Was von der Mauer übrig bleibt

Berlin ist cool, Berlin ist sexy – auch dank der Freiräume, die im ehemaligen Todesstreifen entstanden sind. Bestes Beispiel dafür ist der bunte, verrückte Mauerpark.

Turteln und Picknicken in der ehemaligen Sperrzone zwischen West und Ost: Mauerpark in Berlin.

Turteln und Picknicken in der ehemaligen Sperrzone zwischen West und Ost: Mauerpark in Berlin. Bild: Keystone

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Irgendwann gegen Mittag kommen die Porno-Umweltschützer, dieses etwas gammelige Pärchen, das Sexfilme dreht, um den Regenwald zu retten. Heute wollen sie aber nur quatschen. Die schweissnassen Basketballer sind auch schon da; die Grillfraktion mit ihren Bratwürsten und Oli, der Punk, der Kindern das Jonglieren beibringt. Es ist ein ganz normaler Tag im Mauerpark, diesem Streifen, einige Hundert Meter breit, einen guten Kilometer lang.

«Der Mauerpark ist eine Oase»

Vor genau 50 Jahren, am 13. August 1961, sind hier DDR-Sicherheitskräfte aufgefahren und haben Sperren errichtet. Der Weg vom Ost-Berliner Prenzlauer Berg in den West-Berliner Wedding war versperrt, eine Todeszone. Heute glüht in der Schneise das Leben. Gerade wagt sich eine Gruppe spanischer Touristinnen über den Kopfsteinpflasterweg, der quer durch den Park verläuft. Die Damen sind um die 50, sie tragen die Rucksäcke auf dem Bauch, man weiss ja nie. Auf den Wiesen links und rechts lümmeln Teenager herum, eine Gruppe macht Yoga. Drüben auf dem Flohmarkt kommt derweil das Geschäft in Gang. Klamotten, Bücher, alte Fotoapparate, Souvenirs und Ramsch.

«Der Mauerpark ist eine Oase», sagt Dennis Karsten. Der Berliner Regisseur hat einen Film gedreht über dieses einzigartige Stück Stadt. «Hier treffen sich die unterschiedlichsten Menschen: Eltern mit Kindern, Alternative, Touristen – und alle kommen friedlich miteinander aus.» An 60 Drehtagen hat Karsten Menschen interviewt, gefilmt, auch mal einfach nur darauf gewartet, dass etwas passiert. Fasziniert von dem Park ist er mehr als zuvor; das Gelände sei gleichsam ein Symbol für die Freiräume, die Berlin nach dem Mauerfall geboten habe – und die heute zusehends verschwinden.

Auch dem Mauerpark droht Ungemach. Ein Teil des Geländes gehört einem Investor, der dort Wohnblöcke errichten will. Das wäre ein lohnendes Geschäft, denn die Gegend boomt, im angrenzenden Prenzlauer Berg wohnen Berlins Schöne und Reiche. Eingefleischte Mauerpark-Fans fürchten deshalb, dass sie bald von schicken Eigenheimbesitzern vertrieben werden. Entsprechend gross ist der Widerstand gegen das Projekt. Zahlreiche Bürgerinitiativen wehren sich, es gibt Demos, Diskussionsabende, Aktionen.

Der Park zwischen den Welten

Die Stadt Berlin steckt in einer Zwickmühle. Sie hat einst von einer Stiftung Millionen Fördergelder kassiert, um in dem ehemaligen Grenzgelände einen Park einzurichten. Weil aber die Lage so vertrackt ist, hat sie das erst zur Hälfte gemacht. Im Ostteil gibt es Grasflächen, Bäume, ein Basketballfeld; der Westteil ist eine von Unkraut überwucherte Brache. Der Geldgeber hat Berlin schon gedroht, die Subventionen zurückzufordern, wenn nicht bald zu Ende gebaut werde. Doch jetzt sind erst einmal Wahlen, und keine Partei will sich am Mauerpark die Finger verbrennen.

Es ist dieser hängende Zustand, dieses Zwischen-den-Welten-Sein, das im Park seine Energie entfaltet. In einer Zeit, in der andere Grossstädte unter gewaltigem Druck stehen, wo verdichtet wird, aufgewertet und investiert, wo die Preise steigen, wo jeder Keller und jeder Dachstock ausgebaut wird, leistet sich Berlin ein paar Hektaren Freiheit.

