Die Folgen des Outdoor-Booms

Die Schweizer Berghütten bilden ein einzigartiges Netz an Schutz und Unterkunft. Doch wie bequem und modern sollen sie sein? Die Alpinisten fühlen sich zunehmend von den Wanderern bedrängt.

Für Traditionalisten ein Graus: Moderne Neubauten wie die Monte-Rosa-Hütte.

Für Traditionalisten ein Graus: Moderne Neubauten wie die Monte-Rosa-Hütte. Bild: Keystone

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Der Aufstieg gelang wunderbar, die Sonne lachte, die Spur war perfekt, der Schnee sowieso. Die Aussichten auf die geplante Tour vom kommenden Tag liessen die Stimmung zusätzlich steigen, und die angepeilte Hütte für die Nacht davor war in bester Erinnerung. Dort angekommen wurden die Ski abgeschnallt, und als wir durch die Tür traten – trieb es uns fast rückwärts wieder hinaus. Das enorme Gewusel von unzähligen Menschen, der Lärmpegel, das war nicht das Hauptproblem. Es war der Gestank, gewiss menschlicher Herkunft, aber das machte es nicht besser. Selbst wenig zart besaitete Kollegen und Kolleginnen schauten verstört.

Wer kennt sie nicht, diese Art der Erlebnisse in den Bergen? Und vielleicht ist es unfair, einen Text über die Schweizer Berghütten derart negativ zu beginnen. Doch das Phänomen ist bekannt: Unangenehme Erinnerungen bleiben länger und dauernder haften als die schönen Momente. Was auch stimmt: Wer jemals allein oder mit einer Gruppe in den Alpen unterwegs war, hat erfahren, wie gerne und intensiv über die Hütten diskutiert wird.

Fassbier auf 2500 Metern

Einen Teil der Faszination und Anziehungskraft beziehen die hiesigen Alpen aus ihrer Vernetzung durch Hütten und Biwaks, diese sind weltweit einzigartig, und zwar in jeder Hinsicht. Der Amerikaner Scott Toepfer arbeitet beim Lawineninstitut in Colorado, er berät den alpinen Ski-Weltcup bei den Rennen in den USA jeweils Anfang Dezember in Wetterfragen. Und jedes Mal stürmt Toepfer auf die Schweizer zu, die mit dem Weltcup mitreisen, und schwärmt mit leuchtenden Augen vom zurückliegenden Sommer, als er, wie jedes Jahr, die Schweizer Alpen durchstreifte und durchkletterte. «Eure Hütten», sagt er dann mit verklärtem Blick, «die sind genial, das Essen, die Freundlichkeit – und es gibt auf 2500 Metern Bier vom Fass!» So viel zur weltweiten Anerkennung, und damit haben wir auch eine positive Erinnerung genannt.

Erste Hütte 1863 eröffnet

Die Geschichte der Schweizer Berghütten ist 148 Jahre alt. 1863 wurde nicht nur der Schweizer Alpen-Club (SAC) gegründet, im gleichen Jahr eröffnete am Tödi die Grünhornhütte. Damit wurde ein wahrer Bauboom ausgelöst, mittlerweile sind es 153 SAC-Hütten zwischen 1475 (Treschhütte) und 4003 m ü. M. (Solvayhütte am Matterhorn), mit zwischen 16 (Seetalhütte) und 165 Schlafplätzen (Konkordiahütte). Insgesamt bieten in der Schweiz etwa 350 Hütten, Biwaks und Schutzräume den Alpinisten und Wanderern die Möglichkeit zu rasten, zu schlafen oder widriges Wetter zu überstehen. In unserer Betrachtung wollen wir uns auf die SAC-Hütten beschränken, die zusammen 9250 Schlafplätze bieten, 112 Hütten sind bewirtet.

Schutzhütte oder Alpinhotel?

Bruno Lüthi ist beim SAC Leiter Hüttenmarketing, er nennt die Hütten «die Seele des SAC». Es gibt Alpinisten, die zucken schon bei Lüthis Jobbezeichnung zusammen. Für sie ist Marketing eine Art natürlicher Feind der Hütten mit ihrer Schlichtheit, ihrer eigentlichen Bestimmung als Schutzraum. Lüthi kennt diese Vorbehalte. «Meine Stelle wurde vor zehn Jahren geschaffen», sagt er. Damals hatten die SAC-Hütten einen über zehn Jahre dauernden und rasanten Niedergang erlebt, zumindest was die Übernachtungszahlen betrifft: Sie sanken bis 2000 von über 300 000 auf 260 000. «Man hätte es so weiterlaufen lassen können», sagt Lüthi. Doch wie lange hätte das die Hütten für die Sektionen, die sie massgeblich finanzieren, und für die Hüttenwarte noch rentabel gehalten?

Für viele Alpinisten klingt dieses Szenario nicht gar so schlimm. Samuel Estoppey ist begeisterter Bergsteiger, als ehemaliger Präsident der SAC-Sektion Biel hat er auch mit deren Oberaarjochhütte Erfahrungen gesammelt. Für ihn gibt es «drei Basics» für eine Hütte: «Wärme, Wolldecken, Getränke – alles andere ist mir egal.» Das Essen könne jeder selbst mitbringen, für Estoppey muss eine Hütte im Prinzip vor allem ihrem Schutzcharakter nachkommen. Den vom SAC eingeschlagenen Weg mit mehr Komfort und spektakulären Neubauten hält er für falsch. Er verweist auf die österreichischen Alpen, wo die Hütten zu Hotels ausgebaut worden seien.

