Wieso die Sprayer Lissabon lieben

Weltweit werden Häuser und Wände mit Tags oder Graffitis verunstaltet. Statt auf Repression zu setzen, macht man in Portugals Hauptstadt Lissabon aus der Not eine Kunst – mit erstaunlichen Resultaten.

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Verschmierte Wände, verkritzelte Stromkästen, Verkehrsschilder oder Telefonzellen: Illegal angebrachte Tags und Graffitis sind in vielen Städten eine Plage. Während man vielerorts auf Repression setzt und ertappte Sprayer hart bestraft, hat die portugiesische Hauptstadt Lissabon vor mittlerweile vier Jahren einen anderen Weg eingeschlagen: Die Stadt hat den Kontakt zu den Sprayern gesucht.

Während zu Beginn nur einzelne Leinwände zur Verfügung gestellt wurden, findet man in Lissabon mittlerweile einen wahren Schatz von Strassenkunst. Über 200 Künstler – nicht nur Portugiesen – haben in den letzten vier Jahren legal Wände, Fassaden, Parkhäuser und Flaschencontainer bemalt und der Stadt so einen frischen Anstrich verliehen (siehe Bildstrecke).

Kunst statt Schmierereien

Der Kontrast der Graffitis zu den alten Fassaden und den Mosaik-Verzierungen an vielen Gebäuden scheint in Lissabon bei der breiten Masse Anerkennung zu finden. «Negative Rückmeldungen gibt es kaum. Viele Hausbesitzer stellen uns die Fassaden sogar freiwillig zur Verfügung», weiss Silvia Camara, die mithilft, die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Künstlern zu koordinieren.

Auch wenn Street Art für einige Bewohner der portugiesischen Hauptstadt noch immer die Verschandelung des kulturellen Erbes darstellt, hat ein Grossteil der Bevölkerung und der Politiker gelernt, zwischen bedeutungslosen Schmierereien und Kunst zu unterscheiden. Auch Touristiker und Galerien haben entdeckt, dass gute Strassenkunst ein Gewinn sein kann.

Nicht weniger, aber konzentrierter

Das Ziel der Projektverantwortlichen ist es aber nicht, die ganze Stadt mit Graffitis zu übermalen. Primär geht es darum, den Wildwuchs zu verhindern. Wenn ein Gebiet für legale Kunstwerke freigegeben wird, werden nämlich alle illegalen Kritzeleien in der näheren Umgebung radikal weggeputzt.

Sie könne zwar nicht mit Zahlen belegen, dass es in Lissabon nun weniger Graffitis gibt, das Ganze sei aber kontrollierter, sagt Silvia Camara. «Unter den Strassenkünstlern gibt es eine klare Hierarchie und die Werke der anderen werden meist respektiert. Gerade in Zonen die wir gesäubert haben, halten sich fast alle mit illegalen Kritzeleien zurück.»

Begrüsst wird die Zusammenarbeit auch von den Graffiti-Künstlern. Mehrere haben sich unter ihrem Pseudonym einen Namen gemacht und sind weltweit gefragt. Die Projektverantwortlichen geben zudem Künstlern aus der ganzen Welt die Gelegenheit, ihr Können zu präsentieren.

Entwicklungsland Schweiz

Einen weit schwereren Stand haben Graffiti-Künstler hierzulande. Die Schweiz gilt bei Sprayern als völliges Entwicklungsland. Orte, an denen sich legal sprayen lässt, sind rar. In Bern zum Beispiel gibt es keine einzige Betonwand, die man legal besprayen darf. In der Innenstadt sorgt der Verein Casablanca dafür, das Graffitis schnell wieder verschwinden (siehe Box).

Im Mai 2012 hat die Stadt Bern aber beim Jugendzentrum New Graffiti in der Nähe des Wylerbads 20 mobile Stellwände errichtet, die für junge Sprayerinnen und Sprayer zur Verfügung stehen. Seither wurde das Angebot sogar noch ausgebaut: «Wir bieten an drei Standorten in der Stadt insgesamt über 30 Stellwände an», weiss Alex Haller, Bereichsleiter Kinder- und Jugendförderung der Stadt Bern. In einer Arbeitsgruppe werden in Zusammenarbeit mit Jugendlichen und der offenen Jugendarbeit zudem laufend neue Standorte und Angebote geprüft.

Die Jugendförderung vermittelt

Für die legalen Möglichkeiten interessieren sich auch zahlreiche erfahrene Graffiti-Künstler. Obwohl seitens der Stadt kein regelmässiger Kontakt zu den erwachsenen Sprayern besteht, gibt es mehrere, die an Workshops ihr Wissen weitergeben, weiss Haller.

Das Angebot der legalen Spraywände geht auf eine Jugendmotion zurück, die bereits 2008 eingereicht wurde. Die Motion forderte Wände, auf denen sich Jugendliche künstlerisch und kreativ austoben können. Die Umsetzung hat so lange gedauert, weil die Suche nach geeigneten Wänden sehr schwierig war. Auch Haller selbst weiss nur von einem Fall, bei dem ein Hausbesitzer einen Künstler gesucht hat, der ihm eine Wand besprayt. «Falls eine Wand legal besprayt werden soll, vermitteln wir aber gerne», stellt Haller klar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2013, 13:56 Uhr

Weniger Graffitis in Bern

Um in der Stadt Bern für saubere Fassaden zu sorgen, haben die Behörden gemeinsam mit der Gebäudeversicherung des Kantons Bern (GVB), dem Hauseigentümerverband Bern und Umgebung und dem City-Verband Bern den Verein «Casablanca» Bern gegründet. Eine Kombination von Präventions-, Repressions- und Reinigungsaktionen soll gewährleisten, dass Sprayereien und Graffitis sollen möglichst innerhalb von 48 Stunden wieder entfernt werden.

Die Zahl der Graffitis und Schmierereien in der Stadt Bern ist seit mehreren Jahren rückläufig, weiss Lukas Manuel Herren von Hauseigentürmerverband Bern (HEV). Auch die Lage bei den Schulen habe sich verbessert, seit Sicherheitsleute patrouillieren.

Zu Sprayern hat Casablanca keinen Kontakt und es haben sich beim HEV auch noch keine Hausbesitzer gemeldet, die ihr Gebäude legal besprayen lassen möchten. «Ich kenne aber Fälle bei denen Hausbesitzer selbst den Kontakt zu Sprayern hergestellt haben.»

Hinweis

Die Reise nach Lissabon wurde von «Turismo de Lisboa» und der Fluggesellschaft TAP Portugal unterstützt. Die portugiesische Hauptstadt wird ab Zürich vier Mal täglich angeflogen.

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