Luxushotel in Basel – er hatte sie alle, die Grossen

Das Hilton am Rheinknie wird abgerissen. Langzeitdirektor Urs Hitz' erzählt, warum Paris Hilton dort kein Bett fand und welchen Sonderwunsch Robbie Williams äusserte.

Sein Lieblingsort: Urs Hitz in der Bibliothek des Hotels Hilton in Basel.

Sein Lieblingsort: Urs Hitz in der Bibliothek des Hotels Hilton in Basel. Bild: Nicole Pont

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Der 21. Juni 1992 war erst ein paar Minuten alt, als sich Urs Hitz in seiner ganzen Grösse von 1,84 Meter vor Axl Rose aufbaute. «Sie gehen jetzt zu diesem Arzt», befahl Hitz kurz nach Mitternacht dem Frontmann von Guns N’ Roses, damals bekannt als «die gefährlichste Band der Welt». Rose hatte am Tag zuvor über Stimm­probleme geklagt, zeitweise kam da nichts ausser ein leises Krächzen aus ihm heraus – das ausverkaufte Konzert im alten Joggeli stand auf der Kippe. Hitz setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung und organisierte einen Arzt – an einem Sonntag. Als der Doktor bereit war, machte Rose allerdings keine Anstalten, sich von seinem Sessel in der Lobby zu erheben. «Im Gegenteil: Er sass da und rauchte, hatte ein paar Girls im Arm und trank Whisky», erinnert sich Hitz. Nach seinem Machtwort habe sich Rose dann aber untersuchen lassen. Und am nächsten Abend eine grosse Show geboten. Mit genesener Stimme. Über das Gesicht von Hitz huscht ein Lächeln. «Mein Gott, das waren noch Zeiten.»

Seit der Hotel-Eröffnung im Jahr 1975 bis zu seiner Pensionierung im 2007 hiess Urs Hitz als Generaldirektor des Hotels Hilton die Welt in Basel willkommen. Die Welt, das waren neben Guns N’ Roses ranghohe Politiker, Top Shots aus der Wirtschaft, Sportler und eine Vielzahl an weiteren prominenten und mächtigen Menschen. «Der Umgang mit ihnen gehörte zum Alltag», erzählt Hitz, der in einer Zürcher Hotelierfamilie aufgewachsen ist. Er nimmt einen Schluck Kaffee und blättert weiter im gewaltigen Gästebuch, das er für das Treffen mit der BaZ mitgebracht hat.

Alan Greenspan beim Frühstück

Entgegen ihrem Ruf, ungehobelte Rüpel zu sein, so erzählt Hitz weiter, hätten die Jungs von Guns N’ Roses einen «ziemlich artigen Eindruck» gemacht, hätten sich gar im Gästebuch verewigt: «Thanks for taking care of us!», schrieb Gitarrist Slash. Bei ihrer Ankunft habe er die Band locker mit «Hi!» begrüsst «und freundlich klargemacht, dass ich hier der Boss bin», erinnert sich Hitz.

Noch heute schaut er ab und an im Hotel vorbei, «das war ja lange mein Zuhause». Mit der Familie – seine Tochter ist im Hotel aufgewachsen – bewohnte er den obersten, den neunten Stock, «mit einer grandiosen Aussicht über die Stadt. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich am letzten Tag als Direktor da oben stand.» Urs Hitz’ Lieblingsort jedoch war die Library im unteren Stock, dort hielt er nicht nur Sitzungen mit dem Team ab, sondern empfing auch ausgewählte Gäste. Hitz’ Frau hatte die Bibliothek im alten Stil hergerichtet, hatte über die Jahre Hunderte von Büchern zusammengetragen. «Da sassen schon der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan beim Frühstück oder der ehemalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei einem Glas Wein.»

Heute wohnt Hitz in Binningen, 50 Meter von der Stadtgrenze entfernt. Jeden Tag beobachtet er von seinem Balkon aus das Gepardengehege im Basler Zolli. «Das ist gut, ich habe ja lange vor meiner Zeit im ‹Hilton Basel› in Afrika gearbeitet und die wilden Tiere geliebt.»

