Kandertal

Kandertal erzieht seine Touristen

Eine Benimm-Broschüre sorgt für Aufsehen. Mit klischierten Illustrationen wird auf die Gepflogenheiten hierzulande hingewiesen.

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Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein übergrosses Pixie-Büchlein mit bunten Illustrationen über Touristen in der Schweiz. Beim zweiten Hinschauen stechen einem sofort die klischierten Illustrationen eines Arabers, einer Chinesin, einer Inderin, eines Engländers und eines Schweizers mit Welcome-Schild ins Auge.

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Spätestens auf Seite fünf wird klar, dass es sich dabei um eine Benimm-Broschüre für ausländische Touristen in der Schweiz handelt: «Autos müssen bei uns immer mit Licht fahren. Fussgänger haben bei den gelb markierten Übergängen Vortritt, und alle Personen müssen im Auto angeschnallt sein. Wenn Sie längere Zeit an einem Ort stehen, dann stellen Sie den Motor bitte ab», steht da auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Mandarin geschrieben.

Auf insgesamt 31 Seiten wird den Reisegästen aus dem Ausland unter anderem die WC-Nutzung hierzulande, die schweizerischen Tisch-Regeln und die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmittel nähergebracht. Die Broschüre «Easy Travel Switzerland – Welcome!» wurde Ende Juni von Kandersteg Tourismus herausgegeben und wird seither an die Touristen verteilt.

Augenzwinkern anstatt Zeigefinger

«Wir wollen damit keineswegs den Zeigefinger erheben, sondern mit einem Augenzwinkern den Touristen erleichtern, einen angenehmen Aufenthalt haben zu können», sagt Marcel Furer, Geschäftssführer von Kandertal Tourismus gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die Zeichnungen von durchgestrichenen und erlaubten Verhaltensweisen können jedoch durchaus als belehrend verstanden werden. Warum hat man bei Kandersteg Tourismus gerade diese Art und Weise der Illustrationen gewählt? «Wir hatten neben den Figuren noch eine zweite Variante mit Fahnen, haben uns aber dann für diese sympathischen Vertreter dieser Volksgruppen entschieden», erzählt Furer.

Die Broschüre soll in Kürze an die Hoteliers im ganzen Berner Oberland abgegeben werden. «Das Ganze geht zwar von uns aus, aber alle Tourismusorte haben mit denselben Sachen zu kämpfen». Es sei aber keineswegs der Fall, dass die Hoteliers die Nase voll hätten. «Aber wenn Inder in Interlaken auf den Bus wollen, stellen sie sich einfach davor, anstatt einzusteigen. Sie benutzen die Trottoirs nicht, weil sie das nicht kennen. Weiter wissen sie nicht, wie WC bei uns benutzt werden und gehen mit Flip Flops in die Berge», erzählt Furer, der selber in Interlaken wohnt. «Oder wenn man das Kandertal hoch hinter einem Mietauto herfährt, kommen schon mal Joghurtbecher geflogen», ergänzt er seine Schilderungen.

Genau das Gleiche wie Tipps für in eine Moschee

Mit dieser Broschüre wolle man den Touristen einfach zeigen, wie sie ihren Aufenthalt angenehmer gestalten können. «Das ist genau das Gleiche, wie wenn man in eine Moschee geht und darauf hingewiesen wird, dass man die Schultern bedecken soll. Es soll einfach bewirken, dass die Touristen nicht vor den Kopf gestossen werden», beschreibt Furer den Zweck der Broschüre.

Und wie haben es die Touristen bis anhin aufgenommen? «Die Broschüre kam in Tests im Vorfeld sehr gut an. Die Touristen haben darüber geschmunzelt und sich bedankt. Ansonsten hatten wir bis anhin gute Rückmeldungen.»

Schweiz Tourismus äusserte sich am Donnerstagabend nur vage zur neuen Broschüre im Kandertal, die bereits für viel Wirbel in den Medien gesorgt hat. Ihre Mission sei die internationale Vermarktung des Ferien- und Kongresslandes Schweiz. «Wir haben in dieser Funktion keinen direkten Einfluss auf die Informations-Initiativen der einzelnen Destinationen», wie es auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet heisst.

So sei es Schweiz Tourismus vor allem wichtig, dass der Gastgeber weiss, wie er mit Gästen aus fremden Kulturkreisen umgehen muss und dass sich die Gäste bei uns wohlfühlen. Ob das Kandertal Tourismus mit ihrer neuen Broschüre gelingt, sei dahin gestellt.

«Die Hinweise könnten manche Gäste befremden»

Dass die Broschüre gezielt Inder, Araber und Chinesen anspreche, sei ein Abbild der aktuellen Entwicklung im Tourismus, sagt Monika Bandi, Leiterin der Forschungsstelle Tourismus (CRED) an der Universität Bern. «Die sinkenden Logiernächte von Deutschen und europäischen Touristen versucht man mit den Wachstumsmärkten wie den Golfstaaten oder Asien zu kompensieren.»

Die Broschüre orientiere sich stark an einer Schweizer Perspektive, meint Bandi. «Wie weit beispielsweise asiatische Touristen die verwendete Bildsprache verstehen, bleibt offen. Aber die Broschüre wurde ja in der Praxis getestet.»

Auffällig ist die Zeichnungsart im Cartoon-Stil, findet Monika Bandi: «Der Schweizer ist sehr detailliert gezeichnet und sogar mit einer Schweizer Fahne markiert. Damit wird gesagt: Das ist ein Schweizer und nicht ein Deutscher oder gar ein Europäer. Dagegen sind die anderen Figuren wenig differenziert abgebildet. Der Araber ist nur ein Araber, ohne weitere kulturelle Unterscheidung, obwohl es diese auch gäbe.»

«Generell scheint es wichtig, den Gästen differenziert zu begegnen», führt Bandi weiter aus. «Die Hinweise könnten manche Gäste befremden.» In der Broschüre findet sich etwa eine bildliche Anleitung, wie man eine Toilette benutzt. Ein Japaner könnte das als Affront empfinden. «Die Japaner haben oft noch eine striktere Hygienekultur als wir.»

«Aus touristischer Sicht ist die Erziehung von Gästen etwas unschön, obwohl ich Verständnis für das Anliegen dahinter habe», sagt Bandi. «Normalerweise versucht man, den Anforderungen der Gäste zu entsprechen. Mit solchen Hinweisen dreht man den Spiess aber um und stellt selbst Anforderungen an die Gäste.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 07.07.2015, 07:29 Uhr

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