Eine sonderbare Reise durch das Reich der Kims

Besucher von Nordkorea fühlen sich wie in einem Propagandafilm. Mit der einheimischen Bevölkerung kommt man nicht in Kontakt – ausser mit jenen Leuten, die einen auf Schritt und Tritt überwachen.

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Nordkorea ist ein Land zwischen «Truman Show» und «Casino» – rund um die Uhr wird man überwacht und abgehört, ein Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten wird «arrangiert», und mit der Bevölkerung kommt man gar nicht in Kontakt. An aufmerksamen Reisegefährten allerdings mangelt es nicht: Frau Kim und Herr Ljiu sind unsere «Reiseführer», wie die ständigen Begleiter im Reiche Kims genannt werden, und erzählen uns das, was die Propaganda lehrt. Chauffiert werden wir in einem Minivan – der Chauffeur heisst auch Kim –, und diese Fünfergruppe ist für eine Woche zur Reisegemeinschaft vereint.

Zwei Hotels gibt es für Touristen in Pyongyang – wir landen im Yanggakdo, auf einer kleinen Halbinsel des Dädong-Flusses, und dürfen dieses «auf keinen Fall» allein verlassen. Wir könnten uns «verlaufen», befürchten unsere Reiseleiter. Vom Nachttisch mit zwei kleinen Lampen und einem Radio führen 26 Kabel weg, und ein Zimmerwechsel ist – obwohl man kaum jemanden in den Gängen des 47-stöckigen Hotelklotzes sieht – «leider nicht möglich».

Ein «etwas anderes Land»

Einen 5. Stock übrigens gibt es an der Liftanzeigetafel nicht – laut Gerüchten befinden sich auf dieser Etage neben den Zimmern der Guides die technischen Einrichtungen, um die Gäste auszuspionieren. Frühstück serviert man uns entweder im «No. 1» oder im «No. 2», jeden Tag einen Toast und eine Erdbeerkonfitüre. Die vorsichtige Frage nach einem Zuschlag wird mit grossen, staunenden Augen und einem lauten «Oh!» quittiert. Am Fernsehbildschirm im Speisesaal begleiten uns, wie auch sonst überall, Aufmärsche, Paraden und Besichtigungen, die der neue Staatsführer Kim Jong-un, wie schon seine Väter, mit «Hinweisen» – so wird das euphemistisch genannt – an die lokale Bevölkerung absolviert. Dazu stets dieselbe blecherne Musik.

«Unser Land ist, wie Sie vielleicht wissen, etwas anders», hatten uns unsere Begleiter schon beim Empfang am Flughafen wissen lassen, als sie uns in die Regeln und Gepflogenheiten für die kommenden Tage einführten.

Denkmäler müssen stets ganz fotografiert werden

Am Beginn des Programms steht gleich das Mansudae-Denkmal, eine 20 Meter hohe Bronzeskulptur zu Ehren Kim Il-sungs, des Staatsgründers und Ewigen Präsidenten, sowie seines im letzten Jahr verstorbenen Sohnes Kim Jong-il. «Sie können hier Blumen kaufen und niederlegen», ermuntert uns Frau Kim. Auf unsere Antwort, das sei nicht nötig, dann eindringlicher: «Doch, doch, das können Sie ruhig tun.» Unsere zynische Bemerkung, die 10 Euro kämen sicherlich der Hunger leidenden Bevölkerung zugute, wird nicht als solche durchschaut und strahlend bejaht. Wie alle Denkmäler und Statuen muss dieses übrigens in seiner ganzen Pracht fotografiert werden; es darf nichts abgeschnitten werden, ansonsten muss das Bild – nur Digitalkameras sind gestattet – umgehend gelöscht werden. Diesbezüglich sind die «Hinweise» ganz klar.

Täglich pünktlich um 9 Uhr ist Abfahrt mit dem Minibus beim Hotel. Auch unsere Begleiter übernachten im Yanggakdo – zur Sicherheit reden wir also nicht nur im Bus, sondern auch im Hotelzimmer von «Wilhelm», «Peter» und «Kevin», wenn wir untereinander von der Kim-Dynastie sprechen. Andeutungen, der neue Staatsführer Kim Jong-un sei in der Schweiz zur Schule gegangen, werden als Witz empfunden – das ist schlichtweg unvorstellbar. Nicht Basketball im Berner Liebefeld soll Kim gespielt haben, sondern sich bereits als Teenager militärstrategischen Studien gewidmet und «ohne zu ruhen für das koreanische Volk gearbeitet» haben. Dass immer wieder behauptet wird, der schwerreiche Kim-Clan – der allein in Pyongyang fünf Paläste und einen privaten Flugplatz unterhalten soll – habe Geld in der Schweiz liegen, behalten wir lieber für uns.

