Hungrige Gäste gesucht

Auf Reisen statt im Restaurant von Einheimischen in deren eigenen vier Wänden bekocht werden – genau das will die Internetplattform Livemyfood.com möglich machen.

Zu Gast bei Fremden: Livemyfood versucht, Touristen und Einheimische an einen Tisch zu bringen.

Zu Gast bei Fremden: Livemyfood versucht, Touristen und Einheimische an einen Tisch zu bringen. Bild: Tom Schierlitz

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Die spontane Einladung kam auf Kuba. Tom Brami (27) und seine Partnerin Lena Silberberger (25) wurden eines Abends von Einheimischen angesprochen, ob sie nicht hungrig seien. Eine Tante könne «so leckere kubanische Speisen» zubereiten. Lena und Tom zögerten und lehnten nach kurzer Beratung ab – was sie bis heute bereuen. «Wir haben auf unseren Reisen oft gedacht, dass es viel spannender wäre, bei Einheimischen in der Wohnung zu essen, anstatt immer nur Restaurants zu besuchen», sagt Lena.

Auch Facebook hat mal klein angefangen

Diese Grundidee hat sie nicht losgelassen. Was mit Couchsurfing (dem Übernachten in privaten Wohnungen unter www.couchsurfing.org) reibungslos funktioniert, müsste doch auch mit Essen zu schaffen sein. An Menschen, die gerne ihre Kochkünste für Gäste unter Beweis stellen, mangelt es nicht. Und weit eher lässt man einen Fremden am Tisch Platz nehmen, als ihm gleich ein Bett anzubieten.

Im Unterschied zu Couchsurfing, welches als gemeinnützige Organisation betrieben wird und heute mehr als zwei Millionen Mitglieder hat, soll Livemyfood, wie die Plattform von Tom und Lena nun heisst, eines Tages Gewinn abwerfen. Noch verhält sich Livemyfood im Vergleich zu Couchsurfing allerdings wie eine Weinbergschnecke zu einem Mastochsen. Doch auch ein Gigant wie Facebook hat einmal klein angefangen.

Von Johannesburg bis New York

Die Suche nach «Foodies», so werden die «Fresser» im Internetjargon bezeichnet, geschieht unkompliziert über die Auswahl von Kontinent, Land und Stadt. Jeder Foodie präsentiert sich mit einem kleinen Steckbrief. Schliesslich ist man als Vegetarier nicht gerne zu Gast bei einer Familie, die täglich Schnitzel brät. Fingerspitzengefühl und gute Manieren sind wichtig – wer nicht alles aufisst, sollte sich also eine gute Ausrede zurechtlegen. Zumal Gastgeber gerne mit der genauen Beschreibung der Gerichte hinter dem Berg halten: «Menu Surprise» heisst es oftmals im E-Mail vor dem kulinarischen Blind Date.

Wie bei Couchsurfing gibt es auf Livemyfood Platz für Bewertungen und Kommentare von Gästen, ausserdem wird angegeben, für wie viele Gäste man kochen und ob man sie eventuell sogar beherbergen kann. Ob der Gastgeber seine Gäste an den Lebensmittelkosten beteiligt oder nicht, ist ihm freigestellt – nur sollte dies vorher abgesprochen werden. Wer Preise wie ein 3-Sterne-Restaurant verlangt, darf sich schliesslich nicht wundern, wenn sein Esstisch leer bleibt.

«Ich habe Livemyfood über Facebook gefunden»

Die ersten Foodies können ausnahmslos Positives berichtigen. «Ich habe Livemyfood über Facebook gefunden», sagt Carla Verster aus Johannesburg. Tagsüber ist die 27-jährige Südafrikanerin mit ihrer Agentur für AuPair-Betreuung beschäftigt. Abends steht sie leidenschaftlich gern am Herd, um für ihren Freund zu kochen. Eines ihrer Lieblingsgerichte ist Bobotie, «ein südafrikanisches Gericht mit Straussenfleisch, verfeinert mit Feta, Cherrytomaten, Mandeln, Rosinen, Zwiebeln, Eiern, Curry, Petersilie und Chutney».

Ihr erster kulinarischer Ausflug mit Livemyfood führte das südafrikanische Paar nach New York, wo sie bei einer koreanischstämmigen Familie zu Gast waren.

Ein wenig Bauchgrummeln hatten die beiden vor dem kulinarischen Ausflug in die Fastfood-Nation schon. «Wir hatten befürchtet, dass wir etwas Frittiertes vorgesetzt bekommen, da Amerikaner ja alles frittieren, sogar Schokolade», sagt Carla. Doch es sollte ganz anders kommen. «Die Familie mit zwei Kindern wohnte in Long Island City, und auf der Dachterrasse hatten die sogar einen Kräutergarten! Zu essen gab es dann einen grundsoliden Eintopf mit Ochsenschwanz. Danach sassen wir noch lange auf der Dachterrasse und unterhielten uns prächtig bei kalifornischem Rotwein», erinnert sich Carla. Jetzt hofft sie, bald den ersten Gast in Johannesburg zum Bobotie-Essen empfangen zu können.

Lasagne und Salsa in Barcelona

Das kann noch etwas dauern, denn viele Mitglieder hat das erst wenige Monate alte Essensnetzwerk noch nicht. In der Schweiz sind es erst elf Mitglieder, in Spanien sieben.

Wir probieren ein Dinner in Barcelona aus und werden von Roger, einem Grafikdesigner, und seiner Freundin eingeladen. Das Menü klingt leicht und gut: Salat mit Pilzen und Parmesan, dann eine Lasagne. Und zum Dessert ein Obstsalat mit Zitrone und Zucker. Der Gastgeber erwartet dafür eine Kostenbeteiligung von 10 Euro sowie eine Flasche Wein, lässt er uns per E-Mail wissen.

Überraschung dann in der Altbauwohnung, die eine grosse WG ist: In der Küche steht nicht Roger, sondern dessen Mitbewohner Carlos am Herd. Der ist von Beruf Koch, und somit kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Der Salat ist frisch und fein gewürzt und die Lasagne nicht ertränkt in dicker Béchamelsauce, wie es oft in Spanien üblich ist. Carlos, ein gebürtiger Mexikaner, ist nicht nur ein vorzüglicher Koch, er hat auch noch andere Qualitäten, die sich nach dem Dessert entpuppen: Da legt er Salsa auf, und wirbelt die beiden Frauen in der Runde, zwischen Esstisch und Couch, durch den Raum. Die lassen es sich vergnügt gefallen – gute Tänzer sind schliesslich noch rarer als gute Köche. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 15:23 Uhr

Infobox

Livemyfood Gut absprechen

Auf der Plattform Livemyfood.com kann sich jeder anmelden: nur als Gast oder als Gast und Gastgeber für andere. Die Teilnahme ist in beiden Fällen kostenlos. Zusätzlich können auch Übernachtungsmöglichkeiten angeboten werden.

Wer gerne Reisende aus anderen Ländern bekochen möchte, kann selbst festlegen, ob er dafür Geld verlangt oder nicht, alle Absprachen können vorab via E-Mail erledigt werden, wobei auch Fragen nach essenstechnischen Besonderheiten (Allergien oder Unverträglichkeiten) abgesprochen werden.

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