Bergunfälle

Wenn die Tour vor Gericht endet

Bergsteigen bedeutet Abenteuer, Kameradschaft, Gefahr und manchmal Tragik. Die wenigsten Alpinisten sind sich bewusst, dass nach einem Unfall die Justiz eine Hauptrolle spielt.

Wie viel Risiko bringt eine Tour? Der Bergführer und der Jurist blicken vom Riedchopf auf die Abfahrt nach St. Antönien.

Wie viel Risiko bringt eine Tour? Der Bergführer und der Jurist blicken vom Riedchopf auf die Abfahrt nach St. Antönien. Bild: Stefan Walter

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Viele verliessen unter Tränen den voll besetzten Gerichtssaal in Chur. Die Enttäuschung unter den Angehörigen der sechs Lawinentoten war mit Händen zu greifen. «Das Urteil ist gegen jeden gesunden Menschenverstand», sagte der Bruder eines Verunfallten fassungslos. «Es darf nicht sein, dass in diesem Fall die Bergführer unschuldig sind.»

Umstritten war das Urteil auch unter den Fachleuten, die sich mit dem Fall befasst hatten. Offen sprach der Rechtsanwalt und Alpinist Jürg Nef von einem «Fehlurteil». Umgekehrt sagte Urs Well-auer, Präsident des Bergführerverbandes, er sei froh über das Urteil. Es bestätige, «dass beim Bergsteigen ein Restrisiko unvermeidbar ist».

Schuldfrage klären

Das war drei Jahre nach dem Drama an der Jungfrau. Sechs Soldaten, zwischen 19 und 23 Jahre jung, waren oberhalb der Schlüsselstelle im Aufstieg von einer Lawine mitgerissen worden. Als die Toten begraben waren, musste die Justiz die Schuldfrage klären. Die Richter kamen zum Schluss, eine «seltene, heimtückische Schwachschicht» in der Schneedecke habe zum Unfall geführt.

Die Kontroverse um den Gerichtsfall wirft ein Schlaglicht auf einen Aspekt des Bergsteigens, um den sich die wenigsten Alpinisten Gedanken machen. «Was geht das die Justiz an, was wir machen?», fragen manche SAC-Tourenleiter, wenn sie in Ausbildungskursen auf die strafrechtliche Seite ihres Hobbys aufmerksam gemacht werden.

Sache der Juristen

Den wenigsten Berggängern ist bewusst, dass schwere Bergunfälle nicht allein tragische Ereignisse für die Betroffenen sind. Polizei und Justiz müssen sie von Amtes wegen untersuchen. Nach der Rettungskolonne oder dem Rega-Helikopter sind es darum oft Polizisten und Staatsanwälte, mit denen die Überlebenden als Nächstes in Kontakt kommen. Die Behörden müssen klären, ob strafrechtlich relevantes Verhalten zum Unfall geführt hat.

Was geht ab, wenn ein (Berufs-)Alpinist und ein Jurist zusammentreffen, um über das Verhältnis von Berg und Recht zu diskutieren? Wir machen mit einem Bergführer und einem Anwalt eine Skitour ab und treffen uns in St. Antönien.

Risiken richtig einschätzen

Jürg Nägeli ist Bergführer aus Zürich. Der Ruf, das Einkommen und das Leben des 64-Jährigen hängen davon ab, dass er die Risiken von Berg- und Skitouren richtig einschätzt. Das hat bisher gut funktioniert. Seit über 30 Jahren ist er in den Alpen, am Kilimanjaro und auf Kletterrouten in ganz Europa unterwegs, ohne je in einen ernsthaften Unfall verwickelt gewesen zu sein, geschweige denn in eine Strafuntersuchung. Trotzdem – oder gerade darum – ist er der Juristerei gegenüber kritisch eingestellt: «Im Nachhinein lässt sich immer ein Fehler finden. Es sind so viele Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Perfekt ist niemand.»

Gregor Benisowitsch ist Dr. iur., war Untersuchungsrichter und führt jetzt seine eigene Rechtsanwaltskanzlei. Aber nicht nur das. Der 55-Jährige gehört einem exklusiven Kreis von Kletterpionieren an. Er und sein Kletterpartner Martin Scheel eröffneten 1980 die Route «Supertramp» am Bockmattli in den Glarner Alpen – sie gilt noch heute als extrem schwieriger Klassiker des Sportkletterns. Benisowitsch verknüpfte Berg und Recht, zunächst mit seiner Dissertation über die strafrechtliche Beurteilung von Bergunfällen, dann als juristischer Experte bei Bergunfällen. «Wenn es um das höchste Rechtsgut geht», sagt Benisowitsch, «nämlich um Leib und Leben, dann darf der Leiter einer Tour aus Sicht der Justiz keine erhöhten Risiken eingehen.» Als Tourengänger und Bergführer müsse man das akzeptieren.

