Hintergrund

Die Angst fliegt mit

Sommerzeit ist Reisezeit und damit für viele auch Flugzeit. Bei manchen reist die Flugangst mit. Wie sich diese äussert und was man dagegen tun kann.

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«Plötzlich schüttelte es, die Fasten-Seat-Belt-Lichter blitzten in der Dunkelheit auf und die Pilotenstimme krächzte unverständlich aus dem Lautsprecher – es kam mir vor wie im Horrorfilm, ich fühlte mich ausgeliefert.» So erlebte Richard Kieser (Name geändert) vor Jahren die Turbulenzen auf seinem Nachtflug von San Francisco nach Zürich. Sie dauerten lange an. Der Gedanke daran, dass der Flug noch etwa zehn Stunden dauern würde, machte für Kieser alles noch schlimmer.

Danach versuchte er jahrelang, auf andere Transportmittel wie Züge auszuweichen. Wenn Flüge unvermeidlich waren, versuchte er sich einzureden, dass es schon irgendwie geht, oder er konsumierte Alkohol an Bord. Kieser besuchte zudem eine Klopftherapie, die teilweise half: Das Klopfen auf bestimmte Körperstellen, sogenannte Meridiane, soll Blockaden in den Energiebahnen lösen. Doch als der Mann auf einem Flug von Zürich nach Hamburg von der Panik erfasst wurde und ihm die Flight-Attendants Tropfen verabreichen mussten, wurde ihm klar. «Nur mithilfe von Beruhigungsmitteln, welche die Angst lindern, kann ich in ein Flugzeug steigen.»

Es kann jeden treffen

Kiesers Fall ist exemplarisch für viele andere von Flugangst Betroffene. Laut der Psychologin Bettina Schindler, die für die Swiss Flugangst-Seminare durchführt, fühlen sich immerhin rund 30 Prozent der Passagiere unwohl im Flugzeug, 15 Prozent erleben richtige Angstzustände. Dies sagte sie letzten Sommer gegenüber der Zeitung «Sonntag» (Artikel online nicht verfügbar). Wer entwickelt am ehesten Flugangst? «Es kann jeden treffen, auch Vielflieger», sagt der Thalwiler Psychologe Leo Hackl, der auf Flugangst spezialisiert ist. «Sogar zwei langjährige Piloten zählten zu meinen Klienten. Ihre Flugangst entwickelte sich erst während der Pilotenkarriere.»

Laut Hackl kann die Ursache tief in der Vergangenheit liegen und dem Menschen unbewusst sein. Das könne irgendein traumatisches Ereignis sein – und nicht zwingend das Erlebnis eines schlimmen Flugs oder die Nachricht eines Absturzes. Und was lässt sich dagegen tun? «Wenn man sich gegen die Angst wehrt, steigert man sich noch mehr in sie hinein. Dies ist kontraproduktiv», erklärt der Psychologe. Hilfreicher sei es, der Angst zu begegnen. Man dürfe nicht von der Angst gepackt werden, sondern man müsse sozusagen die Angst packen. Dies erfordere aber sorgfältige Instruktionen.

Atemübung für klarere Gedanken

Etwas Abhilfe könne man allerdings mit einer Atemübung schaffen. Dies sei auch bei begründeten Ängsten in grosser Gefahr anwendbar, um wieder klare Gedanken fassen zu können, führt Hackl aus. Im Angstzustand sei die Atmung flach und beschränke sich auf den oberen Brustbereich. «Nun gilt es, auszuatmen und dann erst einmal gar nichts zu tun. Nach zwei bis fünf Sekunden atmet man von selbst wieder ein. Atmen Sie dabei in den Bauchbereich und bewegen Sie den Brustkorb kaum.» Dieses Vorgehen wird mehrmals wiederholt. Meistens tritt laut Hackl nach etwa einer Minute eine Entspannung ein. «Bei sehr grosser Anspannung kann dies länger dauern. Einfach unbeirrt weiterfahren», rät der Psychologe.

«Will man irreale Ängste definitiv loswerden, ist es ratsam, sich begleiten zu lassen in einem Coaching», so Hackl. Etwa die Hälfte der Leute, die ein solches besuchten, bekämen ihre Flugangst nach einer Sitzung in den Griff. Insgesamt gebe es bei mehr als 90 Prozent der Flugangst-Patienten einen Erfolg.

«Beim Velofahren fühle ich mich sicherer als im Flugzeug»

Rationale Argumente wie «bei Flugzeugabstürzen sterben weniger Leute als bei Autounfällen» bewirken bei Richard Kieser wenig. Ihm geht es vor allem um das Gefühl des Kontrollverlusts. Auch wenn das Unfallrisiko im Strassenverkehr höher ist, fühlt er sich auf dem Arbeitsweg per Velo sicherer als im Flugzeug. «Weil ich der Lenker meines Velos bin, habe ich das Gefühl, Kontrolle über die Situation zu haben.» Er wisse, dass dies eigentlich irrational sei.

Kiesers Angst vor Kontrollverlust deckt sich mit der Aussage von Leo Hackl: «Die einen Betroffenen fürchten sich vor einem Absturz, die anderen davor, beim Fliegen keine Kontrolle über die Situation zu haben.» Hingegen würden sie den eigenen Fahrkünsten vertrauen. Dies, obwohl die Gefahren im Strassenverkehr grösser sind und die Lenker nicht wissen, welchen Risiko-Verkehrsteilnehmern sie begegnen könnten.

«Die Angst verfliegt kurz vor der Landung»

Oft bekommt Kieser schon einige Tage vor der Reise ein mulmiges Gefühl beim Gedanken an den bevorstehenden Flug. Und wann hört die Flugangst jeweils wieder auf? Sie lasse genau beim Landeanflug nach, so Kieser. «Kurz vor dem Aufsetzen des Flugzeugs überkommt mich ein Glücksgefühl, weil ich weiss, dass der Flug bald vorbei ist. Es kommt mir vor, als hätte ich etwas vollbracht, eine Leistung geschafft.» Dabei sei es irrational, solche Gefühle während der Landung zu haben, denn statistisch gesehen gehöre sie ja zu den gefährlicheren Phasen eines Flugs.

Diesen Sommer tritt Kieser nun einen Transatlantikflug ab Zürich an – seinen ersten Langstreckenflug seit 1988. «Es wird mir schon mulmig beim Gedanken daran, doch ich werde mich auf die Medikamente verlassen.» Er ist der Ansicht, dass die Airlines mit gezielten Informationen den potenziellen Flugangst-Passagieren entgegenkommen könnten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.07.2012, 14:35 Uhr

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