Dreimal um die Welt

Wie ist es, wenn der Lebenstraum Weltreise wahr wird? Drei Schweizer Paare erzählen.

Abbrechen kam nicht infrage: Nicole, Kevin und Roy in Sambia. Foto: PD

Abbrechen kam nicht infrage: Nicole, Kevin und Roy in Sambia. Foto: PD

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Abfahrt zu zweit, Heimkehr zu dritt
Route 1: Nicole Schreiter und Roy Flynn sind nicht nur um die Welt gefahren: Sie haben auf der Reise auch eine Familie gegründet.

Was Mut erforderte? Nicht die unerwartete Schwangerschaft, von der sie in Indien erfuhr. Auch nicht die Entscheidung, mit dem Neugeborenen weiterzureisen. «Pakistan brauchte Mut», sagt Nicole Schreiter ernst. Sie war bereits sechs Monate mit ihrem Freund auf Weltreise. Im Toyota Land Cruiser auf der Seidenstrasse, gerade hatten sie in der Mongolei über 200 Meter hohe «Monsterdünen» bestiegen. Pakistan war ihr nächstes Ziel – und je näher es rückte, umso mehr nahm ihre Angst zu.

Nicole brauchte Abstand, flog in die Heimat zurück. Und nahm zwei Wochen später trotz negativer Medienberichte den Mut zusammen: «Die Entscheidung für Pakistan war eine der besten überhaupt», sagt sie und strahlt. Schon beim Grenzübergang riefen die Beamten ihnen herzlich «Welcome» zu und stapften ihnen durch den Schnee entgegen. «Immer wieder empfingen uns Einheimische voller Freude darüber, dass wir ihr Land besuchten», erinnert sich Nicole. Und die Natur, die 7000er-Gipfel – aus den geplanten sieben Tagen wurde ein 5-wöchiger Aufenthalt. In der Zeit manifestierte sich das Ziel ihrer Reise: «Wir wollten uns ein eigenes Bild der Welt machen.»

Nicole Schreiter und Roy Flynn hatten sich 2008 über eine Zeitungsannonce kennen gelernt. Er suchte eine Reisepartnerin, und schon beim ersten Treffen redeten sie über den Wunsch, die Welt auf vier Rädern zu erkunden. Sie brachen nicht frisch verliebt auf, dazu sind die Pflegefachfrau und der Technische Kaufmann zu geerdet. Viel mehr bereiteten sie sich umfassend vor, bauten den Wagen komfortabler um und befolgten einen Sparplan, zuletzt teilten sie sich eine Einzimmerwohnung. Im März 2012 hatten sie 150'000 Franken beisammen und fuhren von Uster los – und kehrten 3 Jahre und 53 Tage später mit dem Sohn Kevin zurück.

«Das Auto ist dein Zuhause», sagt sie. Nachts suchen sie Plätze zum Campen, hören auf ihr Bauchgefühl. Und fahren weiter, wenn sie sich nicht einig sind. Hin und wieder leisten sie sich eine warme Dusche, ein schönes Hotelzimmer. Oder schlafen bei neuen Bekannten: «Im Iran haben wir vier Wochen lang nur bei Familien übernachtet», erzählt Nicole. «Wir wurden regelrecht herumgereicht – unglaublich!» Ohnehin komme man auf dem Roadtrip schnell mit Einheimischen ins Gespräch. Etwa in Tadschikistan, wo sie Helfer suchen, um den Wagen aus dem Schlamm zu ziehen. Und die Sorgen vergessen, als Tadschikinnen ringsum tanzen und singen und Nicoles Haar zu einem traditionellen Zopf flechten.

Auf der Strecke bis zur Mongolei sammeln sie Spenden für das dortige Kinderhilfswerk Bayasgalant. Sie wollen etwas zurückgeben, bei der Ankunft stiften sie 59'000 Franken. Drei Monate später, sie haben weite Teile Asiens durchfahren, erreichen sie Indien – das wohl verrückteste Land, das sie je besucht haben, schreiben sie auf ihrem Blog Globexplorer.ch. «Ich hatte vorab nicht erwartet, dass Reisen auch viel Anstrengung bedeutet. Ständig organisierst du Routen, Schlafplätze oder Visa, oft übersättigt von Eindrücken.» Es sei wichtig, dazwischen Ferien vom Reisen zu nehmen. Und sich nicht vom Fleck zu bewegen.

