Geheimtür zu Nofretete

Nach der Analyse hochauflösender Fotos aus Tutenchamuns Grabkammer glaubt ein Ägyptologe, die Grabkammer der Stiefmutter des Kindpharaos gefunden zu haben.

Liegt sie in Tutenchamuns Grabmal? Nofretete. Foto: PD

Liegt sie in Tutenchamuns Grabmal? Nofretete. Foto: PD

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Am Ende könnten es nur ein paar unbedeutende Risse in einer Wand der Grabkammer des Kindpharaos Tutenchamun sein. Doch wenn der renommierte ­britische Ägyptologe Nicholas Reeves recht behält, dann wäre dies die grösste archäologische Sensation, seit Howard Carter 1922 das Grab im Tal der Könige entdeckt hat. Reeves vermutet weitere Räume in dem Grab. ­Allein das wäre eine spekta­kuläre Entdeckung. Aber Reeves geht noch weiter. Er wagt die These, dass ein nachträglich ­zugemauerter Durchgang zum bislang nicht gefundenen Grab der ­Nofretete führt, der Frau Echnatons.

Als Carter das Grab des Tutenchamun öffnete, war es als einziges im Tal der Könige unversehrt. Sollte es dahinter nun eine weitere Grabkammer geben, könnte sie unermessliche Schätze bergen, denn auch sie müsste Grabräubern verborgen geblieben sein. Und sie könnte Aufschlüsse liefern über das unerklärte Ende der Amarna-Zeit.

Verborgene Durchgänge

Auf die Spur brachten Reeves hochauflösende Bilder der Grabkammer, die dazu dienen, die Pracht des Pharaonengrabs an die Wände einer Nachbildung zu projizieren, die neben Howard Carters Haus in Theben-West errichtet worden ist. Die Kopie soll das echte Grab von Touristenströmen entlasten. Anfang 2014 wurden die Bilder der Forschung zugänglich gemacht, und Reeves untersuchte sie monatelang.

Seine Schlussfolgerung: Es gibt verborgen unter den Wandmalereien hinter der westlichen und der nördlichen Wand der Grabkammer je einen Durchgang. Er will Linien erkannt haben, die auf die verborgenen Räume hinweisen und die exakt zur Geometrie der bisher bekannten Kammer passen würden. Der erste Durchgang dürfte Reeves zufolge zu einem ähnlichen Lagerraum führen, wie er in der Spiegelachse auf der anderen Seite des Grabs gefunden wurde. Der zweite aber könnte zum Grab der Nofretete führen.

Könnte das sämtlichen Forschern in den mehr als 90 Jahren seit Entdeckung des Grabes entgangen sein? Reeves führt für seine These sowohl eine Analyse der Entstehungsgeschichte des Grabs an als auch eine Interpretation der dynastischen Abfolge – ein unter Ägyptologen äusserst umstrittenes Thema.

Zum einen ist Tutenchamuns Grab im Vergleich zu den anderen Ruhestätten im Tal der Könige auffallend klein. Die berühmte goldene Totenmaske, Prunkstück des Ägyptischen Museums in Kairo, weist durch­stochene Ohren auf – was für eine Frau typisch gewesen wäre. Auch ähnelt die Anlage des Grabs eher der von Königinnen als der von männlichen Herrschern. Die Nordwand unterscheidet sich zudem in ihrer Bemalung von den anderen Wänden: Sie scheint nachträglich gestaltet worden zu sein – womöglich, um den zugemauerten Zugang zur hinteren Grabkammer zu verbergen.

Klarheit durch Radar

Reeves zitiert zur Stützung seiner These die von einer Minderheit der Ägyptologen vertretene Theorie, wonach Nofretete aufstieg von der Hauptfrau Echnatons zur Co-Regentin und später alleinigen Pharaonin – womit sie die direkte Vorgängerin ihres Stiefsohns Tutenchamun gewesen wäre. Sie wechselte demnach ihren Namen erst zu Neferneferuaten und dann zu Semenchkare; beide sind in Kartuschen dokumentiert, die ihren Träger oder ihre Trägerin als königlich ausweisen. Alle drei Namen bezeichneten nach dieser Lesart ein und dieselbe Person, eine Theorie, die Reeves bereits in der Vergangenheit vertreten hat.

Manche Ägyptologen, sonst eher skeptisch, wenn angebliche Sensationsfunde ruchbar werden, halten die These zumindest für «eine faszinierende Argumentation und einen beeindruckenden ersten Schritt», wie Kent Weeks der britischen Wochenzeitung «The Economist» sagte. Er leitet ein Projekt, das die genaue Vermessung und Kartografierung des Tals der Könige betreibt. Andere Ägyptologen sind skeptischer – allerdings ohne sich zitieren zu lassen.

Ein erster Schritt, um Reeves These zu prüfen, wäre eine Untersuchung der Wandabschnitte mit nicht invasiven bildgebenden Verfahren. Ein Radar etwa würde Hohlräume hinter den Wänden zum Vorschein bringen. Dazu bräuchte es eine Genehmigung der Antikenverwaltung in Kairo. Sie lässt aber seit Jahren nur handverlesene Forscher in das Grab Tutenchamuns.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 20:17 Uhr

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