Reinhold Messner

Der 15. Achttausender

Die Bergsteigerlegende Reinhold Messner betreibt in Südtirol fünf Museen zur Geschichte der Berge und der Bergvölker. Das Projekt ermöglicht ihm den Abschied von den extremen Expeditionen.

Bald 68 und noch immer voller Entdeckerleidenschaft: Reinhold Messner im Museum auf Schloss Sigmundskron.

Bald 68 und noch immer voller Entdeckerleidenschaft: Reinhold Messner im Museum auf Schloss Sigmundskron. Bild: Doris Fanconi

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«Ich muss ein wenig aufpassen, ich bin nicht unsterblich.» Reinhold Messner sitzt beim Schlosswirt in Juval, der Burg am Eingang zum Schnalstal in Südtirol. Messner schaut nach diesem Satz schon ein wenig belustigt in die Gesichter der Zuhörer, er weiss, dass diese Binsenweisheit eine eigene Bedeutung bekommt, wenn sie von ihm kommt. Dem berühmtesten Bergsteiger der Welt, der Wüsten aus Sand und Eis durchquert hat, der die Extreme ausgelotet und Massstäbe gesetzt hat. Ist so ein Mensch nicht allein durch seine Taten, seine Zeugnisse unsterblich?

Zumal er, wie Messner mittlerweile, fünf Museen sein Eigen nennt? «Ich erzähle dabei aber doch nicht mein Leben», sagt er, «das wäre ja peinlich.» Es geht ihm um mehr, um die Einzigartigkeit der Berge, um den Erhalt der klassischen Kletterei, um die Einbindung der Berge in die verschiedenen Kulturen und Religionen. «Ich beschreibe die alpine Geschichte, und das ist die Summe aller erlebten Geschichten am Berg.» Dass er viele und wichtige Beiträge dazu geliefert hat, das weiss er und das verschweigt Messner auch nicht.

Spiel mit den Superlativen

Sein Museumsprojekt nennt Messner den «15. Achttausender». Es ist diese Mischung aus Selbstironie und Stolz, die durchaus typisch ist für ihn, der in knapp drei Wochen 68 Jahre alt wird. Stolz, weil er halt jetzt sinnbildlich wieder einmal der Erste ist, der etwas schafft, nämlich einen 8000er mehr als alle anderen. Ironie, weil er mit diesen Superlativen spielt und einmal gesagt hat: Das Museumsprojekt sei eine Ausrede, damit er nicht mehr auf den Everest müsse.

Etwas erhöht, auf einer kleinen Erhebung, steht Messner nun vor der Burgmauer von Juval, hier verbringt er mit der Familie zwei Sommermonate. Ansonsten lebt er im Tal, er empfindet es als «ungerecht, wenn die jüngste Tochter um sechs Uhr morgens aufstehen müsste, um in die Schule zu kommen». Juval war Messners erstes Museum, hier hat er seine Tibetika-Sammlung ausgestellt. Lustvoll erzählt er in einem Raum von Gesar Ling, einem vielbesungenen tibetischen König, und dessen Lieblingsfrau «1000 Freuden». Das ist auch der Festraum der Messners.

Bob Dylan weist den Weg

Messner wirkt an diesem Tag auf Juval leicht hektisch, unruhig. Nicht wegen der Museumsbesucher, mit denen lässt er sich routiniert-freundlich fotografieren, aber immer distanziert, die Arme liegen nicht auf ihren Schultern, die Hände sind in der Hosentasche. Später erklärt er die Unruhe, es sei halt nicht so einfach, bei einer Gruppe von Journalisten aus verschiedenen Ländern immer alles auf Deutsch, Italienisch und Englisch zu erzählen. Vielleicht stört ihn aber auch das undisziplinierte Auftreten der Teilnehmer, kaum ist eine fünfminütige Wartezeit angesagt, läuft die Hälfte davon, es dauert, bis alle wieder beisammen sind.

Am Tag zuvor war am Fusse des Ortlers das erste Museum besucht worden, danach ging es auf eine «Wanderung», fünf Minuten mit dem Sessellift hinauf, ein paar Höhenmeter hinunter. Einige aus der Gruppe konnten sich nicht einmal zur Liftfahrt überwinden, andere stöhnten nach dem läppischen Abstieg. Derweil hatte Messner von der mittlerweile wegen des Klimawandels extrem schwierigen Nordwand am Ortler geredet, dass dort immer wieder Menschen zu Tode kämen, «nur Dummköpfe gehen heute in diese Wand».

Messner ist ein Mensch alter Schule. Er denkt in Begriffen wie Respekt, Vorbilder, Tradition, Qualität. Juval beherbergt eine imposante Bibliothek, hier schreibt Messner alle seine Bücher per Hand. Im Museum Firmian, in der prächtigen Schlossanlage Sigmundskron ob Bozen, hat er eine «Kapelle mit 40, 50 toten Bergsteigern» eingerichtet, wie er sagt. «Man sieht von unten nach oben die gesamte Kletterentwicklung.» Den Weg dorthin weist in der verwinkelten Burg Bob Dylan. Man geht um eine Ecke, plötzlich wehen, wie von ganz weit weg, Töne heran; wer die Ohren spitzt, vernimmt ganz leise die Melodie von «Blowin’ in the Wind», man folgt ihr, die Melodie wird lauter, Worte gesellen sich dazu, die Kapelle ist da.

