Tipps für Alpinisten

Tödliche Ge(h)hilfen

Wanderstöcke gehören mittlerweile für viele Berggänger zur Standardausrüstung. Den wenigsten ist allerdings klar, wie gefährlich sie sein können.

Auf ebener Strecke mit Stöcken unterwegs. Ob das dem Gleichgewichtssinn guttut? Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Auf ebener Strecke mit Stöcken unterwegs. Ob das dem Gleichgewichtssinn guttut? Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ski- oder Wanderstöcke bei Bergtouren sind zur Modeerscheinung verkommen. Aber die korrekte Anwendung beziehungsweise den Sinn der Anwendung haben nur wenige verstanden. Die Unfallstatistik verzeichnet seit dem Stock-Boom vermehrt Unfälle mit Wander- und Skistöcken im alpinen Gelände. Es ist an der Zeit, dass über dieses Thema kurz nachgedacht wird, wenngleich andere Erscheinungen wie Blitz- oder Lawinenunfälle am Berg viel spektakulärer klingen.

Es ist ein verregneter Julinachmittag: Ich steige hoch über Meran von der Hochgangscharte Richtung Hochganghaus ab. Eigentlich sollte die Route eine andere sein, aber zu viel Schnee in diesem Jahr sowie leichter Nieselregen machen meine geplante Tour unmöglich, respektive so macht das Unternehmen in der Texelgruppe einfach keinen Spass mehr. Die Hochgangscharte ist teils mit Stahlseilen gesichert, der Steig gut, aber dennoch sollte man sich keinen Stolperer erlauben!

Ich komme an der Stelle vorbei, wo im September des Vorjahres eine 55-jährige Touristin aus Landshut tödlich abstürzte. Sie ist über ihre Skistöcke ge­stolpert. Wegrand gibt es da keinen – es ging mehrere Hundert Meter in die Tiefe. Mir gehen mehrere Gedanken durch den Kopf. Vor allem erinnere ich mich an meinen guten Freund Martin, der im Jahr 2004 auch wegen seiner Skistöcke tödlich abgestürzt war. Und just in dem Moment begegnen mir zwei Bergsteiger.

Ohne Stöcke kein Gipfel?

Ein Ehepaar kommt den schmalen Steig die Hochgangscharte emporgeschnauft, beide haben die Hände in den Schlaufen der Skistöcke festgezurrt. Auf meine ­Anmerkung hin, dass die Stöcke in diesem Gelände ab und an gefährlich sein könnten, entgegnet man mir, dass man sie braucht, um da heraufzukommen. Na ja, ich denke mir, die beiden hätten besser unten bleiben sollen, wenn sie ohne Stöcke hier nicht heraufkommen.

Ich steige weiter ab, aber denke immer noch an zahlreiche Bergsteiger, die ohne diese «Stecken» noch leben würden, allen voran mein guter Kollege aus der Rettungsdienstzeit. Es geschah am 17. September 2004 an der 3053 Meter hohen Kirchbachspitze. Ein wunderschöner, aber anspruchsvoller Aussichtsberg hoch oberhalb von Naturns in der Texelgruppe. Martin ging laut Auskunft seiner Begleiter an einem schmalen Blockgrat voraus, stolperte über einen seiner Stöcke, kam aus den Stockschlaufen nicht mehr heraus, konnte sich nirgends mehr halten und stürzte in der Folge mehrere Hundert Meter durch felsiges Gelände ab.

Die Skistöcke waren bereits damals eine Modeerscheinung. Man musste einfach solche Teile haben. Und es stimmt schon: Die Stöcke sind bei langen Auf- und Abstiegen nützlich, und bei richtigem Einsatz bringen sie gewiss Schonung für die Knie, was wirklich Sinn ergibt.

Beobachtet man aber das tägliche Getümmel in den Bergen dieser Welt, dann kommt einem regelrecht das Grausen. Auf völlig ebener Strecke werden Stöcke verwendet – ob das dem menschlichen Gleichgewichtssinn guttut? Die Evolution hat ja gewollt, dass wir auf zwei ­Füssen stehen, und jetzt brauchen wir wieder Gehhilfen?

