Dü da do, Postauto!

Urwelttobel, Römerruinen, ein Strassenkehrtunnel und 37 Haarnadelkurven: grandiose Schweizer Buslinien.

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1. Höllenfahrt
Sitten–Aven–Derborence
Reisedauer: 61 Minuten. Sa/So bis 13. Oktober

Wer nicht unter Schwindel oder Herzschwäche leidet, setzt sich links ans Fenster. Nach Aven fährt der Bus in die Lizerneschlucht ein, ein urweltliches V aus nackten Felsplatten. Zehn Minuten lang fährt man direkt am Abgrund. Auf die Hölle folgt das Paradies, der See von Derborence, ein Bergsturzprodukt des 18. Jahrhunderts. Zum Bergkessel gehört ein geschützter Föhrenurwald. Und ein Restaurant. Auf dessen Terrasse liest man natürlich die Bergsturzmoritat «Derborence» von 1934, die subtil gruselige Erzählung von Charles Ferdinand Ramuz. Dann die Heimfahrt; beim Anblick der Reben des Rhonetals atmet man auf. Diese Fahrt ist Psychodrama.

2. Kurvenfahrt
Magadino Debarcadero (Schifflände)–San Nazzaro– Indemini Paese
Reisedauer: 67 Minuten

Der Passagier muss resistent sein gegen Übelkeitsanfälle. Vom Lago Maggiore aus steigt der Bus 1200 Meter, um nach der Alpe di Neggia wieder 450 Meter abzugeben; dabei bewältigt er 37 Haarnadel- und 254 normale Kurven. Und wie die «Schweizer Familie» schrieb: «Man hat gute Chancen, dass ein Fuchs oder Reh die Strasse quert, ein Hase über eine Lichtung hoppelt oder ein Dachs aus dem Unterholz watschelt.» Das Ziel Indemini, umgeben von Kastanienhainen, war einst ein Schmugglerdorf. Heute wäre es wohl ausgestorben, wären da nicht das Postauto und die Kurventouristen.

3. Hügelfahrt
Thurnen Bahnhof–Riggisberg –Gurnigel–Schwarzenburg Bahnhof
Reisedauer: 101 Minuten

«Gurnigel» kommt vom lateinischen «corniculum», Hörnchen. Die Verkleinerungsform passt, man fährt die meiste Zeit durch lieblich grüne Hügel. Oben auf dem Gurnigelpass, unweit des mächtigen Gantrisch, sieht man freilich auch schroffe Berge. Lang ist diese Fahrt. Und ungeheuer abwechslungsreich mit immer neuen Blicken und Högern und Flüssen, die mythische Namen tragen wie Hengstsense. Dies ist historisches Grenzland. Freiburgischer Katholizismus stiess auf die reformierte Konfession der Patrizier von Bern, doch für beide Herren war die Gegend Rand. Hier investierte man nicht gross. Entsprechend naturnah ist sie geblieben.

4. Helikopterfahrt
Flüelen–Isenthal Post
Reisedauer: 26 Minuten

Die Fahrt ist kurz, aber ein Spektakel. Oder gar zwei. Zuerst umrundet der Bus das Südufer des Urnersees. Dann Isleten, heute Surferparadies, früher wichtiger Industriestandort. 1873 siedelte Alfred Nobel eine Dynamitfabrik an; der Sprengstoff wurde beim Bau des Gotthardtunnels eingesetzt. Nun verlässt der Bus die Lieblichkeit und sticht in die abrupte Fels-Wald-Halde zur Linken; auf mediterran folgt alpin. In wilden Kehren erobert er, hart an den Leitplanken zum Nichts, ein Hochtal, das man von unten nicht sieht. Reist man später retour, liegt der See derart steil unter einem, dass man sagen darf: Diese Postautofahrt ist auch ein Helikopterflug.

5. Mondfahrt
Küblis Bahnhof–St. Antönien Platz
Reisedauer: 28 Minuten

Es gibt in diesem Land die grossen Täler. Und es gibt die Seitentäler, die wegführen ins Nirgendwo, an die Grenze, in die Weltferne. St. Antönien, Prättigau, Bündnerland, nur durch einen Gebirgsriegel vom Österreichischen getrennt, ist ein solches Dorf im Abseits; es wirbt sinniger- und stimmigerweise um Touristen mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links». Ebenso reizvoll wie das Ziel ist der Weg: die Fahrt von Küblis hinauf nach Pany und hoch über dem Schanielatobel, einem verschummerten Urschlund, gen Norden. Wer gern Abstand nehmen möchte, ist mit dieser Postautolinie bestens bedient.

6. Gneisfahrt
Locarno–Bignasco–Fusio, Paese
Reisedauer: 108 Minuten

Auf der Strecke von Locarno nach Bignasco fährt der Bus nicht, er rast. Hernach wird alles anders: umsteigen vom Gelenkbus auf das Postauto, das den Passagier 900 Meter in die Höhe trägt. Gerad ist die Piste durch den Glimmergneis, dunkel und dicht sind die Wälder, traut sind die kleinen Dörfer mit den gedrängten Häusern in Grau. Oberhalb von Peccia ist eine Haarnadelkurve so eng, dass der Bus zurücksetzen muss, um sie nehmen zu können. In Mogno, dem zweitobersten Dorf, empfiehlt es sich, auszusteigen und die zehn Minuten zu Bottas berühmter Kirche San Giovanni Battista zu spazieren, einem Triumph der Geometrie. Oder doch sitzen bleiben und nach ganz oben reisen, nach Fusio? Das Hangdorf zuhinterst im Lavizzaratal muss man erfahren haben.

