Reportage

Ägypten, menschenleer

Das klassische Kulturreiseland wird von Touristen gemieden, sie sind verschreckt durch alarmistische Berichte. Dabei braucht Ägypten den Tourismus wie nie. Man sollte hinfahren – jetzt. Eine Ermunterung.

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Ägypten menschenleer – das ist natürlich so nicht ganz richtig, ein kleiner Bluff zum Artikelanfang. Das Land hat rund 85 Millionen Einwohner, Kairo, die Hauptstadt, ist mit 18 Millionen die grösste Stadt Afrikas, hier ist man ständig umringt von Menschen, die sich offenbar unentwegt von hier nach dort bewegen – mit Autos, Lastwagen, Bussen, Eselskarren, Mopeds, Fahrrädern, aber eben auch zu Fuss, längs und quer auf fünfspurigen Strassen, die auch mit sieben Autos nebeneinander befahren werden können.

Kurz: Kairo ist voll, laut, bunt und aufregend. Gefährlich ist es nicht, wenn man sich von grösseren Menschenaufläufen und gewissen neuralgischen Punkten fernhält. Wie der Medieneindruck permanenter Unruhe entsteht (oder vielmehr produziert wird), erleben wir aus erster Hand: Wir stossen zufällig auf eine kleine Demonstration – von einer Hochstrasse brüllen etwa 70 Leute mit Spruchbändern herunter, andere brüllen zu ihnen hinauf und schiessen Feuerwerkskörper ab. Das Ganze inmitten bewegten Markttreibens, das ungerührt weitergeht; es wird verkauft, getanzt und gesungen. Abends in den deutschen TV-Nachrichten hat der Korrespondent dieselben Demonstranten herangezoomt, und es sieht bedrohlich aus.

Bedroht oder auch nur unwohl haben wir uns in Kairo nirgends gefühlt, nicht mal im Viertel der Müllsammler und -sortierer, der Zabalin, von deren Quartier uns der Reiseleiter abgeraten hatte, ganz zu Unrecht – nirgendwo sonst sind wir so viel angelächelt worden, und niemand wollte uns etwas verkaufen. Also: Kairo ist toll, faszinierend, denkwürdig – und zeitumspannend wie keine andere Stadt der Erde, von den 5000 Jahre alten Schätzen im Ägyptischen Museum bis zu den ganz aktuellen Graffiti am Tahrir-Platz. Sogar heimische Klänge kann man hören, wenn an den Pyramiden der Kameltreiber seine Chancen zu erhöhen meint, indem er lockend «Chuchichäschtli» ruft.

Höhepunkte eines Reiselebens

Menschenleer, fast jedenfalls, ist es gerade dort, wo Touristen dringend gebraucht werden, und wo sie bisher auch gerne hinfuhren. Eine Nil-Kreuzfahrt zu den Tempeln und Gräbern der Pharaonenzeit: Das war für manchen Kulturmenschen wie die Mekka-Pilgerfahrt für den Muslim. Einmal Karnak und Luxor, das Tal der Könige, Assuan, Abu Simbel! Ist doch am Nil die früheste und erstaunlichste Hochkultur der westlichen Welt entstanden.

In Augenhöhe und fast mit der Nasenspitze auf drei-, ja viertausend Jahre alte Wandmalereien mit feinsten Details und satten Farben zu stossen: Das gehört zu den absoluten Höhepunkten eines Reiselebens. Und diese Erlebnisse kann man im Moment fast allein haben. Das ist grossartig für den Reisenden. Und katastrophal für die ägyptische Tourismusindustrie, auf die das Land dringend angewiesen ist.

Weltwunder von Abu Simbel

Ausgerechnet nach der Revolution, die dem Land viel Sympathien eingebracht hat, traut sich kaum mehr jemand hierher (ausser in die Resorts am Roten Meer, die aber mit Ägypten wenig zu tun haben). Das Kreuzfahrtschiff Omar El-Khayyam, das in drei Tagen von Assuan nach Abu Simbel fährt, ist für 160 Passagiere ausgerichtet und 125 Besatzungsmitglieder. Auf unserer Fahrt sind wir gerade 30 zahlende Gäste, die gar nicht wissen, was sie mit so viel, wenn auch reduziertem, dienstbaren Personal anfangen sollen.

