Die schöne Schlafende erwacht

Als dreckig und heruntergekommen verpönt, fristete Bordeaux lange ein unrühmliches Dasein. Jetzt meldet sich die Metropole spektakulär zurück – dank eines gefallenen Politikers.

Der Miroir d’eau ist eines der jüngeren Wahrzeichen Bordeaux’: Zweimal pro Stunde schwebt hier ein feines Nebelmeer über die Place de la Bourse. Foto: Thomas Sanson

Der Miroir d’eau ist eines der jüngeren Wahrzeichen Bordeaux’: Zweimal pro Stunde schwebt hier ein feines Nebelmeer über die Place de la Bourse. Foto: Thomas Sanson

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Diese Stadt ist keine Reise wert, nicht mal einen Zwischenhalt. Eine Bemerkung, die vor wenigen Jahren häufig fiel, wenn von Bordeaux die Rede war. Auf der Beliebtheitsskala der Franzosen kommt der Ort im Südwesten heute aber gleich nach der unumgänglichen Metropole Paris: «La belle endormie» ist aufgewacht.

Während Jahrzehnten stand die Stadt im Schatten der Weingüter und sah sich reduziert auf den Ruf der Grand Crus. Wer Bordeaux sagte, meinte damit nicht den Ort, sondern die renommierten Châteaux und ihre edlen Tropfen. Verlassene Hangars säumten die Ufer der Garonne, Abgase hatten die Fassaden geschwärzt, Landstreicher und Kleinkriminelle machten die Quais unsicher, und Autos verstellten die Trottoirs. Vergessen war die Blütezeit der florierenden Hafenstadt, während der die majestätischen, sandfarbenen Fassaden jedem Ankömmling zeigten: Bordeaux ist eine Welthandelsmetropole. Dann mieden die modernen Frachter die Garonne und legten direkt an der Atlantikküste an. Für sie war der Flusslauf nicht mehr tief genug. Die Einheimischen kehrten dem einst Reichtum spendenden Fluss den Rücken, zu düster waren die Quais. Die Docks verwaisten.

Basler Entwurf für Sporttempel

Bis sich der einstige Redenschreiber von Jacques Chirac der Stadt annahm: Alain Juppé (UMP) wurde 1995 nicht nur zum Premierminister Frankreichs ernannt, er trat im selben Jahr in Bordeaux in die Fussstapfen des langjährigen Bürgermeisters Jacques Chaban-Delmas. Zwar verurteilte ihn 2004 ein Gericht wegen einer Steueraffäre zu einer bedingten Freiheitsstrafe und sprach ihm für ein Jahr die Wählbarkeit ab. Doch der gefallene Politiker kehrte 2006 ins Stadthaus von Bordeaux zurück.

Nicht viel mehr als eine futuristisch anmutende Hebebrücke erinnert heute an die Regierungszeit von Juppés Vorgänger Chaban-Delmas, die nahezu ein halbes Jahrhundert andauerte. Die Bordelais aller politischen Lager sind sich einig: Juppé ist die Schlüsselfigur im jüngsten, zukunftsweisenden Kapitel der Stadt. Unter seiner Ägide verlegten Arbeiter kilometerweise Tramschienen; er verbannte den Verkehr von etlichen Strassenabschnitten und subventionierte Reinigungsarbeiten, nachdem er die Hausbesitzer verpflichtet hatte, die Fassaden ihrer Liegenschaften von den Abgasspuren zu befreien.

Ein Wahrzeichen wie die Oper von Sydney

Der Ex-Premier, der nun François Hollande das Präsidentenamt streitig macht, hat sein «urbanes Denkmal» noch nicht vollendet: Flussabwärts entsteht ein neues Stadion. Im Stade Bordeaux Atlantique sollen 2016 Spiele der Europameisterschaft stattfinden. Es stammt von den Architekten Herzog & de Meuron, die auch die Sporttempel von Basel, München und Peking entworfen haben. Am Ufer der Garonne realisieren Arbeiter zudem die Cité des Civilisations du Vin. Ähnlich wie die Oper von Sydney soll das architektonisch ­auffällige Gebäude zum Wahrzeichen der Stadt werden.

Die Bordelais sollen also die Garonne und ihre Stadt wiederentdecken – und das tun sie: Kinder tollen bei sonnigem Wetter auf dem Miroir d’eau gegenüber der eindrucksvollen Kulisse der Place de la Bourse. Der 3450 Quadratmeter grosse Wasserspiegel zwischen dem Quai de la Douane und dem Quai Louis XVIII. reflektiert aber nicht nur die histo­rische Fassade. Im Wechsel zum Spiegeleffekt schwebt zweimal pro Stunde ein feines Nebelmeer über dem wenige Zentimeter tiefen Wasser. Ein Schauspiel, das sich etwa vom ehrwürdigen Pont de Pierre wunderbar beobachten lässt. Die historische Steinbrücke verbindet seit 1822 das Herz der Stadt mit der Bastide, einem Arbeiterquartier, das seit der Jahrtausendwende dank universitären Bauten und erschwinglichen Wohnungen bei jungen Leuten hoch im Kurs ist.