Auch Unfälle bei mässiger Lawinengefahr

Das Lawinenbulletin für den 24. Januar gibt für den ganzen Schweizer Alpenraum eine «mässige» Gefahr an. «Lawinen können vor allem mit grosser Belastung in oberflächennahen Schichten ausgelöst werden», sagt das Bulletin. «Touren- und Variantenfahren erfordern eine vorsichtige Routenwahl.» Fast jeder dritte Lawinenunfall ereignet sich bei dieser Gefahrenstufe.

Es verspricht ein strahlender Tag zu werden. Vom Weiler Engi nehmen wir den Riedchopf in Angriff. Der 2552 Meter hohe Gipfel ist mässig steil, bei diesen Verhältnissen kaum ein Problem. Schon beim Bereitmachen aber bricht die Diskussion los: Benisowitsch fischt seine Tourenfelle aus einem Airbag-Rucksack. Der Airbag, auch ABS genannt, erhöht dank zwei aufblasbaren Kissen die Überlebenswahrscheinlichkeit in Lawinen. Für Variantenfahrer, bei denen das Gewicht auf dem Rücken weniger eine Rolle spielt, ist der Airbag eine verbreitete Vorsichtsmassnahme.

Sicherheitsausrüstung

Ist der Rettungsrucksack heute auch rechtlich eine Pflicht? Muss man ihn auf Skitouren nicht nur zur eigenen Sicherheit dabeihaben, sondern auch, um Untersuchungsrichtern allenfalls Sorgfalt beweisen zu können? Nein, sagt Benisowitsch. «In der Gerichtspraxis haben sich das elektronische Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), Lawinenschaufel und Schneesonde als Pflichtmaterial für jedes Mitglied einer Tourengruppe herauskristallisiert.» Benisowitsch schränkt aber gleich ein: Das Fehlen von Pflichtmaterial allein reicht nicht für eine Verurteilung. Der Untersuchungsrichter muss nachweisen können, dass dieses ursächlich zu Verletzungen oder zum Tod des Betroffenen geführt hat. «Ein Nachweis, der nicht selten schwierig zu erbringen ist.»

Bergführer Nägeli begrüsst den Fortschritt bei der Sicherheitsausrüstung, weist jedoch auch auf dessen Schattenseiten hin. «Mehr Technologie im Rücken bewirkt – unbewusst – ein sattes Sicherheitsgefühl. Das wiederum verleitet dazu, Grenzen weiter auszuloten und damit mehr Risiken einzugehen.» Er wirft zudem ein, dass der Umgang mit Sicherheitstechnik geübt sein muss. Jedem Gast einfach einen Airbag abzugeben, ohne dessen Gebrauch zu üben, hält er für fragwürdig.

Kernfrage Sorgfaltspflicht

Benisowitsch berichtet von einem Unglücksfall im Bündnerland, bei dem ein Bergführer mit Airbag ausgerüstet war, seine Gäste dagegen nicht. Der Bergführer überlebte dank ABS einen Lawinenabgang. Mehrere seiner Gäste wurden verschüttet. Es gab Verletzte und Tote. Vor Gericht gab es für den Bergführer einen klaren Freispruch. «Wenn dir als verantwortlicher Leiter so etwas passiert», sagt Benisowitsch, «muss der Untersuchungsrichter dir nachweisen können, dass du Sorgfaltspflichten verletzt hast. Das ist die Kernfrage vor Gericht.» Das gilt laut Benisowitsch nicht nur für Bergführer, sondern für jeden, der andere in die Berge führt und damit rechtlich gesehen eine «Garantenstellung» für die Gruppe einnimmt, die eine «Gefahrengemeinschaft» bildet.

