Alpinismus

Wilde Klippen

Sie sind unglaublich steil, aber auch ein fabelhaftes Wandergebiet: Die Mythen ob Schwyz. Der Alpinist und Schriftsteller Emil Zopfi hat dem Gebiet, seiner Geschichte und seiner Wildheit ein Buch gewidmet.

Der Berg hat nichts von seiner Wildheit eingebüsst: Emil Zopfi im einfachen Klettergelände im Mythengebiet.

Der Berg hat nichts von seiner Wildheit eingebüsst: Emil Zopfi im einfachen Klettergelände im Mythengebiet. Bild: Marco Volken

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Die kaum getragenen blauen Bergschuhe wollen nicht so recht zu Emil Zopfi passen. Der Kletterer und Schriftsteller, der an diesem Frühherbsttag im Zug Richtung Einsiedeln sitzt, ist sonst in abgewetzten, geschmeidigen Kletterfinken unterwegs. Für sein jüngstes Projekt hat sich Zopfi das trendige Schuhmodell extra kaufen müssen, wie er auf der Zugfahrt nach Einsiedeln leicht verlegen erklärt.

Die Gipfel im Mythengebiet verlangen stabiles Schuhwerk. Es muss nicht allein im Fels taugen, sondern auch in Schutthalden und auf atemberaubend steilen Grashängen. Dort hat sich Zopfi in den letzten Monaten bewegt, und er ist in Archiven und am Schreibtisch gesessen. Statt einer neuen, schwierigen Kletterroute hat sich Zopfi eines Bergs angenommen, der eher Wanderer anzieht. Im Oktober erscheint im AS-Verlag sein Bildband über die Mythen.

Eine Laune der Alpenfaltung

Geologisch gesehen, handelt es sich bei den Mythen um «Klippen» aus 200 Millionen Jahre altem Jurakalk. Sie sind dank der Launen von Alpenfaltung und Erosion auf einer nur halb so alten, vergleichsweise weichen Flyschdecke zu liegen gekommen. Die geologische Entstehungsgeschichte erklärt, warum der Grosse und der Kleine Mythen und der Haggenspitz so scharfkantig die sanfte Schwyzer Voralpenlandschaft beherrschen. Der in ihrem Schatten aufgewachsene Schweizer Nationaldichter Meinrad Inglin hatte sie «Menschliche Sinne und Zweck starr überragende Felsgebilde» genannt.

Schroff erheben sich die Mythen auch über dem Weiler Brunni, wohin uns das Postauto von Einsiedeln aus gebracht hat. Der Gipfel des Grossen Mythen wirkt noch abweisender als sonst: Das nasskalte Wetter der letzten Tage hat den Hängen über 1800 Meter Schnee gebracht. Die Felsen sind eisig überzuckert. Zopfi ändert kurzerhand das Programm. Wir nehmen nicht die Seilbahn zur Holzegg, wo wir von der normalen Wanderroute aus über den abschüssigen Schafweg und das leicht kletterbare Rotgrätli zu Kaffee und einem Nussgipfel in der Mythenhütte auf 1898 Metern wandern wollten. Stattdessen machen wir uns zu Fuss auf zur Alp Zwüschet Mythen. Das Ziel ist der 87 Meter kleinere Kleine Mythen.

Bestiegen wurden die Mythen schon vor langer Zeit, von Wildheuern und Hirten. Zahlreiche warnende Sagen bezeugen aber, wie gross die (berechtigte) Angst vor Wetterumschlägen und Abstürzen war. Zum Vergnügen kletterte niemand da hinauf. Im Zeitalter der Aufklärung begannen Naturforscher die Alpengipfel zu besteigen. 1786 wurde der Montblanc erstmals bezwungen, 1811 die Jungfrau. Die erste touristische Schilderung einer Mythenbesteigung 1817 stammt vom späteren Zürcher Regierungsrat Hans Caspar Hirzel-Escher. Er wurde von einem «jungen, starken Älpler» auf das «kahle Felshorn» geführt. Hirzel wollte mehrfach umkehren, aber sein Führer liess das nicht zu. Schliesslich konnte Hirzel die Aussicht rühmen, «die in einigen Beziehungen noch diejenige des Rigikulm übertrifft».

