Reportage

Wenn der Taranaki weint, ist er tödlich

Vor über 250 Jahren ist er zum letzten Mal ausgebrochen. Gefährlich ist der Taranaki trotzdem, der Vulkan, der wie kein anderer Berg die neuseeländische Landschaft dominiert.

Im idyllisch anmutenden Berg schlummert eine zerstörerische Kraft: Der Taranaki auf Neuseelands Nordinsel.

Im idyllisch anmutenden Berg schlummert eine zerstörerische Kraft: Der Taranaki auf Neuseelands Nordinsel. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Don Paterson bleibt auf einem von Flechten bedeckten Felsblock stehen. Im Licht der aufgehenden Sonne hebt sich seine drahtige Figur ab vom Hintergrund der schneebedeckten Kuppe des Taranaki. «40- bis 50-mal im Jahr besteige ich den Berg. Und jedes Mal ist er anders. Er hat einen unberechenbaren Charakter.» Paterson ist Bergführer in New Plymouth, Ausgangsort für den Aufstieg auf den eindrücklichsten Vulkan in Neuseeland: den Taranaki oder Mount Egmont, wie er früher genannt wurde.

Der 55-jährige Paterson macht bezüglich Fitness, körperlicher Ausdauer und Durchhaltevermögen jedem 20-Jährigen etwas vor. Doch wenn er vom Berg spricht, liegt ein Flimmern von Unsicherheit in seiner Stimme. Ein Aufstieg auf den Taranaki sei stets mit Risiken verbunden, der Berg sei unberechenbar: «Die Liste ist Zeugnis davon», sagt Paterson. «Die Liste», das ist das Dokument, auf dem die Behörden die Opfer des Taranaki zählen, seit 1891. Es hängt prominent an der Wand im Besucherzentrum der Nationalparkbehörde. Fast jedes Jahr kommen am Taranaki Menschen ums Leben. «Ausgerutscht auf dem Eis», «Steinschlag», «schlecht ausgerüstet» – die Gründe wiederholen sich. «Orientierung verloren», «Unterkühlung». Der Taranaki ist notorisch dafür, dass sich das Wetter von einer Minute auf die andere verschlechtern kann. Wer dann ohne gute Ausrüstung festhängt, kämpft bald einmal ums Überleben.

Ein Ausbruch ist überfällig

Kein anderer Berg in Neuseeland beherrscht seine Umgebung und die Menschen, die in seinem Schatten leben, so wie der Taranaki. Im Westen umgeben von der dünn besiedelten Küste der neuseeländischen Nordinsel und vom Tasmanischen Meer, im Osten von Farmland und Wiesen, hat der 2518 Meter hohe Vulkan eine Präsenz, der man nicht ausweichen kann. Seine Dominanz lockt Filmteams aus der ganzen Welt an. In «Der letzte Samurai» diente er 2003 als Ersatz für den Berg Fuji, vor dem Tom Cruise als amerikanischer Offizier japanische Samuraikämpfer in moderner Kriegsführung ausbilden sollte.

1755 brach der Taranaki zuletzt aus. Seither schläft er. An einem schönen Sommertag, wenn sich der Berg vor hellblauem Himmel in seiner ganzen Pracht zeigt, ist es kaum vorstellbar, dass tief in seinem Inneren eine Kraft schlummert, die diese Region, ja weite Teile Neuseelands unter Schutt und Asche begraben könnte. Einige Forscher warnen, eine Eruption sei überfällig.

Der Berg lässt einen nicht los

Langsam wie ein nepalesischer Sherpa, mit regelmässigem, starkem Schritt, arbeitet sich Don Paterson den steilen Hang hoch, durch eine kleine Schlucht, geformt aus der erstarrten Lava längst vergessener Ausbrüche. Hinter ihm eine Gruppe keuchender Touristen, die sich alle paar Meter auf ihre Gehstöcke stützen. Paterson ist ein ruhiger Mann. Wer mit ihm wandert, spürt bald, dass dieser Berg für ihn mehr ist als ein Arbeitsplatz. Er ist sein geistiges Zuhause. Immer wieder habe er versucht, wegzugehen und woanders Arbeit zu finden, sagt er. Immer wieder sei er zurückgekommen. «Der Taranaki lässt mich nicht los.» Ein Satz, den man hier täglich hört.

