinem Hirn offensichtlich keine Schwierigkeiten.

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen bietet eine ­Studie mit parkinsonkranken Mäusen. Darin stellte Neurologe Bloem fest, dass sich in den Gehirnen jener Mäuse, die zum Sport angetrieben wurden, anders als in der Kontrollgruppe neue Dopaminverbindungen gebildet hatten. Der Neurotransmitter Dopamin, verantwortlich für positive Gefühle, aber auch für harmonische Bewegungsabläufe, wird bei Parkinson in immer geringerer Menge produziert. Spezifisches Training für Kraft, Koordination und Gleichgewicht kann jedoch die Auswirkungen dieses Dopaminmangels deutlich mildern.

Dafür eignet sich besonders auch das Tanzen: Das gemeinsame rhythmische Bewegen zu Musik stimuliert motorisch, intellektuell und emotional – und verbessert damit die Lebensqualität der Betroffenen.

Auch Gemeinschaft tut gut

Oberärztin Julia Müllner möchte im Berner Therapienetzwerk demnächst neben dem Parkinson-Chor eine Parkinson-Laufgruppe («Park-Walk») ins Leben rufen. Auch diese Gruppe hat zum Ziel, Betroffene zusammenzubringen und ihre Motorik zu fördern. «Nebst der Bewegung tut auch das Zusammensein gut, dieses Merken, dass man nicht allein ist», erklärt Müllner. «Ich hoffe deshalb sehr, dass sich bald noch mehr Betroffene getrauen und mitmachen.» Denn Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu finden, sei nicht ganz einfach: «Viele haben Hemmungen, sich zu exponieren.»

Dass es sich lohnt, gegen diese Hemmungen anzukämpfen, bewies der Parkinson-Chor unlängst an einem Informationsanlass über Parkinson am Berner Inselspital: Mani Matters Lied «Hemmige» ertönte so schwungvoll und ungehemmt, dass kein Zweifel besteht: Singen macht derart Freude, dass es Verkrampfungen lösen und Parkinsonsymptome lindern kann.

Parkinsonsingen Bern: www.vokal-lokal.ch
Parkinsonboxen: www.aniyaseki.ch/against-parkinson

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.02.2019, 13:08 Uhr

Auch in Zürich und Basel gibt es Therapiezentren

In der Schweiz leiden über 15'000 Menschen an Parkinson. Die degenerative Nervenerkrankung führt zum Abbau von dopaminproduzierenden Hirnzellen – das beeinträchtigt zunehmend das vegetative Nervensystem und die Psyche. Im fortgeschrittenen Stadium werden die Betroffenen oft pflegebedürftig. Die Krankheit äussert sich in motorischen (die Bewegung betreffenden) und nicht motorischen Symptomen, beispielsweise Einbusse des Geruchssinns, Schlafstörungen, Verstopfung oder Emotionsveränderungen. Die Krankheitsursache ist unbekannt, derzeit gibt es noch keine Heilung. Zahlreiche Therapien können die Lebensqualität aber erheblich verbessern.

Individuell angepasste Therapien erhalten Betroffene in spezialisierten Parkinsonzentren. Solche Zentren gibt es unter anderem am Universitätsspital Bern (www.neurologie.insel.ch) Universitätsspital Basel (Spezialsprechstunde für Bewegungs­störungen, Abteilung für Klinische Neurophysiologie an der Klinik für Neurologie, Mail: emg.eeg@usb.ch) und am Universitätsspital Zürich (www.neurologie.usz.ch).

Auch Tanzen, Singen und Boxen haben positive Auswirkungen auf Motorik und Psyche der Erkrankten: Gruppenangebote sind auf der Seite der Vereinigung Parkinson Schweiz aufgelistet. Parkinson Schweiz hat 2019 ausserdem erstmals eine ­«Parkinson-Professur» initiiert und diese dem Inselspital Bern zugesprochen. (clw)


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