Er durchquerte Japan – und wurde zum Star

Thomas Köhler war Fachmann für Japanreisen – bis der Tsunami kam. Dann wanderte er durchs Land. Jetzt ist er in einem Dokfilm zu sehen.

Souvenirs zieren seine Wohnung: Japan-Freund Thomas Köhler.

Souvenirs zieren seine Wohnung: Japan-Freund Thomas Köhler. Bild: Dieter Seeger

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«Negativ: nichts» schrieb Thomas Köhler jeden Abend als Letztes in seinen Blog. 153 Tage lang, vom 1. August bis zum 31. Dezember 2011. Zuvor hatte er zum Beispiel geschrieben: «Positiv: frischen Fisch gegessen. Oder: «Positiv: schönes Fotowetter». Und er war gewandert, stundenlang, Tag für Tag. Von Hokkaido im Norden Japans bis nach Kyushu im Süden. Insgesamt 2900 Kilometer weit.

«Negativ: nichts» – so heisst auch der Dokumentarfilm über Thomas Köhler, der am Freitag in Winterthur Premiere hat, danach in Zürich, in Japan und an verschiedenen Filmfestivals gezeigt wird. Der Film der Schweizer Brüder Jan und Stephan Knüsel begleitet Köhler, 45 Jahre alt und Reisefachmann aus Winterthur, bei der strapaziösen Wanderung, die ihn in Japan zur Berühmtheit machen sollte. Nicht nur gab er lokalen und nationalen Medien reihenweise Interviews, nachdem sie auf den Schweizer aufmerksam geworden waren. Er konnte für seine Verdienste später gar eine Auszeichnung der japanischen Regierung entgegennehmen. Und sich über 130'000 Leser seines dreisprachigen Blogs freuen.

Köhler wohnt japanisch

Ein paar Tage vor der Filmpremiere in Winterthur. Köhler, randlose Brille, Bart und feinkariertes Hemd, öffnet die Tür zu seiner Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, die ihm gleichzeitig als Büro für seine kürzlich gegründete Firma Japan-Ferien.ch dient. Sogleich wähnt man sich im 127-Millionen-Inselstaat. Im Wohnzimmer, vom Gang mit einem Vorhang abgetrennt, den der berühmte Berg Fuji ziert, hängt eine japanische Fischerflagge. Darunter eine Tatami-Matte, wo Köhler seinen Futon zum Schlafen ausrollt, ein Regal mit Souvenirs, eine Kanne für den Grüntee. «Viel mehr brauche ich zum Leben nicht», sagt er. «Ich habe es gerne einfach.»

Einfach war Köhler, der fliessend Japanisch spricht, auch auf seiner Wanderung unterwegs. Inklusive Essen, Laptop, Kamera, Zelt und Schlafsack trug er rund 14 Kilogramm durchs Land. Körperlich, sagt der 45-jährige Marathonläufer, seien die 2900 Kilometer «extrem anstrengend» gewesen. Gegen Ende habe er sich frühmorgens nur mit grosser Mühe auf seine Füsse stellen können, so sehr hätten diese geschmerzt. Umso mehr Kraft hätten ihm all die Menschen gegeben, die ihn auf seiner selbst finanzierten Reise mit Worten und Taten unterstützt hätten.

«Ich wollte dem Land etwas zurückgeben»

So etwa der Keksverkäufer an einer Raststätte, der Köhler zu sich nach Hause einlud. Am nächsten Tag verkündete er dem Schweizer, er würde 20 Kilometer mit ihm mitlaufen – und ihm den Rucksack tragen. Oder der Mann, der ihm an einem heissen Tag eine grosse Melone übergab – in Japan über 100 Franken wert. «Viele waren überrascht, was ich da als Schweizer in ihrem Land tat.»

Warum tat er es denn eigentlich? Brauchte er eine neue Beschäftigung, nachdem er seinen Job bei einem Japan-Reisebüro wegen der Katastrophe verloren hatte? Die Buchungen waren nach dem 11. März 2011 schlagartig eingebrochen. «Ich konnte nach all dem, was den Japanern zugestossen war, nicht einfach zu Hause rumsitzen», sagt er und blickt einen mit seinen blau-grauen Augen durchdringend an. «Ich wollte dem Land etwas zurückgeben. Die Europäer sollten sehen, wie gut sich dieses noch immer bereisen lässt.» Das Gebiet um das Atomkraftwerk Fukushima sei nur in einem Radius von rund 30 Kilometer verstrahlt. Und die vom Tsunami verwüstete Küste befinde sich im Nordosten des Landes – nicht in ganz Japan.

«Nicht bohren gegangen»

Über die Katastrophe, sagt Köhler, hätten die meisten Japaner, die er auf seiner Wanderung angetroffen habe, kaum geredet. Vielmehr hätten sie ihm zu verstehen gegeben, dass das Leben weitergehen müsse. Also sei er auch «nicht bohren gegangen». Manche in der Schweiz hätten ihm deswegen vorgeworfen, vor der Wahrheit die Augen zu verschliessen. «Dabei mache ich doch genau das Gegenteil!» Viele der Japaner seien der Atomenergie und der Politik gegenüber mittlerweile kritischer eingestellt. Aber es bringe doch viel mehr, dem Leben das Positive statt das Negative abzugewinnen. «Negativ: nichts» auf der ganzen Ebene also?

Das dann doch nicht. Auch Köhler hat das Leid gesehen. Noch vor seinem Fussmarsch reiste er in die Katastrophenregion und half bei Aufräumarbeiten mit. Autos, Kühlschränke – «alles, was man sich nur vorstellen kann», holte er aus mit Schlamm gefüllten Häusern raus. Und er sah ein Schulhaus, in dem die Hälfte aller Schüler wegen der Fluten ums Leben gekommen war. Es befindet sich rund zehn Kilometer von der Küste entfernt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2012, 13:59 Uhr

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