Der wichtigste Berg

Und mittendrin ein Schuh. Es ist der Schuh von Günther Messner, dem jüngeren Bruder, der 1970 am Nanga Parbat im pakistanischen Teil des Himalaja verstarb, als er Reinhold entgegen der Absprache auf dem Weg zum Gipfel folgte. Immer wieder der Nanga Parbat: In Fotografien, Gemälden und Geschichten taucht er auf der Tour durch die Museen regelmässig auf. «Von den grossen Bergen ist er der wichtigste», sagt Messner. Und immer wieder der Bruder. Als der italienische Alpenverein die alten Biwakschachteln aus Metall durch moderne Kunststoffteile ersetzte, da erwarb Reinhold die mit dem silbernen Namensschild «Günther Messner», sie steht heute vor dem Museum in Sulden.

Als Reinhold damals vom Nanga Parbat zurückkam, erschöpft, knapp dem Tod entronnen, aber eben allein, da stand plötzlich der Vater vor dem Spitalbett und fragte: «Wo ist Günther?» Wie kann man ein solch zerbrochenes Verhältnis jemals wieder kitten? «Mein Bruder war für die Nanga-Parbat-Expedition gar nicht vorgesehen, der Vater hat mich monatelang gedrängt, dass der Günther auch mitgehen kann.» Diese Mitverantwortung habe der Vater später nicht mehr tragen wollen, er, Reinhold, sei als Überlebender verantwortlich gewesen.

Scheitern als Antrieb

Es sind die Geschichten des Scheiterns, die Reinhold Messner eindringlicher erzählt als die Erfolge. Sie waren für ihn immer ein wichtiger Antrieb, um weiterzugehen, es nochmals zu versuchen. Und wenn die geplante Route nicht funktioniert, muss es auf einer anderen klappen. 1995 vergass Messner den Hausschlüssel von Juval – als er in der regnerischen Nacht heimkam, kletterte er über die Mauer, stürzte und zertrümmerte sich das Fersenbein. Bestimmte Touren waren fortan nicht mehr möglich, aber Messner kennt das. Aus dem Himalaya kehrte er mit erfrorenen Zehen und Fingerkuppen zurück, er wusste, dass er nie mehr solche Schwierigkeitsgrade im Fels klettern konnte wie zuvor. «Also wurde ich Höhenbergsteiger», sagt er, «die hatte ich immer als ‹Schneetreter› verspottet.»

Jetzt geht es für Messner um die heiligen Berge. «Ob Moses, Buddha oder Mohammed, alle monotheistischen Religionen kommen vom Berg herunter.» Das fasziniert ihn, und wenn man ihn davon erzählen hört, wirkt es, als wolle er mit den Geschichten zurück zum Ursprung. Er hat drei der wichtigsten Punkte der Erde zu Fuss erreicht, den höchsten, den nördlichsten, den südlichsten Punkt. Der vierte, tiefste Punkt, ist schon deshalb kein Thema, weil Messner nicht schwimmen kann. Doch Tiefe kann man auch in sich erreichen.

Nicht Ueli-Steck-like

Messner hat nichts von seiner Entdeckerleidenschaft verloren, er war 2010 im nepalesischen Setital am Fuss der Annapurna, «das ist ein Tal, in dem noch niemand drin war»; er war vor vier Jahren im Inlandeis von Nordpatagonien, dem Hielo Continental Norte, «es war die fünfte Querung überhaupt». Er hat nichts an Kampfeslust eingebüsst, er schätzt den Schweizer Bergsteiger Ueli Steck enorm, «doch dass er zwar ohne Sauerstoff, aber auf der Normalroute auf den Everest ist, das war nicht Ueli-Steck-like». Und er hat die Indoor-Kletterer als grosses Problem erkannt: Das sei ein ganz toller Sport, aber wenn die aus der Halle kämen, wollten sie in den Bergen die stets gleich bleibenden Bedingungen, die gleiche Sicherheit, das mache das wahre Klettern kaputt.

Er sitzt in einem Restaurant im Schnalstal, schwärmt von Südtirol. Von hier aus brach Messner auf zu seinem ewigen Weg, hier findet er Ruhe und alles, was er zum Leben braucht. Reinhold Messner, was ist das Wichtigste am Bergsteigen? Er überlegt, dann zitiert er Johann Grill, einen legendären bayrischen Bergsteiger, der unter anderem 1881 als Erster die Watzmann-Ostwand in seiner Heimat bezwang. «Der Grill», sagt Messner, «hat auf diese Frage einmal geantwortet: ‹Hauptsach’, man weiss, wo der Berg steht.›» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2012, 16:35 Uhr

Messners fünf Museen in Südtirol.
(Bild: TA-Grafik str)

«Messner», Trailer

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