«Das möchte ich nicht mehr erleben»

In einem Monat startet Evelyne Binsack zu ihrem letzten Teil der Trilogie: Nach Erreichen des höchsten und des südlichsten Punktes der Erde wird sie am 21. Mai zum Nordpol aufbrechen.

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Sie sind gerade mit 15 Höhenmetern pro Minute vom Steingletscher auf die Fünffingerstöcke gesprintet. Sie scheinen für die Reise zum Nordpol fit zu sein.
Evelyne Binsack: Nicht wirklich. Nach einer Magenvergiftung, die ich mir vor einem Monat in Nepal geholt habe, kuriere ich momentan gerade eine grobe Erkältung aus. Das ­Velo, mit welchem ich zu Beginn meiner Reise zum Nordkap radeln will, steht auch noch weitgehend ungetestet vor der Haustür, und auch sonst bin ich in Sachen Planung ziemlich im Verzug.

Ihr Vortrag über die letzte Reise zum Mount Everest handelt von der Willenskraft. Wie sieht es bei Ihnen einen Monat vor dem neuen Abenteuer diesbezüglich aus?
Sicher bin ich nicht mehr bereit, derart an meine psychischen und physischen Grenzen zu gehen wie bei meiner Antarktis-Expedition vor neun Jahren. Wenn ich daran zurückdenke, frage ich mich heute: «Läck, wie hast du das damals geschafft?» Auch in Bezug auf die finanzielle Belastung werde ich diesmal freier und ohne Leistungs- und Erwartungsdruck von aussen unterwegs sein können, da ich die Kosten auch dank einiger treuer Sponsoren selber stemmen kann.

Wieso sind Sie von Ihrer ursprünglichen Absicht, den Nordpol vom russischen Kontinent aus anzugehen, abgekommen?
Genau. Einerseits wäre dies viel teurer gewesen, andererseits aber auch extrem gefährlich; dazu fehlt mir ganz einfach die Erfahrung im Polarkreis. Und das Drama, welchem unser Beatenberger Polarexperte Thomas Ulrich vor zehn Jahren nur knapp lebend entkommen ist, möchte ich mir ersparen.

Wenn wir auf der Landkarte Ihr Vorhaben genauer studieren, sehen wir, dass die Route an und für sich keine rekordverdächtigen Elemente aufweist. Was bezwecken Sie mit dieser Expedition?
Es ist auch nicht meine Absicht, irgendeinen Rekord zu brechen. Ich will auf der Reise zum Nordkap einfach drei schöne und unbeschwerte Monate auf dem Velo verbringen, dann an der Ostküste von Grönland einiges Filmmaterial über die dort lebenden Inuit sammeln und anschliessend über das 600 Kilometer breite Hochplateau an die Westküste traversieren. Die dort lebenden Menschen, für die es so etwas wie Besitzanspruch oder gar Konkurrenz nicht gibt, interessieren mich. Sie stehen im Vordergrund. Dafür will ich mir sehr viel Zeit nehmen. Was im Detail alles auf mich zukommt, davon habe ich keine Ahnung. Ich lasse es einfach auf mich zukommen und bin gespannt, was daraus wird. Der zweite Teil der Expedition im Frühjahr 2017 ist dann wegen Stürmen und Whiteout am schwierigsten.

Sie kehren ja Ende September aus Grönland zurück, werden Weihnachten zu Hause in Meiringen verbringen und erst im Februar auf Spitzbergen ihre Expedition fortsetzen. Wieso das?
Weil die Traversierung von Spitzbergen nicht eher möglich ist. Vorher ist das Eis zu schwach – viel zu gefährlich. Aus dem selben Grund werde ich auch von der Ostküste Spitzbergens dann per Flugzeug bis zur russischen Polarstation Barneo fliegen. Erst die letzten hundert Kilometer zum Nordpol werde ich dann wieder zu Fuss in Angriff nehmen. Die Gefahren, die von Kälte, Sturm und Eisbären ausgehen, sind auch so noch gross genug.

