Hintergrund

Wie die Kontaktbörse über den Wolken bei den Kunden ankommt

Keine Langeweile mehr beim Fliegen: Bei KLM kann man seit einigen Monaten via «Social Seating» den Sitznachbarn via Facebook auswählen. Wie laufen solche Services? Erste Erfahrungsberichte.

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Eingeklemmt zwischen Leuten, die einem aus irgendwelchen Gründen nicht passen, und das viele Stunden lang: Da wünscht man sich manchmal, sich seine Sitznachbarn im Flugzeug selber aussuchen zu können. Das ist bei der niederländischen KLM nun seit Februar möglich mit dem Angebot «Meet & Seat». Via soziale Medien à la Facebook kann man auswählen, neben wem man während des Flugs sitzen wird (wir berichteten). Nun zeigen erste Erfahrungen, wie der Service bei den Kunden ankommt.

Bei KLM können Passagiere ihre Buchungen 90 Tage bis 48 Stunden vor Abflug mit ihrem Profil von Facebook oder Linkedin verbinden. Im Sitzplan sind die Profildaten anderer Passagiere sichtbar sowie welchen Sitzplatz sie ausgewählt haben. So kann man zum Beispiel einen Platz neben einer Person mit ähnlichen Interessen auswählen. «Meet & Seat» ist laut der Website der Airline für alle KLM-Interkontinentalflüge ab und nach Amsterdam verfügbar. «Wir arbeiten daran, diesen Service bald auf viel mehr KLM-Flügen anbieten zu können», heisst es weiter.

Der neue Service von KLM sei erfolgreich angelaufen, wird KLM-Geschäftsführer Erik Varwijk jüngst im «Blick am Abend» zitiert. Das Angebot werde vor allem von Geschäftsreisenden genutzt. Zum Beispiel vernetzten sich Leute, die zum selben Kongress unterwegs seien. So könnten sie sich etwa auf einen Kaffee vor dem Flug verabreden oder zusammen im Taxi zur Veranstaltung fahren.

Vier Männer für den Flug «gecastet»

Das Social Seating getestet hat die «Zeit»-Redaktorin Christine Dohler für ihren Flug nach San Francisco. In ihrem Erfahrungsbericht schreibt sie, dass sie bei der Online-Buchung den Extrabutton «Meet & Seat» angeklickt und sich bei Facebook eingeloggt habe. Neben ihrem eigenen Facebook-Profilfoto erschienen auf der Sesselübersicht des Fliegers andere Profilbilder.

Die Autorin schickte vier ausgewählten Männern eine Facebook-Nachricht, «um sie zu casten». Schliesslich hatte sie ihren Platz neben einem gewissen Nick aus San Francisco. Die Redaktorin und ihr Reisegenosse unterhielten sich angeregt: «Welche Prominenten hast du schon interviewt?», fragt Nick, und Christine möchte von ihm wissen, was man in San Francisco alles gesehen haben muss. Die Zeit verging wortwörtlich wie im Fluge.

Sitznachbarn automatisch statt manuell zuordnen

Auf dem Rückflug wollte sich die Autorin neben den Chinesen Ziyang setzen, der auf dem Weg an eine Snooker-Meisterschaft in England war. Leider habe er kurzfristig auf Businessclass umgebucht, schreibt sie. Trotzdem trafen sich die beiden am Flughafen auf einen Kaffee. Ziyang sagte zu ihr: «Es wäre super, wenn KLM ein Matching-Verfahren einführen würde: Der Computer könnte den Passagieren aufgrund ihrer Facebook-Daten automatisch einen passenden Nachbarn aussuchen.»

Genau das plant die lettische Air Baltic: Ende Juni startet ihr Service «Seat Buddy». Durch das Verlinken des Social-Media-Profils bei der Buchung ordnet die Airline-Datenbank dem Passagier automatisch einen «passenden» Sitznachbarn zu. Oder zumindest einen, den sie für passend hält aufgrund des Profils auf Facebook & Co. Je nachdem, worauf der Passagier aus ist, kann er zwischen vier Optionen wählen: in Ruhe arbeiten, Geschäftskontakte knüpfen, eine lockere Unterhaltung führen oder gänzlich ungestört reisen. Zudem kann der Nutzer selber wählen, welche Informationen seines Social-Media-Profils für andere sichtbar sind.

Sitznachbarn auch im Nachhinein aufspüren

Potenzial für neue Bekanntschaften gibt es auch am Flughafen. Die Wartezeit dort gestaltet sich besonders für allein reisende Passagiere oft langweilig. Wer Leute treffen möchte, die etwa zeitgleich am Flughafen unterwegs sind, kann sich auf Meetattheairport.com mit seinen Reisedaten wie Flughafen, Abflugzeit und Flugnummer eintragen. Dazu kommen Angaben wie Geschlecht, Alter, Beruf, Hobbys, Beziehungsstatus, bevorzugtes Geschlecht des Gegenübers – und die Dating-Absichten: Freundschaft, Partnerschaft, nichts Ernstes oder die Suche nach einem Reisepartner. Wer möchte, kann ein Foto von sich hochladen.

Wer sich im Flugzeug in jemanden verguckt und die Person aus den Augen verloren hat, kann eine Art Social Seating nach dem Flug in Anspruch nehmen: Seit Januar hilft die Website «We met on a plane» Leuten, die ihre Kontaktdaten nicht mit ihrem Sitznachbarn ausgetauscht haben, diesen aber wiederfinden möchten. Ein Australier, der seine Freundin im Flugzeug kennengelernt hatte, gründete die Website. In einem Interview mit der «Zeit» erklärte er, was ihn dazu bewogen hatte: «Es gibt wenige Orte, an denen man mit Fremden so gut ins Gespräch kommt wie im Flugzeug. Man verhält sich dort anders als am Boden, ist offener. Doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man danach häufig auseinandergeht und die komplette Lebensgeschichte des Sitznachbarn kennt, aber ansonsten nur seinen Vornamen. So kann man jemanden im Internet kaum wiederfinden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2012, 08:35 Uhr

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