7. Jurafahrt
St-Imier–Chasseral Hotel
Reisedauer: 34 Minuten. Täglich bis 20. Oktober

Auf den Chasseral zu fahren bedeutet, sich einem König zu nähern. Unter den vielen Gipfeln der Schweiz ist dieser, wiewohl mit 1607 Meter nicht hoch, einer der markantesten – ein endloser Höhenzug am Rande des Mittellandes in der vordersten Jurakette mit einer 120-Meter-Fernsehantenne als Blickfang und Markenzeichen. Den Chasse, wie ihn die Einheimischen nennen, sieht man von überall, auch vom Säntis, quer übers Land. Der Bus nähert sich ihm durch steiles Weidegelände, Kühe glotzen, hoch steht der gelbe Enzian, der Kalkgrund ist verkarstet mit tiefen Schrunden. Oben warten ein liebloses Selbstbedienungsrestaurant und ein gewaltiges Panorama inklusive Vogesen, Eigernordwand, Bielersee. Knapp deckt Wiesengrün den Steinkörper, kongenial karg klingen die Einheimischen. Der Schriftsteller Daniel Zahno beschrieb einmal einen Busfahrer im Bus vor dem Chasseral-Hotel. Auf die Frage, ob er nach St-Imier fahre, antwortete der Fahrer: «Il paraît». Es scheint so.

8. Historienfahrt
Ziegelbrücke–Filzbach–Obstalden–Mühlehorn Bahnhof
Reisedauer: 58 Minuten. Mo bis Fr ohne Umsteigen

Indem der Bus – nach Durchquerung der Ebene hinüber nach Mollis – den Kerenzerberg attackiert, zitiert er gewissermassen antike Verkehrsgeschichte. Der fjordartige Walensee mit den hohen Felswänden nördlich und südlich war die längste Zeit ein Verkehrshindernis; man befuhr ihn mit Schiffen oder musste ihn umfahren – via Kerenzerberg eben. Oben in Filzbach wurden denn auch die Mauerreste einer Wachanlage aus der Zeit des Kaisers Augustus sichergestellt; schon die alten Römer nahmen diesen Weg und sicherten ihn mit einem Legionärsposten. Erst 1964 kam die erste durchgehende Strasse für Autos unten dem Seeufer entlang, Vorläuferin der Autobahn. Oben auf dem Berg sieht man mehr, vor allem die Churfirsten, die schönste Bergkette der Schweiz. Und, ebenfalls auf der anderen Seite des Sees, die Seerenbachfälle. Der mittlere ist mit 305 Metern der höchste Wasserfall. Diese Busfahrt bietet Schönheit, die schon die Antiken sahen.

9. Kehrtunnelfahrt
Lauterbrunnen Bahnhof– Isenfluh Dorf
Reisedauer: 12 Minuten

Lang ist diese Fahrt nicht. Aber wo sonst gibt es einen Postauto-Kehrtunnel? Erst Anfang der Sechzigerjahre kam das Dörfchen Isenfluh hoch über dem Tal der Weissen Lütschine zu einer Strasse. Kurz darauf traten die ersten Hangrisse auf und gefährdeten die Zufahrt. 1987 wurde die Strasse ganz zerstört, man musste eine Notseilbahn bauen. 1992 wurde die Strasse wieder geöffnet; der 1200 Meter lange 360-Grad-Kehrtunnel macht es seither möglich, dass man Isenfluh gefahrlos erreicht, auch im Winter. Und was macht man als Tourist dort oben? Im Hotel-Restaurant mit dem trauten Namen «Waldrand» einkehren. Gut atmen. Und wieder in den Bus steigen und sich auf den Kehrtunnel freuen, das fast 10 Millionen teure Rundvergnügen.

10. Kantenfahrt
Trogen Bahnhof–Oberegg/St. Anton–Heiden Post
Reisedauer: 34 Minuten

Vor und nach der Fahrt muss man besichtigen: in Trogen die Prachtpaläste der Zellweger, einer Textildynastie. Und in Heiden das Dorf als Ganzes. Es verdankt sein klassizistisch-biedermeierliches Ebenmass dem Dorfbrand von 1838; alles wurde hernach neu. Beide Ausserrhoder Orte sind mit einer Postautolinie verbunden, die durch einsames Wald- und Hügelland führt, hart an der Kante zum St. Galler Rheintal. In der Mitte nimmt das Postauto den Minipass St. Anton. Auf 1110 Metern ist der Fahrgast in Innerrhoden (eine Exklave). Er hat Fern- und Tiefsicht, blickt über das Rheintal weit ins Vorarlbergische. Hat er Zeit, sollte er aussteigen und verweilen. Erstens gilt es, dem namensgebenden Heiligen und seiner Kapelle Reverenz zu erweisen, Antonius von Padua. Und zweitens ist da das Restaurant St. Anton, in dem das Wirtepaar Manser Appenzeller Spezialitäten und vieles mehr serviert. Diese Busfahrt kombiniert aparte Gegend, Kultur und Kulinarik.

Bei einigen Strecken muss man je nach Kurs allenfalls umsteigen. – In wenigen Fällen zahlt man auch mit dem GA einen Zuschlag. – Bei einigen Kursen muss man reservieren, Fahrplan konsultieren! – Und je nach Kurs kann die Reisezeit leicht variieren. Folgende Strecken sind nicht von Postauto Schweiz konzessioniert: Locarno–Bignasco (Fart). St-Imier– Chasseral (Chemins de Fer du Jura). Ziegelbrücke–Mühlehorn (SBB).

Erstellt: 19.09.2013, 16:12 Uhr

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