«Willst du keine Nackten sehen …»

Auf dem ersten Nacktwanderweg in Deutschland hat die Saison mit reger Beteiligung begonnen. Ein Paradies für Nudisten? Vor Ort gab es bereits Probleme – und auch in der Schweiz ist die Reaktion zwiespältig.

Am liebsten in der Einsamkeit unterwegs: Zwei Nacktwanderer im vergangenen Mai am San-Bernardino-Pass.

Am liebsten in der Einsamkeit unterwegs: Zwei Nacktwanderer im vergangenen Mai am San-Bernardino-Pass.

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Gross war die Begeisterung in Dankerode im Harz, südlich von Magdeburg, als «Deutschlands erster Nacktwanderweg» am 29. Mai 2010 eröffnet wurde – nicht nur unter den Menschen, die gerne hüllenlos die Wälder durchstreifen, sondern auch unter den Initianten. Ortsbürgermeisterin Monika Rauhut freute sich in einem Filmbeitrag über die «neueste Attraktion hier bei uns im schönen Wippertal» und ein örtlicher Campingplatzbetreiber, der die Idee umgesetzt hatte, äusserte seine Hoffnung auf mehr zahlende Gäste.

Tatsächlich wird das Angebot rege wahrgenommen. Wäre ein eigener Wanderweg vielleicht auch für die Schweiz, wo das Nacktwandern bald das Bundesgericht beschäftigen wird, eine Lösung? Der «inoffizielle Sprecher» der Freunde des hüllenlosen Vergnügens, der sich von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nur unter dem Pseudonym Puistola Grottenpösch* zitieren lässt, sieht Vor- und Nachteile. So ein Weg sei sicher eine Möglichkeit für Zeitgenossen, einmal die «körperliche Freiheit» des Nacktwanderns auszuprobieren, die «durchaus beglückend ist».

Eine Toleranz-Zone oder ein «Ghetto»?

Die «Warnschilder» am Wegesrand mit dem Text «Willst du keine Nackten sehen, darfst du hier nicht weitergehen!» wecken bei Grottenpösch allerdings Unbehagen: «Man geht damit davon aus, dass das etwas Schreckliches ist», sagt der Nacktwanderer, der auch am Rechtsstreit um einen Herisauer Gesinnungsgenossen in Appenzell-Ausserrhoden in der ersten Instanz aktiv teilnahm. «Ich würde da wahrscheinlich auch mal entlanggehen», so Grottenpösch. Doch mit einem «Ghetto» für Nacktwanderer sei er nicht einverstanden – zumal manche Leute dann glauben könnten, «dass anderswo so etwas wie eine Kleidungspflicht besteht».

Im ersten Jahr des Betriebs hat der deutsche Wanderweg, der zunächst als «Paradies» für Nacktwanderer gefeiert wurde, zwar nicht die Gerichte beschäftigt – aber vor Ort durchaus für rote Köpfe gesorgt. Der findige Campingplatz-Betreiber möchte in der Presse heute nicht mehr namentlich erwähnt werden, erzählt der deutsche Nacktwanderer Horst K.*, der die Webseite Nacktwandern.de betreibt und die Entstehung des Weges mitverfolgt hat.

Abgrenzungsprobleme mit Feriengästen

Vor allem aber bittet der Erfinder die Nacktwanderer ausdrücklich darum, seinen Campingplatz «grossräumig zu umgehen». Der FKK-Weg konnte sich demnach wohl nicht in die familienfreundliche Ferienumgebung einfügen. «Es gab ein paar Probleme», bestätigt Horst K., «aber die wurden dann ausgeräumt und nun passt es für beide Seiten.» Der Wunsch nach einem konfliktfreien Umgang scheint im Harz also mittlerweile das Handeln zu bestimmen.

Äusserungen des Präsidenten des deutschen Verbands für Freikörperkultur, für den Nacktwanderer «Neurotiker und Psychopathen» sind, will man jedenfalls nicht auf sich sitzen lassen – weder in Deutschland noch in der Schweiz. «Wir sind doch vorsichtig», erklärt Puistola Grottenpösch und erzählt von einer Wandertour nahe Toggenburg, bei der er kürzlich auf Menschen traf, die einen Feldgottesdienst feierten. Für solche Fälle hat er immer ein Tuch oder einen Schal dabei: «Dann binden wir uns schnell etwas um», sagt er, «und ersparen allen eine Konfrontation.»

* Die wirklichen Namen der Personen sind der Redaktion bekannt.

Erstellt: 03.06.2011, 16:02 Uhr

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