Radeln, wo einst die Hochöfen rauchten

Der Ruhrtal-Radweg führt auf der Route der Industriekultur durch eine abwechslungsreiche Region Europas: viel Grün, viel Kultur.

Einsamer Radelweg: In der Nebensaison ist die Route ein Geheimtipp.

Einsamer Radelweg: In der Nebensaison ist die Route ein Geheimtipp.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Reh rammt Rentner vom Rad» titelte «Bild online» im Frühling über einen Velounfall an der Ruhr. «Eine Schlagzeile ganz nach dem Geschmack der Ruhris», findet Reiseführerin Melanie Hundacker aus Essen — die Kinder der ehemaligen Kumpel sind stolz darauf, wie grün das Ruhrgebiet heute ist. Das Staunen der Touristen über sauberes Wasser, reine Luft und unglaublich viel Natur ist Musik in den Ohren derjenigen, die hier wohnen. Obwohl heute kaum noch einer sein Geld unter Tag verdient und der Stein- und Braunkohleabbau zwischen Duisburg und Dortmund Geschichte ist, hält sich das alte Klischee vom russigen Revier hartnäckig.

Sie ist gut unterwegs

Doch die Natur erobert ihr Terrain zurück. Paradebeispiel ist die urbane Wildnis um das ehemalige Schalthaus Rheinelbe in Gelsenkirchen. Dort, wo einst der Strom an die umliegenden Kohlebergwerke verteilt wurde, arbeiten heute Förster. Mit dem Niedergang der Montanindustrie hat ein einzigartiger Strukturwandel eingesetzt, in dessen Verlauf sich die grössten Kohlezechen, Kokereien und Stahlküchen des Kontinents in Denkmäler und Freizeitparks verwandelt haben, Industriebrachen in Kulturlandschaften und grüne Erholungsgebiete übergegangen sind.

Der Ballungsraum aus 53 Städten mit über 5 Millionen Einwohnern präsentiert sich heute als multikulturelle «Metropole Ruhr». Auch als Europäische Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ist sie gut unterwegs, im ersten Halbjahr hat man bereits etwas mehr Besucher verbuchen können als Manchester, die bisher erfolgreichste Europäische Kulturhauptstadt.

700 Kilometer Radwege

Nicht nur Kultur verbindet, sondern auch ein hervorragend ausgebautes Netz an Radwegen zwischen den einzelnen Städten und Kommunen. Den Velofahrern werden Hindernisse aus dem Weg geräumt, neue Radpisten auf alten Bahntrassees, Kanalufer-, Wald- und Wirtschaftswegen im Grünen angelegt und eigens Brücken gebaut, um kreuzungsfreie Verbindungen zu schaffen. Die Region setzt entschieden auf Kulturtourismus per Rad. Drei grosse Routen, der 230 Kilometer lange Ruhrtal-Radweg, der ebenso lange Emscher-Park-Radweg und der 350 Kilometer lange Rundkurs Ruhrgebiet bilden zusammen die 700 Kilometer lange Route der Industriekultur.

Der erst vor vier Jahren eingeweihte Ruhrtal-Veloweg folgt dem Fluss, welcher der Region ihren Namen gegeben hat, von der Quelle bei Winterberg bis zur Mündung in den Rhein in Duisburg. Ab Fröndenberg ist der Radweg identisch mit der Route der Industriekultur. Er rangiert bereits unter den zwölf beliebtesten Radwegen Deutschlands. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat ihn unter anderem aufgrund seiner guten Befahrbarkeit, Ausschilderung und Infrastruktur (mit 200 Kooperationsbetrieben von Hotels über Veloservicestationen bis zu «Radler-Tankstellen») mit vier von fünf möglichen Sternen ausgezeichnet und als erste Strecke in einem Ballungsraum als ADFC-Qualitätsroute zertifiziert.

Die Alpen der Niederländer

«Das Ruhrgebiet hätte leicht auch Negergebiet heissen können, wenn man es nach seinem Zufluss Neger benannt hätte», witzelt Melanie Hundacker. Der Name Ruhr bedeutet im Altgermanischen «schneller, grüner, rühriger Fluss mit grossem Gefälle». Die Hügel, zwischen denen der Fluss entspringt, sind gut 800 Meter hoch und heissen Alter Grimme, Hoher Knochen oder Kahler Asten, von dem man einen herrlichen Blick über das Sauerland hat, das «Land der 1000 Berge».

Winterberg im Hochsauerland ist der Ausgangspunkt des Ruhrtal-Radwegs. Ein quirliger Kur-, Wander-, Bike- und Skiort, laut Eigenwerbung der «grösste Skizirkus nördlich der Alpen» und mit seinen Almhütten, Skiliften, Sprungschanze, Bob- und Rodelbahn besonders bei Holländern beliebt.

