Entspannt und erleuchtet

Pendeln zwischen Thailand und Laos: Auf dem Schiff Mekong Explorer kann man ein noch wenig erschlossenes Gebiet entlang des Flusses erkunden.

Der Weg auf den Sandsteinmonolithen mag beschwerlich sein, aber für die Aussicht von zuoberst lohnt er sich: Felsenkloster Phu Tok. Foto: John Berns.

Der Weg auf den Sandsteinmonolithen mag beschwerlich sein, aber für die Aussicht von zuoberst lohnt er sich: Felsenkloster Phu Tok. Foto: John Berns.

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Die «Mutter aller Gewässer» ist launisch. Mal kommt sie hoch daher, mal so niedrig, dass die Schiffer verzweifeln, weil überall Sandbänke lauern. Treiben die Nagas ihr Unwesen? Die Schlangen­wesen, die nach hiesiger Überzeugung am Grunde des Flusses leben?

Diese «Mutter aller Gewässer», wie der Mekong wörtlich heisst, ist Südostasiens längster Fluss. Im westchinesischen Gebirge auf 5000 Meter Höhe liegen seine Quellen, bis zur Mündung ins Südchinesische Meer in Vietnam sind es rund 4300 Kilometer. Weil er nicht durchgehend schiffbar ist, konzentrieren sich die Kreuzfahrten auf touristisch besonders interessante Abschnitte wie das Goldene Dreieck zwischen Laos, Burma und Thailand.

Weniger bekannt ist die Strecke zwischen der laotischen Hauptstadt Vientiane und dem Dorf Ban Nakhae auf der thailändischen Seite. Der Flussabschnitt liegt im Isaan, der nordöstlichen Region von Thailand, die touristisch noch wenig erschlossen ist.

Auf der Mekong Explorer werden wir vom Dorf Ban Nakhae flussaufwärts bis in die Nähe von Vientiane fahren. Falls unser Chauffeur, der uns vom Provinzflughafen Udon Thani herbringt, das Schiff überhaupt findet. Es braucht waghalsige Wendemanöver in den engen und sandigen Strassen des Kaffs, bevor wir das Schiff entdecken.

Und wir erhalten gleich die erste Lektion: Anlegestellen nach unseren Vorstellungen gibt es nicht. Keine bequemen Piers und Gangways führen aufs Schiff. Über eine unregelmässige Betontreppe gehts hinunter, die letzten Meter zum Schiff balanciert man über lose hingelegte Bretter. In den nächsten Tagen werden wir denn auch schon mal sandige und unkrautübersäte Böschungen hinaufkraxeln müssen. Oder auf eine Sandbank hinaushüpfen, auf der die Crew spätabends eine Grillparty veranstalten wird. Das Schiff ist derweil nur an zwei, drei in den Sandboden gerammten Eisenstangen festgezurrt.

Barfuss statt Abendgarderobe

Die Mekong Explorer strahlt die Gemütlichkeit eines Boutiquehotels aus. Das 2009 gebaute Schiff ist aus dunklem Teak- und Mahagoniholz gebaut. Platz gibt es nur für 32 Passagiere. Alle Kajüten sind mit Bad und Klimaanlage ausgestattet. Die bis zum Boden reichenden Fenster erlauben eine perfekte Sicht auf die vorbeiziehende Landschaft. In der teuersten Kategorie gibt es darüber hinaus kleine Balkone, die Platz für zwei Stühle und ein Tischchen bieten.

Ein luftiger Speiseraum und das Oberdeck mit Bar, Sitzgruppen und Bambusliegen laden zum Verweilen ein. Die überaus freundliche laotische Besatzung verzichtet auf Uniformen, Kapitän Kham Pheng läuft, wenn er denn einmal seinen Posten verlässt, barfuss herum. An das legere Tenü gewöhnen sich die Gäste schnell und lassen ihre eleganten Kleider und Schuhe gern im Koffer liegen.

Als gewöhnungsbedürftig erweist sich nach der ersten Nacht der Umstand, dass die Kabinenwände nicht sonderlich dick sind. Wenn die dienstbaren laotischen Geister morgens um 6 Uhr ihr Tagwerk beginnen, bekommen das auch die Gäste mit. Morningcall per Fussgetrampel. Ein französischer Touroperator notiert sich diese Beobachtungen mit Stirnrunzeln. Bedenken hat er auch ob des Unterhaltungsangebots auf dem Mahagonischiff: Es gibt (fast) keines. Kein Yoga, kein Wellnessangebot. Nur Massagen kann man bei einer Laotin bestellen. Oder in der kleinen, aber feinen Bibliothek im Bug des Schiffes schmökern. An einem Nachmittag führt die Schiffs­köchin vor, wie man einen Papayasalat herstellt und Laab, einen lauwarmen Salat aus Hackfleisch. Ob seine betuchte und verwöhnte Kreuzschifffahrtklientel das wohl akzeptieren wird? Er ist skeptisch, obwohl das Programm jeden Tag einen Ausflug nach Laos oder Thailand verspricht.

Die anderen Gäste sind weniger kritisch. Vom Liegestuhl aus gesehen zieht die Uferlandschaft wie auf einer riesigen Leinwand vorbei: Menschen bauen Gemüse an. Büffel ziehen Pflüge durch Reisfelder. Aus einem Kloster dröhnen Trommelklänge. Goldene Buddhas und spielende Kinder grüssen. Von Langbooten aus werfen Fischer ihre Netze aus. Kleine Lastkähne, vollbepackt mit Waren, tuckern von Ufer zu Ufer. Viele seien Schmuggler, raunt uns der Barkeeper zu. Man wartet entspannt, bis der lächelnde Kellner mit einem sanften Gongschlag zum Essen einlädt.