30'000 Gipfelstürmer pro Jahr

Clevere Geschäftsleute aus Schwyz begannen zu ahnen, dass eine touristische Erschliessung des Grossen Mythen gewinnbringend sein könnte. Sie gründeten eine Aktiengesellschaft, die bald die 3500 Franken zusammenbrachte, um einen Weg zu bauen. 1864 war der Weg erstellt, und die Mythen-Promotoren der Gesellschaft sorgten dafür, dass er in Reisebüchern auch bekannt wurde.

Geschickt nutzten sie drei Jahre später das Eidgenössische Schützenfest mit Tausenden von Teilnehmern. Auf das Ereignis hin liessen sie ein Werbebüchlein drucken mit einem Panorama des bekannten Geologieprofessors Albert Heim. Der Weg eröffnet auch Nichtalpinisten das Gipfelglück am Mythen, der deshalb in einem marktschreierischen Vergleich als «Matterhorn der Wanderer» bezeichnet wird. Gegen 30'000 Personen gelangen über den Weg heute jedes Jahr auf den Gipfel.

Die Mythen haben dennoch kaum etwas von ihrer Wildheit verloren. Aus diesem Grund bleibt auch ein Kletterer wie Emil Zopfi von ihnen fasziniert. Etwas oberhalb der Alp Zwüschet Mythen zweigen Wegspuren Richtung Kleiner Mythen ab. Zopfi kommt auf feinem Kies und dem Gras flott voran, plaudert mit zwei Kletterern, die über die Glätti-Wand zum Fuss der Mythentürme abseilen. Peter und Paul heissen die bekanntesten Kletterfelsen. Legendär ist der Übergang zwischen den beiden, der nur mit einem Mut erfordernden, unmöglich scheinenden Spreizschritt zu machen ist.

«Die Türme stehen auf dem weichen Flyschgestein», erzählt Zopfi beim Weitergehen. «Sie rutschen langsam ab.» Wir erreichen den mit einer Plakette markierten Vorgipfel auf 1763 Metern. Hier beginnt die luftige Kletterei über den Südgrat. Auch Zopfi muss den Weg hier suchen, kehrt mitunter mal kurz um und sucht eine bessere Variante.

«Matterhorn der Wanderer»

Eben: An den Mythen ist nicht alles erschlossen, gepfadet, markiert. Nicht einmal ein GPS wäre hier eine Hilfe, wenn man den Weg über einen Grat sucht, der nicht erkennen lässt, ob ein Turm besser links oder rechts umklettert wird. Da ist Gespür gefragt, etwas Mut und Vertrauen, dass es dann schon gut kommt. Dann und wann tauchen auch Haken auf oder eine rostige Kette, um sich festzuhalten. Schliesslich erreichen wir den höchsten Punkt, wo feist glänzend ein Aluminiumkreuz steht. «Das ist neu», sagt Zopfi. Es stand noch nicht, als er für das Buch die Überschreitung aller Mythengipfel wagte, dabei auch den «Affengarten» am Grossen Mythen durchstieg, sich mit beiden Händen an Wurzeln und Gras hochziehend.

Zopfi trägt uns im Gipfelbuch ein und legt auch zwei, drei Flyer für die Buchvernissage in das schützende Buchbehältnis. Dann geht es zurück über den Grat und hurtig bergab auf dem Wanderweg nach Schwyz. In der Confiserie Haug, einer Schwyzer Institution, gönnen wir uns Schwarzwäldertorte und Kaffee. Der Blick geht zurück auf den Kleinen Mythen, wo das neue Gipfelkreuz glänzt, das im Buch noch nicht vorkommt. «Der Band ist noch nicht einmal erschienen», sagt Emil Zopfi, «und schon ist er nicht mehr ganz aktuell.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2012, 13:38 Uhr

(Bild: TA-Grafik san)

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