Das Garonneknie hat den inoffiziellen Namen des Hafens von Bordeaux geprägt: Den «Port de la Lune» haben die Heraldiker mit einer liegenden Mond­sichel im Wappen der Stadt verewigt. Darauf ist aber auch ein Leopard erkennbar, jenes Raubtier, welches die Engländer auf ihren Flaggen trugen. Einst waren es sogar deren drei – man zollte damit der englischen Herrschaft über die Region Respekt. Die englische Krone erhob mit der Thronbesteigung von Heinrich II. um 1154 Anspruch auf das Gebiet, das seine Gattin Eleonore von Aquitanien in die Heirat eingebracht hatte. Erst drei Jahrhunderte später, nach einem erbitterten Krieg zwischen den beiden Grossmächten, ging Bordeaux wieder an Frankreich.

Pubs in der Weinstadt

Der Einfluss der Briten ist aber nicht nur auf dem Wappen der Stadt sichtbar, er ist heute noch in den kleinen Gassen der Altstadt spür- und trinkbar. Es dürfte manchen überraschen, dass die Bordelais eine richtige Pub-Kultur pflegen. An der Rue Sainte-Colombe etwa, wo die Einheimischen abseits der Touristenströme flanieren, wird die Bar Le Chabi in Kürze einem britischen Lokal weichen. Ein legendäres Pub liegt etwas ausserhalb der Innenstadt: Im The Cock and Bull treffen sich Sportfans zu einem Bier, etwa wenn die Rugby-Männer der Union Bordeaux Bègles auflaufen, aber auch Wissensspielliebhaber, wenn anlässlich der montäglichen Quiznacht Wissen und zuweilen auch Trinkfestigkeit gefragt sind. Die ersten Fragen werden für gewöhnlich nach 22 Uhr lanciert. Eine Eigenart des Pubs ist, dass sich Männlein und Weiblein dasselbe stille Örtchen teilen – der Gang dorthin lohnt sich trotzdem: Vom britischen Humor zeugen Tafeln mit Hausregeln: «Ladies, please stay seated during the whole performance! Gentlemen, stand closer; it’s shorter than you think.»

Nicht nur die Pubs haben in den Strassen von Bordeaux ihren festen Platz, seit der Umgestaltung der Verkehrsachsen auch die Fahrräder. Touristen entdecken auf städtischen Mietvelos die Gassen und parkähnlichen Quais der erwachten Stadt. Ein 700 Kilometer langes Velowegnetz hat viele der autogewohnten Franzosen bewogen, ihre täglichen Besorgungen auf dem Rad statt am Steuer zu erledigen. Das hat die Hektik auf den Strassen reduziert. Massgeblich daran beteiligt ist zudem das Tram, das seit 2003 in Bordeaux verkehrt. Dass dessen Stromversorgung in den Boden verlegt wurde, kommt nicht von ungefähr: Keine Masten sollten die neu zur Geltung kommende Architektur wie etwa die stolze Fassade des Grand-Théâtre verschandeln.

Grundsätzlich sind sich die Bordelais einig: Das Tram ist etwas vom Besten, was ihnen die Juppé-Regierung beschert hat – es forderte aber auch seinen Tribut. Das weiss Philippe. der Clochard. Mit einer Bierdose in der Hand ist er auf der Place des Quinconces anzutreffen, neben den Baumalleen. Dort, wo einst das Château Trompette mit auf die Bevölkerung gerichteten Kanonen die Widerstände beendete und heute das Monument aux Girondins an die Opfer der Französischen Revolution erinnert, lächelt Philippe – obschon er dazu wenig Anlass hat: Er war in einem kleinen ­Gemischtwarenladen beschäftigt, irgendwo an einer Strasse, auf der heute das Tram verkehrt. «Das Geschäft lag zwischen zwei Stationen – das hat uns den Garaus gemacht.» Traurigkeit huscht über das wettergegerbte Gesicht. Die Laufkundschaft blieb aus und damit die Haupteinnahmequelle. Das Einkaufszentrum direkt bei der Tramhaltestelle besiegelte das Schicksal des ­kleinen Ladens, Eheprobleme jenes des ­Mannes.