Die Schattenwirtschaft blüht

Dieser Luxus ist auch eine Folge wirtschaftlicher Schwäche. Die Stadt hat sich bis heute nicht von der Teilung und der sozialistischen Misswirtschaft erholt. Die Aufwertung ganzer Stadtteile, allgemein als Gentrifizierung beklagt, schreitet in Berlin bei weitem nicht so schnell fort wie anderswo. Es fehlt dafür an Geld, an Jobs, an Power. 13 Prozent beträgt die Arbeitslosigkeit in der deutschen Hauptstadt.

Dafür blüht die Schattenwirtschaft, gerade an Orten wie dem Mauerpark. Trödelhändler wirtschaften an der Steuer vorbei, russische Migranten verticken alte Fahrräder (ohne dem Sozialamt von diesem Zusatzverdienst zu erzählen). Ein irischer Velokurier fährt jeden Sonntag mit einer grossen Karaoke-anlage auf und lässt jeden singen, der sich für talentiert genug hält. Hunderte, manchmal Tausende hören zu. Der Mauerpark ist der Ort, an dem das neue Berlin am berlinerischsten ist – und seine Bewohner verdanken dies dem einstigen Schandmal, der Mauer. Wer genau hinschaut, kann die Spuren der Geschichte noch entdecken. Am östlichen Rand des Parks, auf einem Hügel, stehen einige Dutzend Meter der sogenannten Hinterland-Mauer. Sie war das erste Hindernis, das DDR-Flüchtlinge zu überwinden hatten auf dem Weg in die Freiheit. Heute toben sich hier junge Sprayer aus.

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer ist selber Stammgast im Mauerpark. Er grilliert hier gerne Schaschlik, die Fleischspiesse aus seiner russischen Heimat; er geniesst die kreative Atmo- sphäre, die ihn zu seinen Büchern inspiriert. «Der Mauerpark ist weder Park noch Mauer», sagte er einmal. «Er ist ein Zeitloch, das man begehen kann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2011, 16:39 Uhr

Vor genau 50 Jahren, am 13. August 1961, sind hier DDR-Sicherheitskräfte aufgefahren und haben Sperren errichtet: Heute ist der Mauerpark eine Oase der Vielfalt. (Bild: TA-Grafik str)

Der Tag, an dem die Mauer kam und die Welt in Schock versetzte

Am 13. August 1961 erwachten die Berliner in einer anderen Stadt. In einer geheimen Aktion hatten DDR-Volkspolizisten und Truppen der Nationalen Volksarmee sämtliche Zugänge zu Westberlin besetzt. Strassen wurden aufgerissen, Stacheldrähte verlegt, Betonsperren installiert, auch der Verkehr von U-Bahnen unterbrochen. Die drastische Massnahme schockierte die Welt – und sorgte bei den Ostberlinern für Verzweiflung. Viele versuchten durch grenznahe Häuser zu fliehen, auch Dutzende DDRSoldaten desertierten.

Eine Schneise durch die Stadt

In der Folge baute das sozialistische Regime – mit wohlwollendem Einverständnis der Sowjetunion – die Sperranlagen immer weiter aus. Aus einfachen Drahtzäunen wurde eine Mauer, später ein mehrstufiges Gefüge aus einer Vorderland- und einer Hinterland-Mauer, Patrouillenwegen, Hunde-Laufanlagen, Bewegungssensoren. Zahlreiche Häuser wurden abgerissen.

Nach jahrelanger Bauzeit zog sich eine breite Schneise wie eine Wunde durch die Stadt. DDR-Truppen bewachten die Grenze und waren befugt, auf Flüchtlinge zu schiessen. Historikern zufolge starben mindestens 133 Menschen an der Berliner Mauer.

Grund für den Mauerbau war die Massenflucht von Ostdeutschen in den Westen gewesen. Der DDR fehlte es zunehmend an qualifizierten Arbeitskräften, weil besonders die gut Ausgebildeten «rübermachten», wie es im Jargon hiess. Die Verlogenheit des sozialistischen Regimes zeigte sich in einer historischen Pressekonferenz, die im Juni 1961 stattfand. Auf eine Journalistenfrage erklärte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» Wenige Wochen später schickte er die Bautrupps los.

Rund um den 50. Jahrestag des Mauerbaus finden in Berlin zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Der zentrale Anlass ist für den 13. August an der Gedenkstätte Berliner Mauer geplant. Die Anlage mit Ausstellung, Dokumentationszentrum und Teilen der Original-Mauer liegt an der Bernauer Strasse, wenige Schritte vom Mauerpark entfernt.

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