Ohne Maschinen, ohne Ertrag

Skurril ist auch die «Internationale Freundschaftsausstellung» im Myohyang-Gebirge, in der Tausende von Staatsgeschenken ausgestellt werden, welche die Kims über die Jahre überreicht erhielten – und die den Touristen von einer dramatisch-überdrehten Führerin stolz gezeigt werden. Auch der ehemalige Schweizer Bundespräsident Flavio Cotti ist mit einem Geschenk präsent; die Ciba-Geigy überreichte eine Tischpendule. Beim Verlassen des Gebäudekomplexes dann die ewig gleiche Frage: «Und, was werden Sie jetzt Ihren Freunden zu Hause erzählen?» Die Nordkoreaner, abgesehen von den Eliten, dürften nicht ahnen, wie ihre Heimat im Ausland beurteilt wird, denn sie sehen vor allem solche Geschenke und Ehrentafeln an ihren Denkmälern. So auch am dominanten Juche-Turm in Pyongyang, der für die Staatsideologie Kim Il-sungs steht, welche alle Lebensbereiche umfasst. Da gratuliert zum Beispiel der «Cercle d’études de Djoutché» aus Neuenburg.

Nordkorea wäre ein landschaftlich wunderschönes Land für Touristen, aber vor allem auch für die eigene Bevölkerung, so sie sich denn frei bewegen und entwickeln könnte und nicht Hunger litte. Es schmerzt, die Arbeiter auf dem Feld zu sehen, wie sie ohne Hilfe von Maschinen – und leider auch ohne grossen Ertrag – die Reisfelder bestellen, zuweilen unterstützt von Arbeitsbrigaden der Armee. Fotografieren ist hier strengstens untersagt: «Die Werktätigen sind das nicht gewohnt», heisst es.

Sind die Passanten Statisten?

Auf einer Reise nach Nordkorea wird man notgedrungen ein bisschen paranoid: Was von dem kleinen Ausschnitt der «Wirklichkeit», die man uns überhaupt sehen lässt, ist trotzdem noch gestellt, eben «arrangiert»?

So vermutet man, dass die U-Bahn in Pyongyang gar nicht die Bevölkerung spediert, sondern – tief unter dem Boden – lediglich dem Militär und dem Herrscherclan dient. Standen neben uns in den beiden Bahnhöfen und im Bahnwaggon, den das Bild von Kim Il-sung und Kim Jong-il zierte, nur Statisten? War es deshalb so wichtig, dass wir minutengenau dort eintrafen, und war deshalb eine zweite Fahrt tags darauf nicht mehr möglich? Glaubt Frau Kim wohl selbst, wie sie uns beschied, dass die Stationen «wegen des Dädong-Flusses» so tief unter dem Boden liegen – obwohl schon ein kurzer Blick auf die Stadtkarte zeigt, dass der Fluss deutlich weiter südlich verläuft?

Dasselbe Gefühl kam auch dann auf, als wir nach wiederholtem, hartnäckigem Bitten endlich den Vergnügungspark besuchen durften, den wir fern am Horizont erblickt hatten, als wir einen Triumphbogen besichtigten. Auch an den Folgetagen fuhren wir – immer ein und dieselbe Hauptstrasse entlang – dort vorbei, und jedes Mal war er menschenleer.

Erschreckende Vorführung

Zuerst lachte Frau Kim ob unseres Wunsches, dann beschied sie uns, das sei «nur für Kinder», doch wir liessen nicht locker – und als wir dann dort eintrafen, vergnügten sich urplötzlich etwa 500 bis 600 Personen, zwei Drittel davon in Militäruniform, im Park. Aus ihren Reaktionen musste man vermuten, dass sie noch nicht oft das Vergnügen hatten. Und es kann zwar ein Zufall sein, dass wir gewisse «Passanten» an verschiedenen Schauplätzen immer wieder sahen, muss aber nicht.