«Er ist das Herz meiner Arbeit», sagt Peter Lambert, einer der bekanntesten Landschaftskünstler in Neuseeland. Der Berg kommt in vielen seiner Werke vor. Lambert ist einer von zahlreichen Kulturschaffenden, die im Schatten des Taranaki leben. Die einen ziehen die Stille eines verschlafenen Nests an der Küste vor, sammeln am Strand Treibholz, aus dem sie Skulpturen bauen.

Andere leben in New Plymouth, geniessen die Urbanität einer der attraktivsten Kleinstädte des Landes. Der Berg habe eine magnetische Anziehungskraft, glaubt Scotty McKinnon, Dokumentarfilmer und Kameramann. Er arbeitet rund um den Globus, filmt Kriege und Konflikte. Für ihn ist die Gegend um den Taranaki eine Rückzugszone. Angst davor, dass der Vulkan ausbricht? Kein Thema. Die Neuseeländer haben sich daran gewöhnt, an einem der geologisch instabilsten Orte der Welt zu leben. Wo die Erde 15 000-mal im Jahr bebt, zittert man nicht bei jedem Grollen.

Einst war jeder Ankömmling ein potenzieller Feind

Während sich Don Paterson und seine Truppe müder Touristen auf bald 2000 Metern über Meer durch immer mehr Geröll arbeiten, schüttelt am Fuss des Berges Te Huriangi seinen Kopf. «Es gibt keinen Grund für uns, den Taranaki zu besteigen», sagt der Älteste eines der neun Maoristämme oder «Iwi», die seit Generationen im Schatten des Taranaki leben. Der 81-Jährige steht in dem Wharenui, dem Gemeinschaftshaus, in einem traditionellen Hof der Maoris, dem Marae. Schwarzweisse Bilder verstorbener Vorfahren zieren die Wände, das Gebäude ist eine Mischung aus formellem Zeremonienraum und Wohnstube.

Gemeinsam mit seiner Tochter weiht Huriangi Touristen aus aller Welt in die Mythen und Gebräuche der Maoris ein. Sie heissen die Gäste mit einem Powhiri willkommen, einer traditionellen Begrüssungszeremonie. Der Ablauf folgt einem strikten Protokoll. Es wird gesungen, es wird erzählt. Gäste und Gastgeber schaffen so gegenseitigen Respekt.

Es ist eine Tradition aus einer Zeit, in der jeder Ankömmling ein potenzieller Feind war und als die verschiedenen Maoristämme Krieg gegeneinander führten. Sie wird bis heute gepflegt, nicht nur für Touristen, sondern auch für Besucher, die aus anderen Teilen des Landes kommen. Die Zeremonie endet mit dem Zusammenpressen der Stirn von Gast und Gastgeber – symbolisch für den Austausch von Atem. «Jetzt seid ihr Teil unserer Familie», sagt Te Huriangi. «Wir vertrauen euch, ihr vertraut uns.»

Die Mythen der Maori

Der alte Mann mit den schneeweissen Haaren erzählt von der Geschichte des Berges, der sein Leben bestimmt. Vor langer Zeit habe der Taranaki in der Mitte der Nordinsel gestanden, zusammen mit anderen Vulkanen, so die Mythologie der ersten Bewohner von Aoteora, wie die Maoris Neuseeland nennen. Doch dann brach Streit aus zwischen den Vulkanen Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu, die alle um die Gunst der schönen Pihanga buhlten, einer 1325 Meter hohen Vulkanfrau. Taranaki musste fliehen. Am Meer angekommen, erstarrte er, als die Sonne aufging. Bis heute steht er an diesem Ort, und bis heute trauert er um Pihanga.

Wenn Wolken die Bergspitze wie ein Ring umgeben, weine der Taranaki um seine verlorene Liebe, sagt Te Huriangi. «Die Wolken verstecken seine Tränen, die niemand sehen darf.» Der alte Mann ist gegen das Besteigen des Berges. Weniger aus kulturellen oder religiösen Gründen, eher aus praktischen: «Es hat keinen Sinn. Es gibt da oben nichts. Weder zu essen noch zu trinken. Nur Steine.»