Bergsteiger gegen Romantiker

Lüthi versteht die Einwände und erinnert sich an seine Anfangszeit beim SAC: Damals wurden die Hütten als «höchste Hotelkette der Schweiz» verkauft. «Diesen Slogan haben wir schnell abgeschafft», sagt Lüthi. Dennoch sei es ganz klar das Ziel gewesen, wieder mehr Menschen auf die Hütten zu bringen, neue Zielgruppen zu erschliessen, konkret: Wanderer und Familien.

Damit war das Konfliktfeld klar – und die konkurrierenden Parteien sind: die Alpinisten und die Wanderer. Die einen brauchen die Hütte, um ihr eigentliches Ziel, den Gipfel, zu erreichen. Sie gehen früh ins Bett, weil sie um 2 Uhr morgens wieder rausmüssen. Für die Wanderer ist die Hütte das Ziel, sie suchen schöne, romantische Flecken, freuen sich über kleine Zimmer, Betten mit 70 Zentimeter Mindestbreite, geniessen das Essen und den guten Rotwein. Am Abend würden sie gern länger als bis 22 Uhr sitzen bleiben, weil es hier oben doch so schön ist, dieses Licht, dieser Sternenhimmel, dieses Dessert! «Das ist ein Boom der letzten fünf bis zehn Jahre; über ein Drittel aller Berggänger nennen die Hütte inzwischen als Ziel», sagt Estoppey. «Und auch in den Hütten bestimmt der Trend in unserer Gesellschaft nach mehr Komfort zusehends das Angebot.»

«Generell hat sich vieles gebessert»

Barbara Leuthold ist Biologin und Bergführerin. Sie freut sich, «dass ich schon lange nicht mehr erleben musste, wie der Wind rosafarbenes Toilettenpapier über den Gletscher geweht hat», wie sie lachend sagt. Leuthold kann den Um- und Neubauten, die vor allem auch den sanitären Bereich betrafen, durchaus positive Seiten abgewinnen, «generell hat sich vieles gebessert». Doch wie Estoppey warnt sie vor dem zu viel. Man müsse sich bei jeder Hütte genau überlegen, welcher Komfort nötig und sinnvoll sei. «Es wäre zum Beispiel völlig falsch, auf allen Hütten warme Duschen anzubieten», sagt sie, schliesslich gehe es immer auch um eine Kosten-Nutzen-Rechnung, gerade in Energiefragen.

Unmut über «Schuhschachteln»

Das ist ein Punkt, der auch Bruno Lüthi und dem SAC sehr wichtig ist. Und damit sind wir endgültig bei den Um- und Anbauten, die in den letzten Jahren für so viele Diskussionen gesorgt haben und die vor allem bei altgedienten SAC-Freunden immer wieder für Entrüstung sorgen, wenn sie «Schuhschachteln» sehen, wo Steinhütten standen.

Aber: Wohin mit dem Abwasser in den schlicht konstruierten Steinbauten? Wie wird Strom erzeugt? Wie lassen sich Erweiterungsbauten möglichst wirtschaftlich erstellen und zudem in die einzigartige Landschaft einpassen? Das sind in den zwangsläufig exponierten Lagen sehr wichtige Fragen und Probleme. Architekten und Universitäten haben die Berghütten als ideale Testfelder für umweltverträgliche Versorgung entdeckt – die spektakuläre, aber ebenso umstrittene neue Monte-Rosa-Hütte ist dafür nur das bekannteste Beispiel. «Es ist ungleich billiger, Neubauten im Tal vorzuproduzieren, um sie dann stückweise mit dem Helikopter an ihren Standort zu bringen», sagt Lüthi zu den «Schuhschachteln», die er freilich weitgehend gelungen findet.

Er verweist vor allem auf «schöne Beispiele» wie die Tschiervahütte. Die Hütte im Berninagebiet ist ein Beispiel für einen Anbau, der nicht die urtümliche Hütte kopiert, gerade deshalb auffällt und kontrovers beurteilt wird. Klar ist für Lüthi aber auch: Die neue Monte-Rosa-Hütte bleibt ein einmaliges Experiment, allein schon, weil sie zur Nachahmung zu teuer ist. Wie geht es beim SAC im Hüttenbau weiter? 2012 soll das Hüttenleitbild fertig sein, bis dahin werden viele Diskussionen geführt. Der Konflikt zwischen Wanderern und Alpinisten ist unlösbar. Der Anteil der Alpinisten unter den Hüttenbenutzern wird immer geringer werden, der Outdoor-Boom wird weiter wachsen, den Bergsteigern wird es gehen wie der Tier- und Pflanzenwelt: Wollen sie ungestört bleiben, müssen sie sich ihre Nische suchen, in entlegene, schwer erreichbare Hütten ausweichen, auch um diese zu erhalten. Dort finden sie dann vielleicht eine Ausgabe des SAC-Zentralorgans «Alpen» vom Februar 2011, in der aus einem alten Zeitungsartikel zitiert wird: «Wohin wird uns dieser übertriebene Luxus noch führen?» Gemeint war die Refuge des Diablerets, und erschienen ist der Artikel im Oktober 1871. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2011, 16:09 Uhr

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