Ein eher erschreckendes Vergnügen war es zudem, den jungen Eleven im Pionierpalast in Pyongyang zuzuschauen. Die Kinder im Alter von 7 oder 8 Jahren spielten mit einer Präzision Klavier, Akkordeon und Kayagum, ein traditionelles Musikinstrument, oder jonglierten Bälle und Reifen, dass es einem kalt den Rücken herunterlief. Alle trugen sie ihre Pionierkleidung mit schwarzen Hosen respektive schwarzem Rock, einem weissen Oberteil, einem roten Halstuch und dem obligaten Kim-Button am Revers. So auch die Jungen und Mädchen, die wir auf dem grossen Kim-Il-sung-Platz mitten in der Stadt oder vor dem Sportstadion trafen und die stundenlang und in grösster Hitze ihre Choreografien übten.

Die letzte Frontlinine des Kalten Krieges

Irgendwie surreal ist auch der Besuch in Panmunjon, an der letzten Frontlinie des Kalten Krieges, an der man seit dem Koreakrieg Mitte des letzten Jahrhunderts auf Wachtürme, Stacheldraht und Grenzbaracken trifft. Die Schweiz entsendet seit 1953 Soldaten, die im Süden den Waffenstillstand überwachen. Propaganda und Gegenpropaganda werden zusehends entlarvt durch die globalisierten Massenmedien und Touristen, welche die halbierte Verhandlungsbaracke besuchen dürfen.

Wir stossen auf einen Offizier, der genauso alt ist wie wir – und je länger wir ihm zuhören, seiner ideologiegetränkten Argumentation lauschen, desto niedergeschlagener sind wir. Auf der Rückfahrt von der Grenze fällt uns auf, wie breit die Strassen zwischendurch immer wieder sind. «Damit die Autos besser ausweichen können», erklärt man uns, während unser Minivan fast allein unterwegs ist. Die einzige Autobahnraststätte, die wir passieren, war wohl gar nie in Betrieb.

«Bereit, Südkorea aufzunehmen»

Sollte die «Sonnenscheinpolitik» doch einmal fruchten und es zur Befriedung oder gar zur Wiedervereinigung (Tong-il) der koreanischen Halbinsel kommen, so würde das die Staatengemeinschaft wohl so viel kosten, dass der Geldtransfer von West- nach Ostdeutschland, verglichen damit, ein Klacks gewesen wäre. Nordkorea, obwohl mit besseren Bedingungen als der Süden gestartet, ist mittlerweile bettelarm. «Wir sind bereit, Südkorea aufzunehmen, falls es sich uns anschliessen will», sagen die Nordkoreaner immer wieder grosszügig.

Seit den Zeiten Kim Il-sungs herrscht in der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie sie sich selbst nennt, ein gottgleicher Personenkult. Man befindet sich im «Juche-Jahr 100», benannt nach dem Geburtsjahr des Staatsgründers und seiner erwähnten Ideologie. Nach mehr als einem halben Jahrhundert der rigiden Abschottung und der totalen Kontrolle lassen nun Auftritte des neuen Machthabers Kim Jong-un, in denen er sich lachend und volksnah gibt und Wirtschaftsreformen ankündigt, leise Hoffnung keimen. Ob zu Recht, wird sich weisen.

Noch gibt es ebenso viele Signale, die genau in die entgegengesetzte Richtung hindeuten: auf stärkere Repression. Vielleicht sind auch diese neuen Umgangsformen – wie auch seine Frisur und seine schwarze Mao-Jacke – nur ein Mittel dazu, um als Inkarnation seines Grossvaters Kim Il-sung zu gelten und von dessen Charisma zu profitieren.

Einsamer Urlaub

Nicht einmal 2000 westliche Touristen pro Jahr wagen sich nach Nordkorea, davon nur ein paar Handvoll Schweizer. Eine Reise nach Nordkorea bedeutet, sich auf diese arrangierte Welt einzulassen, die Regeln zu befolgen, sich nicht unbeobachtet bewegen zu können – das hat auch die mehrteilige Serie vom Sommer 2011 im Nachrichtenmagazin «10 vor 10» gezeigt. Das Fernsehen durfte einzig das filmen, was die Offiziellen der Welt zeigen wollten.

Keine Strassenbahn dürfen wir nehmen, keinen Markt, kein Einkaufszentrum und kein Kino besuchen, nicht durch die abends fast menschenleeren Strassen flanieren – nur in der Hotelbar und mutterseelenallein ein Bier trinken. Alle Restaurantbesuche sind «arrangiert», und wir essen in der bewährten Fünferformation oder auch mal zu zweit im Séparée.