Die Sauerland-Etappen

Abgesehen von einem kurzen, steilen Anstieg in Winterberg fällt der Ruhrtal-Radweg sanft ab; von 674 Meter Höhe geht es über Wiesen, Felder und Wälder hinunter bis nach Duisburg, dem weltgrössten Binnenhafen und Endpunkt des Ruhrtal-Radwegs, gerade noch 17 Meter über Meer.

Die Sauerland-Etappen führen an Bauernhöfen und Klöstern vorbei, wo man noch westfälische Schinken, Blutund Leberwürste selber macht; man passiert pittoreske Fachwerkhäuser in Schiefergrau wie im Rosendorf Assinghausen oder in den mittelalterlichen Kleinstädten Arnsberg und Hattingen. Lediglich ein paar Wegweiser, zur Zeche Elend etwa oder zum Besucherbergwerk Ramsbeck, wo man unter Tage Grubenlightdinner buchen kann, verraten, dass der Bergbau in der Region verankert ist.

Wo ist es denn, das Ruhrgebiet?

Je mehr sich das Ruhrtal weitet, desto mehr wundert man sich über idyllische Flussauen. Wo ist denn nun, das Ruhrgebiet? Selbst auf der Höhe von Bochum, Essen und Mülheim sieht das Ruhrtal weniger nach Industrie aus als das Limmattal bei Spreitenbach.

Revierfeeling stellt sich erst bei Abstechern in Richtung Emscher Park ein. Etwa auf der Himmelsleiter auf der Halde Rheinelbe, die man mit dem Velo befahren kann. Der Aussichtspunkt bietet den nötigen Überblick über die grüne Industrielandschaft, in der Hochöfen, Stahlwerke, Fördertürme, Schächte und Schlote Orientierung bieten.

Rheinelbe befindet sich etwa in der Mitte zwischen der Jahrhunderthalle in Bochum, in der heute nicht mehr Dampfturbinen, sondern Dirigenten den Ton angeben, und dem Unesco-Welterbe Zeche Zollverein in Essen.

Der längste Parkplatz

Zwischen Bochum und Essen spiegelt sich die unglaubliche Vielfalt des Ruhrgebiets besonders intensiv wider: Stadturwald und Landart auf dem Bauernhof (bei Bauer Budde kann man sich mit Rhabarberlimonade und Quarkkuchen bei Kunst im Experimentierfeld stärken), Kiosk mit Currywurst, türkischdeutscher Kindergarten, Zukunftszentrum und Taubenklinik, Moschee, Arbeitersiedlung und Gartenstadt, Schrebergarten, Krupps Villa Hügel und ihr Rhododendronpark, Gruga, Folkwang und Beachclub für das Volk an der aufgestauten Ruhr.

An Sommertagen kann das Velofahren auf dem Ruhrtal-Radweg entlang den Stauseen mühsam werden, denn die Uferwege sind ähnlich überlaufen wie die A 40, der Ruhrschnellweg, der Duisburg mit Dortmund verbindet. Und der seiner ständigen Staus wegen auch der «längste Parkplatz des Ruhrgebiets» genannt wird.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Deutschen Zentrale für Tourismus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2010, 09:33 Uhr

Tipps & Infos

Das Ruhrgebiet per Rad

Anreise Mit City-Night-Line von Zürich nach Duisburg, 204 Franken im Schlafwagen (pro Weg), ab 74 Franken im Liegewagen. Weiter mit Regionalzügen.

Velo Bei Revierrad kann man günstig Räder im One-Way-System an vielen Stationen im Ruhrgebiet mieten, inklusive Gepäcktransport und GPS-Navigation. www.revierrad.de.

Angebote Bed & Bike mit Gepäcktransport unter anderem bei www.ruhr-tourismus.de, www.radissimo.de, www.simply-out-tours.de.

Radführer mit Karten Erlebnisführer «Route der Industriekultur per Rad», herausgegeben vom Regionalverband Ruhr. Bruckmanns Radführer «Ruhrtal-Radweg», 16 Tagesetappen, empfohlen vom ADFC.

Allgemeine Informationen Das Ruhrgebiet ist velotouristisch hervorragend erschlossen. Der 230 Kilometer lange Ruhrtal-Radweg lässt sich problemlos in vier, besser sechs Tagen bewältigen, da man viel Zeit für Besichtigungen und Abstecher einplanen sollte (unter anderem: Gasometer Oberhausen, Zentrum der Lichtkunst Unna, Landschaftspark Duisburg-Nord, Jahrhunderthalle Bochum, Zollverein Essen).

www.ruhrtalradweg.de, www.ruhr2010.de www.route-industriekultur.de.

(Bild: TA Grafik ib)

Blogs

Geldblog Bucher überzeugt mit seinen Marktpositionen

History Reloaded Zeit ist Macht

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...