Es sind viele Steine. Je näher der Gipfel kommt, umso schwieriger wird es, auf dem Geröll Halt zu finden. Schnee überzieht die rutschigen Felsblöcke, gelegentlich auch Moos. Wer abrutscht, dem droht ein Gleitsturz von Hunderten von Metern, der im besten Fall mit blauen Flecken endet, im schlechtesten im sogenannten Body Catcher, dem Leichenfänger. «Irgendwie landen Opfer immer an diesem Ort», sagt Don Paterson und zeigt auf eine tunnelartige Felsformation: «Da gehen wir immer als Erstes hin, wenn wir jemanden suchen.»

Bergsteigen in Badeschlappen

Paterson hat aufgehört, die Rettungseinsätze zu zählen, bei denen er als Überlebensexperte und Wegweiser mitgeholfen hat. Trotzdem macht er immer wieder klar, dass der Taranaki kein gefährlicher Berg sei: «Er ist für jeden Menschen mit einer guten Fitness zu schaffen. Aber manche Leute sind halt fahrlässig.» Schlechte Ausrüstung sei ein Weg, das Schicksal herauszufordern. Es sei nicht ungewöhnlich, Touristen zu treffen, die versuchten, den Berg in Badeschlappen zu erklettern.

Endlich der Gipfel. Die letzten Meter durch den Schnee sind nur mithilfe von Steigeisen zu schaffen. Der Blick ist überwältigend. Fast unbewusst sucht man am Horizont im Westen nach der Küste Australiens. Ein fruchtloses Unterfangen natürlich. «Wir müssen gehen, sofort», unterbricht Don Paterson die Stille: «Das Wetter wechselt.» Unbemerkt von den Wanderern hat sich auf der Ostseite eine Wolkenwand aufgebaut, die den Gipfel in Minutenschnelle umschliessen und den Abstieg zur tödlichen Gefahr werden lassen kann. Der Taranaki weint, und niemand soll seine Tränen sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2012, 15:16 Uhr

Tipps & Informationen

Air New Zealand bietet täglich Flüge ab Europa nach Neuseeland an. Die neusee­ländische Staatsfluglinie unterhält auch ein gutes Inlandstreckennetz und fliegt New Plymouth an, die Ausgangsstadt für Touren auf den Taranaki.
www.airnewzealand.de

Informationen zum touristischen Angebot im Gebiet um den Vulkan findet man unter www.taranaki.co.nz

Die Besteigung des Gipfels sollte nur unter kundiger Führung erfolgen. Adventure Dynamics bietet massgeschneiderte Touren an:
www.adventuredynamics.co.nz

Ausgezeichnete Übernachtungsmöglich­keiten findet man im Hathaway House im Ort Stratford und im Prudence Place in Oakura, einem Vorort von New Plymouth. Bei beiden Unterkünften handelt es sich um ein Bed and Breakfast mit sehr persönlicher, familiärer Betreuung durch die Gastgeber.
www.hathawayhouse.co.nz
www.prudenceplace.co.nz

(Bild: TA-Grafik mt)

Artikel zum Thema

Auf sanfter Safari im Reich der Massai

Ökotourismus für Luxus gewohnte Städter liegt seit einiger Zeit im Trend – auch in Kenia. Einheimische Initiativen sind allerdings rar, noch immer fliesst viel Geld ins Ausland ab. Mehr...

Untergetaucht im Reich der «Gazellen»

An den Wänden der Hochsee-Riffe im Roten Meer ist die Korallenpracht noch intakt. Mit etwas Glück trifft man dort sogar die Herrscher des Meeres. Mehr...

Ausruhen wie Alexander, baden wie Kleopatra

Im Nordwesten Ägyptens, rund um Marsa Matrouh, laden malerische Strände zum Baden. Höhepunkt der Reise ist ein Abstecher in die Libysche Wüste zur Oase Siwa. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die etwas andere Flugshow: Fallschirmspringer lassen in Norton Grossbritannien, rosa Rauch aus Kanistern entweichen. Sie sind Teil einer Zeremonie anlässlich der nächsten Commonwalth Games. (16. August 2017)
(Bild: Neil Hall) Mehr...