Goa ist perfekt dazu. An der südindischen Partyküste bestätigt sich jedoch eine Vorahnung, die ihr Leben verändern wird: Nicole ist schwanger. «Natürlich haben wir uns riesig gefreut. Und schon bald überlegt, welchen Geburtsort wir auswählen sollen.» Abbrechen kommt für die Nomaden nicht infrage. «Die vielen schönen Erlebnisse mit den Menschen haben uns Vertrauen gegeben.» Die thailändische Insel Ko Samui kombiniert ein gutes Spital mit Strandleben. Im August 2013 kommt dort ihr Sohn Kevin zur Welt.

«Schweiz ist das schönste Land»

Von da an ist alles anders. «Im guten Sinn», sagt sie. Mit Kevin bewegen sie sich noch vorsichtiger, gewinnen aber auch Nähe zu den Einheimischen. Strassenkinder bestaunen das europäische Baby. Noch bevor Kevin mit knapp zwei Jahren erstmals die Schweiz sieht, hat er in Roys Heimat Australien gesändelt, in Zimbabwe die Victoriafälle besichtigt, in Tansania mit einem Massai gespielt.

Nicole Schreiter nennt nicht die letzten fernen Länder als die eindrücklichsten der Reise. Vielmehr Tadschikistan mit der traumhaften Bergkulisse, den Iran und – «der Hammer» – Pakistan. «Dort haben uns die herzlichen, ehrlichen Begegnungen mit den Einheimischen berührt», sagt sie. Die Rückkehr fiel der 33-Jährigen und dem 38-Jährigen leicht. «Die Schweiz ist das schönste Land der Welt.» Nur Kevin müssten sie noch beibringen, dass die Menschen hier etwas anders seien: «Immer wieder geht er auf Fremde zu und gibt ihnen die Hand.»


Auf zu einem neuen Leben
Route 2: Kein Abklappern, Hauptsache Wellen

Ein Monat Costa Rica pro Jahr – das reichte nicht. «Ich träumte von einer Weltreise mit ausgiebigem Wellenreiten», sagt Stefan Zwicky. In einem Surfcamp in Costa Rica hatte er die Stuttgarterin Simone Fuss kennen gelernt. Im September 2013 zog das Paar mit 91'000 Franken los – und baute danach ein neues Leben auf. Die Route war nur grob abgesteckt, sie setzten auf Spontanität. Begeistert von einer früheren Afrikareise, wollte Simone ihm unbedingt Moçambique zeigen. «Das hatte mich nicht gereizt», sagt Stefan. Aber es entpuppte sich als Highlight: «An Traumstränden erlebten wir eine so faszinierende Kultur und waren ehrlich willkommen.»

Auf Afrika folgten neun Monate Asien – wo immer sie hinkamen, kreisten die Gespräche mit Backpackern um dieselben Themen. «Bis der Austausch tief wird, muss man viel Energie aufwenden.» An bestimmten Tagen mit den richtigen Leuten aber entstanden Freundschaften, die bis heute anhalten. «Um an die Einheimischen näher heranzukommen, hätten wir dagegen viel mehr Zeit vor Ort gebraucht.» Die Philippinen waren ein weiterer Höhepunkt für die Surfer. Und Australien bedeutete Entspannung: «Nach zehn Monaten waren wir erstmals wieder in einer vertrauten Kultur.» In Melbourne verfolgten sie mit Einheimischen die Fussball-WM in Brasilien, «eine super Atmosphäre», schwärmt er. Auch Neuseeland gefiel, es sei aber kein Muss.