Der Nasser-See ist ein gigantischer Wasserbehälter, gefüllt vom Nil, gestaut vom Assuan-Staudamm mit seinen problematischen ökologischen Folgen. 500 Kilometer ist er lang und reicht bis in den Sudan. Nachts sieht man weit und breit keine Lichter, nur oben natürlich einen satten Sternenhimmel. Niemand siedelt hier am unfruchtbaren Ufer, auf steinigem Grund. Es ist totenstill, auch das Handy mag nicht. Funkloch. Das Schiff fährt ohne Radar, auch nachts, am Steuer sitzt immer ein Mitglied derselben Beduinenfamilie, die sich hier blind auskennt.

Tagsüber hält man an kleineren Tempeln, die vor dem Bau des Staudamms versetzt wurden und die bei aller Schönheit doch nur den Auftakt bilden zum Weltwunder von Abu Simbel. Das hat 1813 der Schweizer Jean Louis Burckhardt aus seinem 3000-jährigen Dornröschenschlaf geweckt (allerdings eher eine Sand- als eine Dornenhecke) und deutsche Ingenieurskunst 1963–1968 vor den Fluten des Nassersees gerettet: in Blöcke zersägt, 180 Meter landeinwärts und 65 Meter hochgehievt und dort, gestützt von Betonkuppeln, wieder exakt zusammengesetzt.

Rendezvous mit Jahrtausenden

Zwei monumentale Tempel, einer Ramses II. gewidmet, der andere seiner Gattin Nefertari – die auch, ganz selten in der ägyptischen Kunst, im Innern auf Schlachtenszenen zu sehen ist. Die gewaltigen Ausmasse der Statuen (Ramses ist 21 Meter hoch) sollten die Nubier im Süden abschrecken, ebenso die kriegerischen Abbildungen im Innern. Heute gehen dem Besucher dort still die Augen über, und keiner stört ihn bei dem Rendezvous mit Jahrtausenden.

Selbst im Tal der Könige westlich von Luxor teilt man sich das Staunen nur mit wenigen anderen Besuchern. Ein Grabstollen neben dem anderen ist hier in den Berg getrieben, achtzig oder hundert Meter geht man schräg in die Tiefe, umgeben an den Seiten, aber auch an der Decke von den herrlichsten Malereien. Man schaut sich ein, erkennt nach und nach den Sinn des Dargestellten: Götterattribute und bestimmte Hieroglyphenzeichen, Opfer- und Huldigungsszenen, am Haarschopf gepackte oder geschlagene Feinde, aber auch Reisen, Jagd und Ackerbau. Seltsam, wie sich ein bestimmter Darstellungsstil über Jahrtausende erhalten hat: das Gesicht im Profil, der Torso von vorne, die Beine wieder seitlich.

Allein in der Wüste

Kaum ein Reisender hat Abu Simbel, Luxor oder den Amun-Tempel von Karnak nicht schon auf Bildern gesehen. Aber jedes Bild verblasst, nein verdampft geradezu gegen den Eindruck am Ort: Es sind die Dimensionen, die keine Kamera bewältigen kann und die man erst erfasst, wenn man vor ihnen klein geworden ist. Der Säulenwald im Tempel von Karnak – ins populäre Repertoire eingegangen durch Agatha Christies «Tod auf dem Nil» und den James-Bond-Film «Der Spion, der mich liebte» – gehört wohl mit zum Stärksten, was man auf dieser Erde überhaupt zu sehen bekommen kann. 134 Säulen, meterdick, 25 bis 35 Meter hoch, alle verziert – was sind das für Menschen, die sich das ausgedacht und realisiert haben (lassen), und was sind wir für Menschlein, die wir heute dort hindurch gehen?

Ähnlich verloren, aber aus ganz anderen Gründen, fühlt man sich an einem Ort, wo man nun wirklich allein ist: in der Wüste. Aus der besteht Ägypten ja zu 95 Prozent. Um so wichtiger sind die wenigen Oasen. Von Kairo aus gut erreichbar ist Bahariya, eigentlich ein Dörferhaufen in einer fast 100 Kilometer langen Talsenke. Die Fahrt mit dem öffentlichen Bus dauert fünf bis sechs Stunden. Dort hat man kürzlich ein Grab mit «Goldenen Mumien» gefunden und in einem kleinen, noch unfertigen Museum ausgestellt. Die meisten Besucher benutzen Bahariya aber als Ausgangspunkt für Wüstenexpeditionen.

Wüstentour mit Sandsturm

Peter Wirth, ein Deutscher aus Hessen, betreibt seit 1995 an einer heissen Quelle das Lodge Hot Springs. Er ist Mitgründer einer NGO, die sich für den Wüstenschutz einsetzt, hat etliche Oasenbewohner ausgebildet und angestellt und sich eine Klientel herangezogen, die ihn fast unabhängig von der Tourismus-krise macht. Es sind spezielle Typen wie eine Motocrosstruppe aus Italien. Oder, sehr oft, Mitarbeiter von Botschaften aus der Hauptstadt, die an den Wochenenden hier Natur pur erleben wollen.

