«Ihr seht die Wüste, wir sehen unseren Supermarkt»

Atemberaubende Landschaften wie die australischen Bungle Bungles bereist man am besten mit einem Aboriginal Guide. Davon gibt es viel zu wenige.

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Die Sonne hat den Zenit schon vor Stunden überschritten. Sie taucht gerade noch das oberste Fünftel der gut hundert Meter hohen Felswände in leuchtendes Orangerot. Auf dem Grund des tiefen Klamms knirscht der Kies eines trockenen Flussbetts unter meinen Schritten, ich zwänge mich quer zwischen mannshohen Gesteinsblöcken hindurch und bin froh um die angenehme Kühle.

«Wenn du nach drei Stunden nicht wieder draussen bist, komme ich dich suchen.» Mit diesen Worten hat mich mein Guide, Neville Poelina, eine Stunde zuvor am Eingang der Schlucht verabschiedet. Er ist nicht draussen geblieben, weil er etwa keine Lust hatte, mir den Weg zu weisen. Nein, Neville ist Halb-Aborigine, und als solcher ist Mini Palms für ihn tabu, ein Ort der Fruchtbarkeit, der den Frauen vorbehalten ist, schwangeren Aborigine-Frauen, um genau zu sein. Die Verwaltung des Purnululu National Park, dessen Hauptattraktion die Bungle Bungles sind, hat dies nicht davon abgehalten, just hier einen Wanderpfad anzulegen.

So weist ab und an ein kleiner, brauner Pfeil den Weg. Nach eineinhalb Stunden, am innersten Ende der Schlucht, oben auf der eigens für Besucher angelegten Stahltreppe, blicke ich auf das Ziel meines Marschs: Mini Palms. Fernab der Wüstenhitze, gespiesen von immerwährenden Rinnsalen gedeihen junge Palmen. In unmittelbarer Nähe, wo sich die Schlucht etwas öffnet, wächst ein kleiner Palmenwald. An diesem Ort, für den sich die Natur Hunderte von Millionen Jahren Zeit gelassen hat, bleiben mir nur ein paar Minuten Rast vergönnt, bevor der Rückmarsch ansteht. Alleine unterwegs zu sein, ist so lange angenehm, als man erfolgreich verdrängt, was ein verstauchter Knöchel oder ein gebrochenes Bein hier drinnen bedeuten würde.

Als ich wieder zu Neville stosse, steht die Sonne bereits tief am Himmel. «Mann, bald hätte ich dich suchen müssen», sagt er und grinst. Dass es da drinnen zu schön ist, um einfach durchzuhetzen, versteht er gut.

Brachliegende Chancen

Ein Guide wie Neville mit dem Wissen eines Aborigines ist eine unschätzbare Bereicherung auf einer an und für sich schon atemberaubenden Reise. Neville weiss zu jedem Kraut, zu jedem Strauch und jedem Baum eine Geschichte zu erzählen. Er erklärt, was als Medizin wogegen verwendet werden kann, welche Blätter als Schleifpapier für Bumerangs taugen oder mit welcher Rinde man unliebsame Gäste loswird, weil sie beim Verbrennen beissenden Gestank absondert. Und immer wieder sagt er: «Du nennst es Outback oder Wüste. Ich sehe aber meinen Supermarkt und meine Apotheke.».

Touristengruppen, denen wir in den Bungle Bungles begegnen, scharen sich immer wieder spontan um Neville. Mit seinen Geschichten und seinen Kenntnissen können weisse Guides nicht mithalten, die selber oft aus ganz anderen Gegenden Australiens oder gar aus dem fernen Europa stammen. «Wie sollen diese Leute dir etwas über das Land meiner Vorfahren erzählen?», fragt Neville rhetorisch.

Doch der Mehrwert, den Aborigines für den Tourismus erbringen könnten, liegt brach. Zwar steht auf nahezu allen Bussen im Park neben dem Logo des Betreibers «Aborigial Partnership», doch damit wird vorwiegend das Gewissen der Insassen beruhigt. Jobs für Ureinwohner gibt es keine.