Über viele Jahre hinweg beobachtete ich immer wieder das Einsatzgeschehen in den Bergen, und aufgrund meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit entgehen mir nur wenige Einsatzberichte der Südtiroler Bergrettung. Immer wieder ist dort das Gleiche zu lesen: «Patient über die eigenen Stöcke gefallen.» Und diese Einsätze können die Gestürzten nicht immer retten.

Der Stock fiel auseinander

Ein besonders tragischer Unfall ereignete sich am 10. September des Jahres 2009 im Spronsertal, das von Dorf Tirol hoch in die Texelgruppe hineinführt. Am Meraner Höhenweg rutschte eine 74-jährige deutsche Berggängerin über den Wegrand hinaus und blieb nur zwei Meter unterhalb des Weges in einer ­steilen Wiese liegen. Ein paar kleine Blessuren, sonst nichts. Sie musste nur wieder zurück auf den Wanderweg ­kommen.

Der besorgte Ehemann reichte der Frau den Wanderstock, und gemeinsam mit einem weiteren Ehepaar wollte er die Frau zurück auf den Weg ziehen. Leider machte es auf einmal «Blopp». Der Stock rutschte auseinander, die Frau kollerte den Abhang rücklings hinunter und fiel 200 Meter tief in eine Schlucht. Es konnte kein Notarzt mehr helfen.

Die Hände sollten frei sein

Mittlerweile haben sich die Wander­stöcke zur Standardausrüstung vieler Bergsteiger gemausert; das Problem liegt aber darin, dass nur wenige wissen, wann der «Stockeinsatz» überhaupt sinnvoll ist. Bei genauerer Betrachtung der mit Stöcken bergabwärts Gehenden sieht man immer wieder, dass sich viele Leute vom Berg «hinunterschieben». Aber was noch viel bedenklicher ist: Der Umstand, dass die Stöcke auch im absturzgefährdeten Gelände an den Handgelenken sind. Sollte man dort nicht die Hände zum Festhalten frei haben?

Durchleuchtet man die alpinen Unfallstatistiken genauer, so haben wir jährlich mehr Patienten, die über ihre eigenen Stöcke fallen, als solche, die vom Blitz getroffen werden oder am Klettersteig ins Stahlseil stürzen.

* Markus Hölzl ist in der Bergrettung Südtirol hauptamtlich für Ausbildung und Technik verantwortlich und kennt als aktiver Bergretter das Unfallgeschehen in seiner Heimat wie kaum ein anderer.Dieser Artikel erschien im Fachmagazin «Bergundsteigen – Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport», Nr. 3/14. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2014, 18:45 Uhr

So sollten sie Stöcke verwenden

Heute gibt es für zahlreiche Sportarten den geeigneten Stock: vom Ski- bis zum Nordic-Walking-Stock – diese Vielfalt sollte man nutzen.

Im Winter braucht es grosse Stock­teller, damit man nicht zu tief im Schnee einsinkt; bei Touren im Sommer können die grossen Teller durch kleine ersetzt werden – nur beim Queren von Schneefeldern oder bei Hochtouren im Sommer sind grosse Teller vorteilhafter.

Wanderstöcke sollten vorwiegend beim Abstieg verwendet werden. Nur mit der richtigen Technik wird auch der erwünschte Erfolg erzielt:

  • Im Abstieg erzielt man mit den ­Stöcken nur dann eine Entlastung der Knie, wenn man sie parallel vor dem Körper aufsetzt, dabei den Oberkörper in Vorlage bringt und die Beine anwinkelt, um die Stöcke weit nach vorne zu setzen.
  • Dieser Stockeinsatz wird nur alle zwei bis drei Schritte gemacht.
  • Bei starkem Gefälle müssen die Stöcke etwas länger eingestellt werden.
  • Der richtige Halt der Segmente bei Teleskopstöcken sollte regelmässig überprüft werden. Ältere Modelle besitzen im Inneren einen Spreizmechanismus, der sich nach mehrjährigem Gebrauch auch mal unter der Last des Bergsteigers zusammenschiebt.
  • Stöcke gehören in absturzgefährdetem Felsgelände an den Rucksack, nicht an die Handgelenke. Hier ist aufzupassen, dass die Stöcke so befestigt werden, dass sie nicht zum Hindernis werden.
  • Auf ebenen Wegen sollten gesunde Menschen Stöcke nicht einsetzen. Der Gleichgewichtssinn kommt ansonsten aus der Übung.
  • Egal, wie man selbst zum Thema «Gehhilfen am Berg» steht: Einigkeit sollte darüber herrschen, dass man Folgendes mit den Stöcken gar nicht machen sollte – so lustig sie klingen, es sind alles Fälle aus unseren Einsatzberichten:
  • Talwärts fahrenden Mountainbikern in die Radspeichen hineingreifen.
  • Zum Einsatz fahrenden Bergret­tungsfahrzeugen auf die Motorhaube schlagen.
  • Die Gaststube der Schutzhütte mit Wanderstöcken zuparken.
  • Beim Ausstieg vom Sessellift hängen bleiben.
Markus Hölzl

Einkauftipps

Keiner kann alles

Auch Skistöcke kennen keine eierlegende Wollmilchsau. «Den Stock, der alles kann, den gibt es nicht», sagt Lukas Imhof, Einkaufsleiter bei Bächli Bergsport. «Modelle für Trailrunning und Skitouren schliessen sich eher aus.» Das bedarf ein wenig Gedankenarbeit vor dem Einkauf.

Bei Bächli bewegen sich Skistöcke im Preissegment von 89 bis 230 Franken, bei der Länge gilt Körpergrösse mal 0,7 als Grundwert. Der Anteil an Fixstöcken gegenüber Teleskopmodellen beträgt bei Angebot und Verkauf maximal 20 Prozent, sagt Imhof, der dennoch in manchen Fällen Fixstöcke empfiehlt: «Für schwierige Skitouren, denn im steilen Gelände ist es lebensgefährlich, wenn ein Teleskopstock bei der Spitzkehre am Verschlusssystem zusammensackt.» Bei den Verschlusssystemen setzen sich Schnellspanner mit Klickverschlüssen sowie Faltstöcke (mit dem gleichen Prinzip wie Zeltstangen) durch. Beide Systeme sind mit klammen Fingern besser zu bedienen als das klassische Spreizprinzip, wo die einzelnen Teile mit Gewinden verbunden sind.

Ein Ultraleichtstock mit 10 bis 14 Millimeter Rohrdurchmesser klingt vom Packmass her verlockend, aber Imhof warnt: «Ein Mann mit 120 Kilogramm Körpergewicht sollte damit besser keine Flussdurchquerung machen.» Bei der Materialwahl sind die leichten Carbonstöcke von Bruch durch Steinschlag oder Skikanten bedroht, daher lohnt sich eine Ummantelung mit Kevlar, wie Imhof sagt: «Ein Stockbruch auf einer Skitour ist eine wirklich kritische Situation.»

Bahnbrechende Trends sieht Imhof nicht. Allerdings gebe es zunehmend die Option, aus Sicherheitsgründen auf Handschlaufen zu verzichten. (can.)

Artikel zum Thema

Das Füchslein war eine Fähe

Outdoor Wandern für den Wortschatz: Im grandiosen Baselbieter Jura kann der Wanderer vom Jäger lernen. Zum Blog

Weitblick von Montblanc bis Mittelmeer

Outdoor Hier kennt Wandern keine Grenzen: Warum man sich die Tour um den Monviso in den Cottischen Alpen im Piemont nicht entgehen lassen sollte. Zum Blog

Ankeschwändi – was für ein herrlich gebutterter Name

Outdoor Warum nicht nach Menzberg wandern? Es ist ein herrlicher Ort auf 1000 Metern über Meer zum Ankommen, Verweilen, Einkehren. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Gewalt entsteht aus Überforderung
Sweet Home Platz da – die Dicken kommen!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...