Fluchtort gestresster Pariser

Trotzdem mag er Bordeaux nicht den Rücken kehren. Zu sehr liebt er die Stadt, die zwischen «zwei Welten» liegt. Damit meint Philippe die sehr aus­geprägten französischen Regionen, die Bordeaux beeinflussen: einerseits der atlantische Süden, andererseits der Westen des Hexagons. Plätze wie La Place des Chartrons, La Place du Palais, La Place Saint-Pierre oder La Place Fernand-Lafrague, auf denen sich Einheimische zu einem Ricard treffen, besitzen zwar mediterranen Charme. Obschon das Getränk im Glas an die volkstümliche Geselligkeit der Provence erinnert, hebt sich die Atmosphäre in den Strassencafés aber von jener in Marseille oder Nizza ab. Eine dezente Eleganz, angefangen bei der majestätischen Architektur bis hin zum meist sehr gepflegten Dekor der zuweilen winzigen Bars à Vin, macht den Unterschied. Nicht zu vergessen die zahlreichen Pariser, die Bordeaux verfallen sind und einen Hauch Mondänität im Gepäck haben. Sie entfliehen wochenendweise der Hektik der Hauptstadt, um im «Triangle d’Or» zwischen dem Cours de l’lntendance, der Allée de Tourny und dem Cours Georges-Clémenceau zu bummeln.

Der Garonne verdankte die Stadt früher ihren wirtschaftlichen Reichtum, was auch an der Architektur zu sehen ist. Die Aufwertung der Gebäude, die Juppé vorantrieb, macht Bordeaux zu ­einem der historisch wertvollsten Orte weltweit: 1810 Hektaren, fast die Hälfte der Stadt, gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Auf dieser Liste finden sich zudem – im Rahmen der Pilgerpfade nach Santiago de Compostela – drei Kirchen (Saint-André, Saint-Michel, Saint-­Seurin). Darüber hinaus liegen die acht angrenzenden Gemeinden in der sogenannten Kulturerbe-Schutzzone.

Ein Mann, der das alte dreckige Bordeaux miterlebt hat, ist der Künstler Jofo. Er liebt die Stadt seit seiner Jugend; studierte hier Architektur, rockt seit seiner Studentenzeit als Sänger einer Band und ist seit Ende der 80er-Jahre als ­Maler tätig. Omnipräsent auf seinen Bildern ist die Figur Toto. Jofo konfrontiert sein kindlich anmutendes Strichmännchen nicht nur mit leichten Themen: Er thematisiert etwa die Atomkatastrophe von Fukushima, den Kalten Krieg oder die Arbeitslosigkeit. Die Werke werden in grossen Galerien gezeigt. So sehr er das Leben in der veränderten Stadt ­geniesst – er glaubt auch, dass der Rock ’n’ Roll der Stadt verloren zu gehen drohe. «Wir müssen aufpassen, dass wir aus unserer Heimat nicht ein Museum machen, in dem das Leben stirbt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2014, 02:25 Uhr

Video

«Rendez-vous à Bordeaux»: Promo-Film von Bordeaux Tourisme. (Quelle: Vimeo)

Tipps: Ferien an der Garonne

Anreise


  • Im Zug via Paris dauert die Hinreise acht bis neun Stunden.

  • Helvetic bietet bis Mitte Oktober wöchentlich zwei Direktflüge ab Zürich an.

  • Etihad Regional fliegt ab Genf, Easyjet ab Basel.



Übernachten

  • Villa Saint Genes, 17 rue Adrien Baysselance: ein schmuckes Bed & Breakfast in einer schönen Residenz aus dem 19. Jahrhundert mit Preisen ab 99 Euro pro Nacht.

  • Le Boutique Hotel, 3 Rue Lafaurie de Monbadon: ein Mix aus Bed & Breakfast und Luxushotel. Es bietet nebst elegant-modernen Zimmern eine Suite und ein Appartement

  • für bis zu vier Personen. Doppelzimmer ab 150  Franken pro Nacht.



Essen

  • Café Le Régent, 52 Cours du Chapeau Rouge: im Brasseriestil mit Ausblick auf das Grand-Théâtre, wird trotz vieler Touristen gerne von Einheimischen frequentiert.

  • Le Pain Quotidien, 64 rue des Remparts: zwar eine Kette, bietet aber in erster Linie lokale Produkte an. Ausgezeichnete Brunch-Location.

  • Restaurant Dan, 6 rue du Cancéra: Das junge französisch-chinesische Ehepaar Jérôme und Harmony Billot mischt lokale und asiatische Produkte und Fertigungsarten zu einem eklektischen Ganzen.



Ausgehen
In unzähligen Bars à Vin lassen sich aus­erlesene Tropfen degustieren.

  • Empfehlenswert sind Le Petit Bois, 18 rue du Chai des Farines, mit kreativem Dekor in der Innenstadt.

  • La Parcelle, Avenue Maréchal de Lattre de Tassigny. Das ist zwar weiter vom Stadtzentrum entfernt, aber einen Besuch wert.

  • Für Anglophile: das britische Pub The Cock and Bull, 23 rue Duffour-Dubergier. (pia)

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