Dem Besucher wird zwar die Bewegungsfreiheit entzogen, er kann an allen individuellen Entscheidungen gehindert werden; quälende Fragen kann er sich trotzdem stellen: Wie leben die Nordkoreaner abseits der uns gezeigten Hauptstrassen? Fern der Denkmäler, Museen und Kim-Geburtsstätten? Wie viele von ihnen hungern, sind inhaftiert, werden in Lagern gequält? Diese Fragen lassen einen nicht los auf dieser Reise, die keiner anderen gleicht. Und auch danach begleiten sie einen noch eine Weile weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2012, 11:25 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue)

Informationen und Tipps

Das Land: Nordkorea (das sich selbst als Demokratische Volksrepublik, KDVR, bezeichnet) grenzt im Norden an China und im äussersten Nordosten an Russland. Im Süden bildet die demilitarisierte Zone die Grenze zu Südkorea. Seit dem Koreakrieg, der von 1950 bis 1953 dauerte, gilt lediglich ein Waffenstillstand.

Nordkorea ist flächenmässig etwa dreimal so gross wie die Schweiz und hat auch dreimal so viele Einwohner. In der Hauptstadt Pyongyang wohnen rund 4 Millionen Menschen. Obwohl offiziell demokratisch, wird das Land diktatorisch von Kim Jong-un regiert. Es gilt als das weltweit repressivste politische System der Gegenwart und steht wegen schwerer Verletzungen der Menschenrechte und wegen des umstrittenen Kernwaffenprogramms international in der Kritik.

Klima: Nordkorea kennt wie Europa vier ausgeprägte Jahreszeiten, wobei der Sommer wärmer und feuchter, der Winter wesentlich kälter ist als bei uns.

Touranbieter: Eine Reise nach Nordkorea kann nicht individuell, sondern nur via Reiseveranstalter gebucht werden. Die Reisebüros koordinieren den Aufenthalt dann mit den nordkoreanischen Behörden. Grosse Erfahrung hat der Korea-Reisedienst von Malika Ben Naoum-Horst in Hannover, der auch das benötigte Visum einholt.
www.nordkoreareisen.de

In der Schweiz bietet Background Tours in unregelmässigen Abständen Reisen mit dem ehemaligen «10 vor 10»-Moderator und Nordkorea-Kenner Walter Eggenberger an.
www.background.ch

Der Asienspezialist Travelhouse/Wettstein bietet Rundreisen «Nordkorea kennen lernen» an. Eine viertägige Tour kostet ab 2090, eine achttägige ab 3290 Franken.
www.travelhouse.ch

Tourasia in Wallisellen ZH bietet einwöchige individuelle Rundreisen an.
www.tourasia.ch

Einreise: Alle Reisenden brauchen ein Visum. Die Einreise erfolgt mit Air Koryo oder Air China respektive per Zug via Peking. Das Reiseprogramm ist im Voraus genau festgelegt. Neben Denkmälern und Museen sind etwa die demilitarisierte Zone am 38. Breitengrad in Panmunjon, das Arirang-Festival mit Tänzen und Gymnastik oder die Berge im Norden einen Besuch wert.

Küche: Fast zu jeder Mahlzeit gibt es Kimchi (Kohl), das als Nationalspeise gilt, dazu Nudeln, Feuertopfgerichte sowie Sinsollo (Gemüse- oder Fleischfondue). Für die Reisen gilt Vollpension, da ein individueller Restaurantbesuch nicht möglich ist.

Telekommunikation: Internet gibt es weder für Touristen noch für die Bevölkerung. Mobiltelefone müssen am Flughafen abgegeben werden. Auslandsgespräche sind über eine Vermittlung im Hotel möglich.

Unterkunft: Touristen werden in Pyongyang, von wo das Land sternförmig erkundet wird, im Koryo-Hotel oder im neuen YanggakdoHotel untergebracht. Hotels gibt es auch in Wonsan, Kaesong und in den Gebirgszügen Myohyang-San und Kumgang-San.

Zahlungsmittel: Die häufigste Währung für Ausländer ist der Euro. Ebenfalls möglich ist die Bezahlung mit chinesischen Yuan, nicht aber mit Kreditkarten. Da bei einer Nordkorea-Reise im Grunde alles inbegriffen ist, braucht man kaum Bargeld.

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