Der Speisezettel orientiert sich eher an der westlichen Küche, Asiatisches wird punkto Schärfe auf europäische Nulltoleranz zurückgefahren. Von den Spezialitäten auf beiden Seiten des Mekongufers kommt nichts auf den Tisch.

Seltsame Eierkategorien

Was einige Passagiere im Laufe der Reise doch sehr begrüssen. Denn was da draussen angeboten wird, ist ein Frontalangriff auf Seh- und Geschmacksnerven. Hüben, auf der laotischen Seite, schlendern wir an Ständen vorbei, die Eier mit einer Art Guckloch anbieten. Sie sind in verschiedene Kategorien eingeteilt. Wozu denn das? Ein Blick aus der Nähe, und man erkennt etwas Dunkles darin. Ein Passant hilft weiter: Mit den Kategorien werde der Wachstumsstand der Küken in den Eiern angezeigt. Je höher die Kategorie, desto grösser das Küken im Ei.

Nicht minder herausfordernd geht es auf der thailändischen Seite zu. In einer Bar in Nong Khai entschuldigt sich unsere lokale Reisebegleiterin, Frau Supunta, für einen Augenblick. Während wir gekühltes Singha-Bier bestellen, geht sie einkaufen. Wenig später überrascht sie uns mit Apérohäppchen: geröstete Käfer, Seidenraupen und Heuschrecken. Garniert mit Wachteleiern. Augen zu und hineinbeissen! Es schmeckt vorzüglich. Zumindest für einen Teil der Tafelrunde. Die andere entschwindet in die nahen Markthallen, wo man alles, bis hin zum letzten Modeschrei, zu Billigpreisen erwerben kann. Auch Schokoladetorten nach deutschem Rezept, wie eine begeisterte Passagierin erzählt, die sich zuvor beim Anblick des Apérotellers geekelt hatte.

Der rauchende Abt

Was bringt man einem Abt mit, der einem eine Audienz gewährt? Seife, Zahnpasta, Putzmittel und gekochte Maiskolben, erklärt unser Reisebegleiter ungerührt. Voll bepackt starten wir unseren Landausflug auf der thailändischen Seite mit dem Ziel Felsenkloster Phu Tok. Abt Luang Pho Yaeng, seit 30 Jahren im Amt, sitzt in safrangelber Kutte auf einem Hocker. Stehen verboten, hat uns unser Begleiter zuvor eingetrichtert. Und so rutschen wir auf Knien über den felsigen Boden zum Klostervorsteher und schieben ihm mit schmerzverzerrten Gesichtern unsere Präsente auf einem grossen Tablett zu. Mit steinerner Miene betrachtet der Abt unsere Gaben. Und uns. Und doziert, dass es im Leben darum gehe, Begehren zu unterdrücken – nach gutem Essen etwa, schönen Frauen und anderen verlockenden Dingen. Dann reicht er uns seine Visitenkarte und zündet sich eine Zigarette an. Die Audienz ist damit beendet. Gab es zu Buddhas Zeiten schon Zigaretten? Und wenn ja, warum verbot er sie nicht? Wir sind etwas ratlos.

Unser Begehren richtet sich auf den 200 Meter hohen Sandsteinmonolithen, in den und um den herum das Kloster gebaut wurde. Die Leitern, die hinaufführen, repräsentieren die sieben Stufen der spirituellen Erleuchtung. In Nischen stehen Buddhastatuen und moderne, kühlschrankgrosse Tresore mit Spendenschlitzen. Nach fünf Stufen im schwülwarmen Dschungelklima fühlen sich die meisten genug erleuchtet. Doch fängt hier der Spass erst richtig an: Der Weg zur siebten Erleuchtungsstufe führt auf Holzplanken, die mit Bambusrohren und Nägeln vage an der glatten Felswand befestigt sind, um den Monolithen. Der Blick in die Ferne ist fantastisch, der Blick ins Bodenlose zwischen den Planken sprichwörtlich atemberaubend. Zuoberst begrüsst uns der Schlangengott Naga, der mit seinen sieben Köpfen Buddha beschützt.

Weitaus bequemer, nämlich per Jeep, erreichen wir einige Tage später ein anderes Kloster. Auch Wat Pa Tak Sua thront auf einem Berg. Von hier aus sieht man an klaren Tagen eines der schönsten Mekongpanoramen. Und tatsächlich: Tief unter uns sieht man Naga, die Schlange – auch wenn es nur schlangenförmig aufgereihte Sandbänke sind.

Auch unser Kapitän Kham Pheng hat auf unserer Fahrt den Fluss nie aus den Augen gelassen. Kommt eine heikle Stelle, werfen er und sein Navigator Mr. Kang Bananen, Zigaretten und Blüten als Opfergaben in den Mekong. Damit die guten Geister des Flusses auf die ­Menschen auf dem Schiff aufpassen.

Die Reise wurde ermöglicht durch TCTT und Thai Airways. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2014, 18:39 Uhr

Mekong

Reisetipps

Anreise
Von Zürich aus mit Swiss und Thai Airways nach Bangkok, Weiterflug mit Thai nach Udon Thani.

Anbieter
Pagoda Tours by TCTT, Höschgasse 38
8008 Zürich, Tel 044 260 22 88
www.pagodatours.ch, info@pagodatours.ch

Preise
Preise p. P. (DZ/Zweibettkabine)
20-tägige, deutsch geführte Entdeckerreise durch Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha mit 7-tägiger Mekong-Flusskreuzfahrt ab 6500 Fr.
Nur 7-tägige Mekong-Flusskreuzfahrt
Classic 2190 Fr.
Superior 2790 Fr.
Suite 3320 Fr.

Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

Grosse Fenster in den Kajüten: Die aus Holz gebaute Mekong Explorer. Foto: PD.

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