Die ersten paar Hundert Höhenmeter haben wir überwunden. Zügig kommen wir voran, in gebührendem Abstand zu steilen Lawinenhängen. Obwohl es schon einige Aufstiegsspuren hat, zieht Nägeli seine eigene Linie durch den Schnee. «Nur so kann ich mir selber eine bessere Vorstellung vom Schneedeckenaufbau machen», sagt er. Die eigene Spur ist für ihn – nach dem Studium von Landkarte und Lawinenbulletin – bei der Beurteilung der Gefahr vor Ort eine wichtige Informationsquelle.

Der heikelste Punkt

Das bringt das Gespräch auf den heikelsten Punkt im Spannungsfeld von Alpinismus und Juristerei: die Beurteilung der Lawinengefahr. «Lawinenkunde ist keine exakte Wissenschaft», sagt Bergführer Nägeli. Und das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) erklärt, «die Entwicklung der praktischen Lawinenkunde ist bei weitem noch nicht abgeschlossen».

Umgekehrt verweist Rechtsanwalt Benisowitsch auf den hohen Anspruch der Justiz an die Sorgfaltspflicht, wenn es um Menschenleben geht. «Den Spielraum bei der Beurteilung der Gefahr muss der Leiter einer Skitourengruppe aus Sicht der Richter grundsätzlich zugunsten der Sicherheit ausnützen.» Andere Überlegungen wie etwa der Wunsch der Gruppe nach einer stiebenden Pulverabfahrt dürfen dabei keine Rolle spielen. Für Bergführer Nägeli ist das «weltfremd», der «Faktor Mensch» spiele bei diesen Entscheiden immer mit. Für ihn sind sie immer ein Spagat zwischen totaler Sicherheit – «die es nie gibt» – und einem bewusst gewählten Restrisiko.

25 Lawinenopfer pro Jahr

Unterdessen sind wir auf dem Gipfel angekommen. Die strahlende Wintersonne trügt. Eine schneidend kalte Bise empfängt uns. Vor uns liegen 1100 Meter Abfahrt, zunächst durch ein vielleicht 35 Grad steiles Couloir. Die Gefahrenstufe «mässig» lässt das hier zu. Weiter unten, bei einer Hangquerung, ordnet unser Bergführer Abstände an. Oben liegen Steilhänge, aus denen Schneebretter losbrechen könnten.

Im Durchschnitt kommen laut dem Schnee- und Lawineninstitut in den Schweizer Alpen jede Saison 25 Personen ums Leben, die meisten beim Freeriden oder auf Skitouren. Aber eine Statistik darüber, welche strafrechtlichen Folgen die Unfälle haben, gibt es nicht. Der Aufwand, um die Daten bei den Bezirksgerichten zu sammeln, wäre sehr gross. Ausserdem kann ein Verfahren Jahre dauern, bis es durch Verurteilung oder Einstellung erledigt ist.

Verurteilungen sind selten

Eine SLF-Auswertung über zehn Jahre hinweg zeigt, dass Verurteilungen sehr selten sind: Bei 156 Unfällen waren es nur 7. In 6 weiteren Fällen waren die Verantwortlichen des Unfalls auch die Opfer. Bei den meisten ist nicht bekannt, ob ein Verfahren eingeleitet wurde. Ein Grossteil der Strafuntersuchungen wurde ergebnislos eingestellt. Und in 2 Fällen kam es zu Freisprüchen vor Gericht. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Rechtsanwalt Benisowitsch: «Dass Bergführer und Tourenleiter fahrlässig oder sogar grobfahrlässig Sicherheitsstandards missachten, ist die Ausnahme.»

Die letzten Höhenmeter zurück nach St. Antönien fahren wir im dicken Nebel. Im Hotel Rhätia setzen wir uns zu Kaffee zusammen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Am selben Tag forderte der Lawinenwinter sein bisher sechstes Opfer. Auf einer Tour auf den Piz Mosch oberhalb von Lenzerheide geriet ein 49-jähriger Tourenfahrer in ein Schneebrett. Eine Helikopterbesatzung konnte den Schweizer nur noch tot bergen. Mit einer Strafuntersuchung ist nicht zu rechnen. Der Mann war allein unterwegs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2013, 09:09 Uhr

Jürg Nägeli, Bergführer

«Im Nachhinein lässt sich immer ein Fehler finden. Es sind so viele Aspekte, die berücksichtigt werden müssen.»

Gregor Benisowitsch, Jurist

«Wenn es um Leib und Leben geht, darf der Leiter einer Tour aus Sicht der Justiz keine erhöhten Risiken eingehen.»

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