2,4 Millionen Übernachtungen

Jetzt schwingt ein bisschen Wehmut in der Stimme des 73-Jährigen mit. Denn das «Hilton» schliesst in wenigen Tagen, am 31. August, für immer: Es wird zugunsten eines Neubauprojekts der Baloise Versicherungen abgerissen, 40 Jahre nach der Fertigstellung. Dann wird der Ort des Wirkens von Hitz in sich zusammenfallen; seine Erinnerungen werden zu Erinnerungen ohne Ort. «Wenn das ‹Hilton› weg ist, wird etwas Weltverbindendes in Basel fehlen», sagt Hitz. Das Hotel habe dazu beigetragen, die Marke «Basel» in die Welt hinauszutragen. Seit seinem Bestehen habe es circa 2,4 Millionen Logiernächte gezählt. «Ich habe immer eng mit Basel Tourismus zusammengearbeitet. Wenn ein Gast gerne in einem bestimmten Hotel logiert, kehrt er auch gerne in die betreffende Stadt zurück. Und umgekehrt.» Viele Gäste hätten sich etwa spontan für eine Stadtführung interessiert. Manchmal auch über die Grenzen Basels hinaus: Als der ehemalige Tennisstar John McEnroe während der Swiss Indoors Anfang der 1990er im «Hilton» logierte, wünschte er an einem spielfreien Tag, das Berner Oberland zu besuchen. «Warum gerade diese Region, weiss ich nicht, aber wir haben alles für ihn organisiert», sagt Hitz und lacht.

Trotz all der Wehmut versteht Hitz, dass das Gebäude abgerissen wird. «Eine Sanierung wäre zu teuer geworden.» Immer wieder blättert er das Gästebuch durch, dessen Seiten mit bunten Post-its beklebt sind. «Ich vermisse die Zeit nicht, aber ich möchte sie auch nicht missen.»

Der Mensch Jiang Zemin

Am eindrücklichsten für Urs Hitz war der Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin im Jahr 1999 gewesen. «Das Sicherheitsaufgebot war enorm, alles genau durchgetaktet, das war für mein Team eine echte Herausforderung, genauso wie der Besuch des früheren US-Vizepräsidents Al Gore zwei Jahre später», erinnert sich Hitz. Er hält inne und schliesst kurz die Augen. «Jiang Zemin wirkte so unantastbar, aber im direkten Kontakt realisierte ich, dass er auch nur ein Mensch ist und für seine Position ein sehr umgänglicher.»

Als Hoteldirektor hat Hitz gelernt, dass man eine gewisse Angst gegenüber solchen Persönlichkeiten ablegen und ganz entspannt auf sie zugehen muss – den Respekt aber «selbstverständlich» behalten. «Diese Menschen sind so viel unterwegs; sie sind froh, wenn sie einen geschützten Ort vorfinden, wo sie ihre Ruhe haben. Als Hotelier muss man also zurückhaltend, aber immer da sein, wenn man gebraucht wird.» Etwa, als Jiang Zemin zu früh zu einem Bankett mit 280 Personen von Economiesuisse im «Hilton» erschien und im Getümmel der Leute hilflos rumstand. Da reagierte Hitz blitzschnell und geleitete das chinesische Staatsoberhaupt an seinen Platz.

Grundsätzlich aber haben Urs Hitz und sein Team keinen Unterschied zwischen einem «normalen» Gast und einem solch hochkarätigen wie Jiang Zemin gemacht. «Ich denke, diese Strategie ist aufgegangen», sagt der ehemalige Hoteldirektor. Das «Hilton Basel» habe viele Stammgäste. So hätten auch all die Stars, die im «Hilton» logierten, ganz normal an der Rezeption einchecken müssen. Mit ein paar wenigen Ausnahmen: Als Michael Jackson, der King of Pop, 1997 anlässlich eines Konzerts im Joggeli im «Hilton» logierte, kam er via Anlieferungseingang ins Hotel rein. Zu viele Fans warteten am Hauptportal auf ihr Idol. «Das war die einzige Auflage von Jackson», erinnert sich Hitz. Ansonsten habe er «leider» nicht gross mit dem Sänger zu tun gehabt, «der hatte seine ganze Entourage dabei, vom Koch über den Arzt bis zur Gouvernante». Hitz hatte es sich aber nicht nehmen lassen, Michael Jackson mitsamt seinen vier Bodyguards in die Presidential Suite zu geleiten. «Als wir im Lift nebeneinanderstanden, realisierte ich, wie zerbrechlich und scheu dieser Mann ist. Und ausgesprochen freundlich», so Hitz. Die ganzen Pflästerchen an seinen Fingern habe er jedoch als ziemlich eigenartig empfunden.