Das liegt am Teufelskreis aus Vorurteilen der Weissen («Aborigines sind faul und unzuverlässig») und Desinteresse der Ureinwohner («Warum sollen wir eine Ausbildung machen, wenn wir nie einen Job bekommen?»). Neville, der erfolgreich selbstständig arbeitet, möchte diesen durchbrechen. Er will andere Aborigines ausbilden, plant dafür eine eigene Schule zu eröffnen. Geld für sein Projekt wird er in Australien jedoch keines bekommen, er wird es «wohl in Europa auftreiben müssen», meint er optimistisch.

Erst spät von den Weissen bemerkt

Der Purnululu National Park wird seit rund zehn Jahren touristisch erschlossen. Die Bienenstock-Felsen der Bungle Bungles wurden erst in den 80-er Jahren bekannt und gewinnen rasch an Beliebtheit. Die Besucherzahlen wachsen, letztes Jahr kamen 40'000. Von den unzähligen Klammen sind erst eine Handvoll zugänglich, die gesamte Nordostseite mit den wohl spektakulärsten Schluchten, so wird allenthalben versichert, werde aus Rücksicht auf die Ureinwohner nicht betreten.

Das erzählt uns auch der Hubschrauber-Pilot auf unserem knapp einstündigen Rundflug. Wahrscheinlich hat die bisher unvollständige Erschliessung der Bungle Bungles aber noch andere Gründe: Hier draussen, jeweils tausend Kilometer von Broome und Darwin entfernt, ist es teuer, eine touristische Infrastruktur aufzubauen. Noch dürfte es schlicht unrentabel sein, das ganze Gebiet mit Wanderwegen und Zeltlagern zu übersähen. In zehn, zwanzig Jahren kann das anders aussehen.

«Doch, kommt her, das ist gut»

Wie wenig Rücksicht auf die Aborigines genommen wird, erfahren wir am nächsten Tag aus erster Hand, knapp hundert Kilometer nördlich des Parks in Turkey Creek. Auf dem Platz vor dem Civic Center, der Raststätte, Tankstelle und Spielplatz in einem ist, treffen wir am frühen Nachmittag Shirley Drill. Sie ist eine der Ältesten jener Aborigines-Community, zu deren Land auch die Bungle Bungles gehören. Drill spricht mit leiser Stimme durch diverse Zahnlücken. Ihr exaktes Alter kennt sie nicht, als vor rund vierzig Jahren die ersten Weissen kamen und nach Sehenswürdigkeiten fragten, war sie noch ein Kind.

Zu meinem Besuch in Mini Palm meint sie ruhig: «Uns wäre es am liebsten, wenn da gar niemand reinginge. Die Parkranger sollten das wissen und durchsetzen.» Wie kommt es dann, dass genau dort ein Wanderweg angelegt wurde? «Wir werden bei solchen Entscheidungen nie gefragt.» Zwar gibt es ein jährliches Treffen mit den Betreibern des Parks, doch das hat kaum je Konsequenzen. Weder wurde je das Versprechen eingelöst, dass die Aborigines die Hälfte der Parkranger und Guides stellen dürfen, noch sind sie finanziell beteiligt. Dass die Bungle Bungles erst zu einer Zeit, als der Umgang der Weissen mit den Ureinwohnern bereits im Wandel war, erschlossen wurden, hat nichts gebracht.

Shirley Drill zeigt wider Erwarten keine Bitterkeit. Sie hofft, dass die ihr folgende Generation «stark genug sein wird, ihren Teil einzufordern». «Uns hilft die Abgeschiedenheit, das verlangsamt alles, das ist gut», sagt sie. Dass gar keine Besucher kommen oder dass ich eine Reise hierher nicht weiterempfehlen solle, das möchte sie zudem auf keinen Fall. «Erzählen Sie den Leuten in Ihrer Heimat, wie schön es hier ist und dass sie herkommen sollen. Das ist okay, das ist gut für uns», gibt sie mir auf den Weg mit.

Erstellt: 01.12.2008, 15:57 Uhr

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