Das Heimkommen nach 18 Monaten fiel leicht, weil die nächste Reise schon geplant ist. «Ich arbeite nun freiberuflich als Bauingenieur. Auch Simone als Chirurgin ist sehr gefragt», sagt der 31-jährige Zürcher. Natürlich gebe das Halt und lasse Türen offen. Der hohe Leistungsdruck in Westeuropa sei ihm und der acht Jahre älteren Simone aber zuwider. Im November wollen sie heiraten. Und im Frühling werden sie im Campingwagen entlang Europas Atlantikküste fahren. Auf der Suche nach einem wellenreichen Strand, an dem sie ihr Bed and Breakfast eröffnen werden.


Der Reiserausch hört niemals auf
Route 3: Kein Verzichten, Hauptsache Sonne

«Tu es einfach», das sei sein bester Rat. Wer ernsthaft über eine Weltreise nachdenke, finde viel mehr Gründe dagegen als dafür. «Ein Grundvertrauen ist Voraussetzung», sagt Thomas Schwab. Mit seinem Partner Stefan Weiser flog er im Juli 2010 nach Chile, um darauf 16 Monate lang der Sonne nachzureisen.

Erstes Ziel: die Anden. Auf ihrem Blog Einmalrundum.ch berichteten sie auch vom säuerlich riechenden Bus, «die Inkas sind nicht kurvenfest». Bleibender war aber die bizarre Landschaft, die schönste der gesamten Reise. Ganze Tage verbrachten sie in Bussen, auf einer der Fahrten wurde ihre Kamera gestohlen. «Ein Riesenglück, dass nichts weiter passiert ist», sagt Thomas.

Das Reisegeld von 65'000 Franken setzten sie für alles ein, worauf sie Lust hatten, ob Bootstouren auf dem Amazonas oder zu den Galapagosinseln: «Wir wollten es voll geniessen. Uns interessierte so vieles, dass wir meist nur zwei Tage an einem Ort blieben.» Die schönsten Flecken der Erde? «Die Tierwelt war in Costa Rica am eindrücklichsten. Und was Kultur und Tauchen angeht: Südostasien», sagt Thomas und strahlt mit jenem breiten Lächeln, das den Backpackern bestimmt Türen öffnete. Es sei wichtig, dem Partner Raum zu lassen. Er vertiefte sich dazu in Bücher, die er ständig gegen neue eintauschte. «Manchmal hatten wir uns schlicht nichts zu erzählen, nachdem wir alles zusammen erlebt hatten», sagt er. Und sicher, Reibereien seien auch vorgekommen. Sie lernten Paare kennen, die sich auf der Reise trennten.

Fast vier Jahre ist das nun her, längst arbeitet Thomas wieder als Privatkundenberater bei der CS, der Basler Stefan als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die ETH. Die Kette mit den Kaurischnecken aus Belize trägt Thomas noch immer am rechten Fussgelenk. Der 35-Jährige und sein 7 Jahre älterer Partner gehen immer wieder dem Fernweh nach. «Afrika haben wir inzwischen nachgeholt», sagt er. Von der Weltreise wäre er am liebsten gar nie zurückgekehrt.

Die Reiserouten der Schweizer. TA-Grafik kmh

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2015, 10:30 Uhr

Tipps für Weltenbummler

Tickets und Angebote

Unbedingt mitnehmen: Musikplayer, Bücher – Stefan Zwicky hat noch nie so viel gelesen wie auf der Reise –, Hörspiele für die langen Fahrten und einen günstigen Laptop für den komfortablen Internetzugang unterwegs.

Round-the-World-Tickets: Luftfahrt­allianzen bieten Flugtickets für die gesamte Weltreise, z. B.: Oneworld (American Airlines, British Airways), Star Alliance (Lufthansa, Swiss, Singapore Airlines) und Skyteam (Air France, KLM). Tickets ab 4000 Fr. www.oneworld.com, www.staralliance.com, www.skyteam.com

In 24 Tagen um die Welt: Globus-Reisen bietet einen Kurztrip um die Welt an. Die begleitete Gruppe fliegt im Jet der Austrian Airlines in die USA und nach Asien. 1. bis 24. März 2016, ab 22 900 Fr. inkl. Übernachtungen, Frühstück sowie zum Teil Ausflüge und Mahlzeiten. www.globusreisen.ch

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