Der Langfinger Robbie Williams

In weniger sympathischer Erinnerung ist Hitz der britische Sänger Robbie Williams. Dieser hatte im Dezember 2000 bei «Wetten, dass …?» einen Auftritt und zahlreiche Sonderwünsche ans Hotelpersonal. «Der Gipfel war, dass er die neueste Version einer Playstation-Spielkonsole wünschte, die in Basel noch gar nicht erhältlich war», erinnert sich Hitz. Nach zig Telefongesprächen habe er diese schliesslich auftreiben können – ein Freund lieh sie dem Hoteldirektor aus. «Als Williams dann ausgecheckt hatte, war auch die Konsole nicht mehr da. Das war schon sehr ärgerlich.»

Auch Fussballmannschaften, die in Basel gastierten, stellten für Hitz und sein Team echte Herausforderungen dar. «Insbesondere, wenn sie den Match verloren hatten. Dann kamen im Nachhinein Fragen von der Clubleitung, etwa, ob etwas mit dem Essen oder den Betten nicht in Ordnung gewesen wäre.» Das habe ihn dann «schon verletzt». «Ich hatte stets Spitzenpersonal und Spitzenköche engagiert, die sich auch nicht von den zahlreichen Gastköchen und Angestellten der Stars aus der Ruhe bringen liessen.» Als aber Operndiva Montserrat Caballé in Basel residierte, war in der Küche der Teufel los. «Sie hatte ganz spezifische Essensvorschriften», sagt Hitz lediglich und schweigt dann. Er redet nicht gerne über die Probleme, die ihm die Stars bereitet haben.

Ein Korb für Paris Hilton

Viel lieber denkt er an erfreulichere Dinge, etwa an David Hasselhoff, «ein herrlicher Typ», oder an Thomas Gottschalk, der anlässlich von «Wetten, dass …?» regelmässig im Basler «Hilton» logierte und sich immer wieder mit Sprüchen wie «Wetten, dass?… ich in Ihre Betten pass?» im Gästebuch verewigte. «Gottschalk und ich trafen uns ab und an an der Bar und haben geplaudert», erzählt Hitz. Allerdings habe er nie Alkohol während seiner Tätigkeit getrunken, sondern sei stets bei einem Glas Apfelschorle geblieben. «Bei diesem Job musst du immer einen klaren Kopf behalten. Alles kann passieren», so Hitz. Etwa ein Brand in der Sauna Ende der 1970er-Jahre oder ein Staatenloser, der sich in den 1980er-Jahren bewaffnet in seinem Zimmer verschanzt hatte. «Unter dem Strich sind es aber die positiven Erlebnisse, die ich in Erinnerung behalte. Etwa mit Guns N’ Roses: Entgegen den Warnungen von anderen Hoteliers hinterliessen sie ihre Zimmer ohne grosse Schäden.» Will heissen: Überall Zigarettenstummel und ein paar verlassene Groupies, aber kein demoliertes Mobiliar.

Apropos verwüstete Zimmer: Die Rolling Stones konnte Urs Hitz nie ins «Hilton» locken. «Sie übernachteten jeweils im Hotel Trois Rois.» Ansonsten habe man stets genau beobachtet, wer wann nach Basel kam. «Ich wollte alles, was Rang und Namen hat, in meinem Hotel und habe die jeweiligen Agenten im Voraus kontaktiert.»

Der einzige Star, dem Urs Hitz je einen Korb gab, kommt ausgerechnet aus der Besitzerfamilie: Als Paris Hilton im 2007 die Uhren- und Schmuckmesse in Basel besuchen wollte, rief ihr Agent wenige Tage vor Beginn der Baselworld an und wollte vier Zimmer für die junge Dame reservieren. «Das war natürlich unmöglich, wir waren seit Monaten ausgebucht, ich konnte auch niemandem absagen. Das waren alles Stammgäste», sagt Hitz. Das war auch der Grund dafür, dass Paris Hilton schliesslich in Zürich übernachtete, sie die Städte verwechselte und es in Basel zum berühmten Versprecher kam: «I loooove Zürich.»

Erstellt: 25.08.2015, 15:29 Uhr

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