Immerhin werden Sie in Skandinavien und Grönland weniger mit gesellschaftlichen Gefahren konfrontiert sein als damals auf dem Weg zur Antarktis . . .
Was ich dort durchmachte, möchte ich nicht mehr erleben. In Nicaragua brauchte ich zeitweise sogar eine Polizeieskorte. In zentralamerikanischen Ländern wie Peru oder Mexiko bist du als allein reisende blonde Frau für viele Männer einfach Freiwild. Die grösste Gefahr wird diesmal indes nicht von Menschen ausgehen; vielmehr von Eisbären und instabilen Eisflächen. Das ist eine völlig andere Herausforderung als damals.

Zurück zum Rekorddenken: Sie waren die erste Schweizerin auf dem Mount Everest, durchstiegen die Eigernordwand solo und reisten in 484 Tagen zum Südpol. Von der Öffentlichkeit werden Sie somit als verbissener Wettkampftyp wahrgenommen.
Dieses Bild von mir haben sich die Medien selber ausgemalt. Hier wird einfach übertriebener Ehrgeiz und Egoismus mit Selbst­disziplin verwechselt. Letztere ist für mich wichtig. Ich bin immer wieder neugierig, was in mir passiert, wenn ich mich in eine Situation begebe wie beispielsweise den Gasherbrum II, wo ich dann mit gesundheitlichen Beschwerden aufgeben musste. Oder auch das Ausbildungsjahr zur Filmemacherin vor vier Jahren in Los Angeles war so eine Herausforderung, die mit Wettkampfdenken nicht das Geringste zu tun hatte, sondern eine reine Frage der Willenskraft und der Selbstdisziplin war.

Erstellt: 21.04.2016, 09:37 Uhr

Support für «Lulu»

Nach dem verheerenden Erd­beben im Grossraum Kathmandu vom 25.?April 2015 engagierte sich Evelyne Binsack aktiv für die Direkthilfe der dortigen Bevölkerung. So stand sie Hilfswerken und -personen als Informantin zur Verfügung und reiste mehrmals nach Nepal. Ihre Unterstützung gilt dem kleinen Dorf Thame nordöstlich von Kathmandu in einem Seitental zum Everest-Basislager. Dort lernte Binsack letzten Herbst das 13-jährige Mädchen Lhamu kennen, das wie eine Mutter zu seinen zwei kleinen Geschwistern schaut. «Ich habe mich zu einem langjährigen Sponsoring für ‹Lulu› entschlossen, damit sie in Kathmandu eine Privatschule besuchen kann und Tür und Tor im Leben offen hat», sagt Binsack. Und so wird für Lhamu in den nächsten Tagen in Kathmandu ein neues Leben beginnen.

Nach Antarctica jetzt Arctica

Evelyne Binsack (48) ist Bergführerin, Buchautorin, ausgebildete Helikopterpilotin und lebt in ihrem Chalet auf dem Kirchet in Meiringen. Sie durchstieg diverse Nordostwände im Alleingang. 1991 erwarb sie das Bergführerdiplom. 1993 bestieg sie in Pakistan neun Sechstausender und durchstieg die Eigernordwand im Alleingang. 1999 war die gebürtige Nidwaldnerin zurück am Eiger, diesmal als einer von vier Protagonisten anlässlich der 30-stündigen Livesendung «Eiger Live» des Schweizer Fernsehens.

2001 stand Binsack als erste Schweizerin auf dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest (8848 m). 2007 gelangte sie bei ihrer Expedition Antarctica in 484 Tagen über 25'000 Kilometer auf dem Fahrrad und zu Fuss von zu Hause an den Südpol. 2010 musste sie einen Besteigungsversuch am Gasherbrum I (8035 m) wegen gesundheitlicher Probleme abbrechen. 2011 brach sich Binsack bei einem Schaukletter-Wettbewerb in Graubünden durch einen Sturz aus vier Metern einen Halswirbel, dies durch falsche Handhabung der Seilsicherung durch eine unerfahrene Sicherungsperson.

Das Jahr 2012 verbrachte Binsack in Los Angeles, wo sie eine Filmemacherschule absolvierte. Vor drei Jahren kehrte sie ins Basislager am Mount Everest zurück, um einen Dokumentarfilm über Willenskraft von Alpinisten zu drehen. Schliesslich wurde dies eine Geschichte über den eigenen Überlebenswillen, indem sie auf einer Akklimatisationstour über den berüchtigten Khumbugletscher in eine Eislawine geriet, nur knapp überlebte und am Nuptse (7861 m) einen Freund verlor.

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