Taucher lüften das Geheimnis um das Ledi-Wrack im Zürichsee

Vor Obermeilen liegt seit 122 Jahren ein Schiff auf dem Seegrund, das bei einem Herbststurm gesunken ist. Im vergangenen Sommer wurden die Umstände des Unglücks geklärt.

Die Taucher am Wrack: Die Fracht bestand aus grob behauenen Steinen. Foto: Markus Inglin (Ingma UW-Video)

Die Taucher am Wrack: Die Fracht bestand aus grob behauenen Steinen. Foto: Markus Inglin (Ingma UW-Video)

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Die starken Böen eines Herbststurms am Morgen des 16. Oktober 1890 überraschen das Ledischiff von Johann Hottinger in der Mitte des Zürichsees. Der Westwind peitscht das mit schweren Steinen beladene Schiff über die Wellen Richtung Obermeilen. Ein Dampfer kommt zu Hilfe, doch die beiden Schiffsleute auf dem Segelboot kämpfen einen aussichtslosen Kampf. Sie retten sich auf das Dampfschiff, ihr Boot samt Ladung versinkt in den Fluten.

115 Jahre später staunt Peter Grieser, Berufsfischer aus Meilen, als er an einem Frühsommermorgen vor Meilen seine Netze einholen will. Denn sie sind weg. Als hätte er sie niemals ausgeworfen. Er ruft die Seepolizei, wie immer bei einem solchen Verlust. Polizeitaucher finden Griesers Netze wieder, auf dem Grund des Sees. Sie haben sich am versunkenen Schiff verfangen.

Schon am nächsten Tag ist Adelrich Uhr unten beim Wrack. Der Küsnachter Klärwart ist ein begeisterter Taucher. Und versunkene Schiffe sind seine Spezialität. Er hat einen guten Draht zu den Fischern am Zürichsee, die immer wieder auf Wracks auf dem Seegrund stossen. Was für sie ein ärgerliches Hindernis ist, ist für Uhr ein Geschenk. Und ein grosses Rätsel, das es zu lösen gilt. Was war das für ein Schiff? Wem gehörte es? Warum sank es?

Sieben Jahre vergingen, bis der 52-Jährige die Zeit fand, sich des Rätsels anzunehmen. Im vergangenen Sommer trommelte er ein Team aus befreundeten Tauchern zusammen. «Alles gut ausgebildete Leute», sagt Uhr. Tauchinstruktoren, Dunkelheit und schwierige Bedingungen gewohnt. Ein Grossteil hat sich wie Uhr zum Archäologietaucher weitergebildet. Sieben Tauchgänge organisierte das Team im Mai und im Juni und hielt die offiziellen Stellen bei der Kantonsarchäologie und der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich stets auf dem Laufenden. Als Erstes schnitten sie die Fischernetze vom Wrack und fotografierten, was vom Schiff überhaupt zu sehen ist. Es befindet sich in 28 Meter Tiefe und ist inzwischen mit einer fast meterdicken Schlammschicht bedeckt. «In 50 Jahren wird es wohl völlig zugedeckt sein», schätzt Uhr. «Dann hätte es keiner mehr entdeckt.»

Ausgraben nicht erlaubt

Der Schlamm hat seine Vorteile: Er konserviert das Holz des Schiffes und soll dies auch noch eine Weile tun. Uhr und seine Kollegen war es deshalb nicht erlaubt, das Wrack freizulegen. Nur dokumentieren sollten sie den Fund. Die Taucher erstellten Skizzen und massen das Schiff aus. 18 Meter lang ist es, 4Meter messen die Ruder, die daneben aus dem Seegrund ragen. Auch die Rahe schaut heraus, ein 6Meter langes Rundholz, an dem das quadratische Segel befestigt war. Im Heck des Wracks liegen grob behauene Steine, jeder so gross wie eine Minibar. 34 zählten die Taucher. Rund 6 Tonnen wiegen sie zusammen. Zwei Schubkarren aus Holz, mit denen die Steine geladen und entladen werden konnten, liegen ebenfalls im Wrack.

Den entscheidenden Hinweis aber gab das grosse Steuerruder des Schiffes. Beim Auftreffen des Wracks am Seegrund ist es abgerissen worden. Damit das beim Auflanden am Ufer nicht geschah, konnte es rund einen Meter angehoben werden. Die «Stürtür» genannte Konstruktion wurde mit einer Handkurbel bedient, der Stürwinde. Sie ist typisch für den Schiffbau an Schweizer Seen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Uhr wusste fürs Erste genug.

Sein nächster Tauchgang führte ihn hinunter ins Archiv der «Zürichsee-Zeitung». Mit einem Kollegen nahm er sich die Ausgaben vom Herbst der Jahre 1880 bis 1900 vor. Er vermutete, das Schiff sei in einem Herbststurm gesunken, und behielt recht: Nach stundenlanger Suche im Archiv stiessen die beiden in der Ausgabe vom 18. Oktober 1890 auf das Gesuchte. Das «Wochenblatt des Bezirks Meilen», wie die Zeitung damals hiess, berichtete in einer Spalte: «Donnerstag Morgen versank in der Nähe von Meilen ein Schiff mit Steinen beladen. Bei Obermeilen stund ein anderes Schiff gleichzeitig ebenfalls in grosser Gefahr »

«Es war ein erschütternder Anblick, wie Schiff und Mannschaft mit Wind und Wellen kämpften», NZZ vom 17. Oktober 1890.

Ausführlicher berichtete die NZZ über den Vorfall. Am 17. Oktober 1890 stand dort: «Soeben, Donnerstag Morgen 8¼ Uhr, hat sich auf dem Zürichsee ein schweres Unglück zugetragen. In der Mitte zwischen Meilen und der Au versank in Folge des sich fast plötzlich erhebenden Weststurms ein beladenes Stein-Ledischiff (). Es war ein erschütternder Anblick, wie Schiff und Mannschaft mit Wind und Wellen kämpften. Das gerade in Meilen gelandete Extra-Güterdampfschiff ‹Rapperswil› suchte den mit dem Tode Ringenden nahe zu kommen, hatte aber () grosse Mühe. Doch bald sahen wir das Rettungsboot herabgelassen und soweit wir es mit dem Fernrohr erkennen konnten () wurden die zwei Schiffsleute gerettet.»

400 Franken für Unglücksschiff

Adelrich Uhr freut sich. Er ist sich sicher, dass es sich beim Wrack um das in beiden Zeitungen beschriebene Unglücksschiff handelt. In einem Geschichtsband zu vorindustriellen Lastsegelschiffen der Schweiz stiess er auf eine Liste von Auszahlungen einer 1890 neu gegründeten Unfallversicherung. 400 Franken hatte im Oktober Johann Hottinger aus Stäfa ausgezahlt bekommen. «Rund 600 Franken kostete ein Schiff dieser Grösse damals», schreibt Uhr in seinem Abschlussbericht. Dass Hottinger der Besitzer des verunglückten Bootes war, liegt auf der Hand.

Zum Stolz über den Fund mischt sich bei Uhr etwas Wehmut, jetzt wo das Geheimnis um das Obermeilemer Wrack gelüftet ist. Doch der Archäologietaucher hat bereits neue Pläne: Im seichten Wasser zwischen Stäfa und der Ufenau liegt ein weiteres Wrack auf dem Seegrund, dessen Geheimnis gelüftet werden will.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2012, 10:48 Uhr

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Das Video vom Wrack (www.ingma.ch)

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