Peter Wirth hat auch unseren Fahrer engagiert. Ahmed, ein Beduine aus einem Nachbardorf, fährt uns einen Tag lang durch spektakuläre Landschaftsformationen: die Schwarze Wüste, eine Vulkangesteinsschicht über dem Sand, die sich zu richtigen Bergen auftürmt; den Crystal Mountain, einen Hügel fast ganz aus Kristallgestein («take nothing with you except pictures, leave nothing except footprints», hatte uns Peter Wirth angewiesen), und schliesslich das grösste Naturwunder, die Weisse Wüste: so weit das Auge reicht Kalzitfelsen, die Wind und Sand zu bizarrsten Formen zurechtgeschliffen haben – Kegel, Pilze, Statuen, eine Sphinx, ein Dämon und was die Fantasie will.

Längst hat Ahmed die Asphaltpiste verlassen und kurvt mit seinem Jeep über die harte Sandfläche, die durch das Kalzit manchmal an Schnee erinnert (die berühmte Fata Morgana, vermeintliche Wasserflächen, die durch Luftspiegelungen entstehen, kriegen wir auch zu sehen). Sichtlich geniesst er es, mit dem modernen Fahrzeug herum- und auch mal einen Sandhügel hinunterzurasen. Den Arab-Pop, den er ununterbrochen laufen lässt, bis wir mitsingen können, dreht er dann gern noch etwas lauter. Nur abends auf der Rückfahrt, als es schon dunkel ist und wir in den angekündigten Sandsturm geraten, der quer über die Strasse weht und die Sicht nimmt, dreht er den Ton ab: Da braucht er die volle Konzentration. Und wir sind froh, als wir wieder in der Oase und unter Menschen sind.

Erstellt: 23.05.2013, 08:21 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue)

Tipps&Informationen

Flüge: Zürich–Kairo mit Swiss oder Lufthansa, Hin- und Rückflug ca. 500 Franken. Im Land mit Egypt Air.

Pauschal oder individuell: Sicher kann man auf eigene Faust durch Ägypten reisen, das erfordert aber viel Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, dass man selten den «regulären» Preis kennt und ständig handeln muss. Eine Reise mit einem guten Unternehmen wie Helios, Oft-Reisen oder Phoenix empfiehlt sich; sie nehmen einem vieles ab und organisieren die Transfers. Wir haben mit Helios gute Erfahrungen gemacht. Dort gibt es auch Baukastensysteme für Teilreisen, z. B. Wüstentouren.

Nasser-See: Das Luxusschiff Omar El-Khayyam ist derzeit eines von nur zweien, welche die Strecke fahren. Absolute Ruhe, wenig Programm. Empfehlenswert, wenn man Zeit hat und nicht, wie die Bustouristen, durch Abu Simbel hindurchhetzen will.

Assuan: Herrliche Lage am aufgestauten Nil. Einmaliges Ensemble von Sand, Fels, Wasser und Vegetation. Unbedingt eine Felukenfahrt machen und ein paar Stunden auf dem Wasser kreuzen.

Nilkreuzfahrt: Der Klassiker. Manche lesen an Deck Agatha Christies «Tod auf dem Nil». Von Assuan nach Luxor (oder umgekehrt): 3–4 Tage. Die Schiffe laufen Kom Ombo und Edfu an und liegen dann in Luxor, wo man zu den Westgräbern fährt (Tal der Könige, Tal der Königinnen, Hatschepsut-Tempel), den Luxor-Tempel besichtigt und Karnak, das grösste Heiligtum der Pharaonenzeit.

Oase Bahariya: Von Kairo mit dem öffentlichen Bus. Die Oase ist eine Ansammlung von Siedlungen. Im Hauptort Bawiti: Hot Springs Resort, Peter Wirth, von dort auch Wüstentouren. www.whitedeserttours.com

Unterwegs in Kairo: Taxis sind überall und sehr billig (gut, als Tourist zahlt man mehr denn als Einheimischer). Man sollte darauf dringen, dass der Fahrer den Taxameter anstellt. Nur in weisse, offizielle Taxis steigen. U-Bahn: sehr schnell, sauber und billig (1 Pfund, entspricht 14 Rappen). Fahrscheine wie in der Pariser Metro. Aber man kommt mit ihr nicht überall hin. (ebl)

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