Drei Tage auf dem drittlängsten Fluss der Welt

Eine Flusskreuzfahrt auf dem Jangtse führt direkt in die Ambivalenzen des heutigen Chinas. Es gibt romantische Landschaften und nervöse Metropolen, Feuertopf und Karaoke und zuletzt ein Disneyland der Unterwelt.

Bei dunstigem Wetter zeigt sich der Jangtse von seiner mystischen Seite. Foto: hapa7 (Fotolia)

Bei dunstigem Wetter zeigt sich der Jangtse von seiner mystischen Seite. Foto: hapa7 (Fotolia)

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Der Jangtse erzählt viele Geschichten. Geschichten von untergegangenen Reichen und Kulturen, von Drachen und Geistern, Flutkatastrophen und Naturspektakeln, von rasendem wirtschaftlichem Fortschritt und menschlichem Machbarkeitswahn. Der drittlängste Fluss der Welt berührt mythische Orte, wildromantische Landschaften, triste Industrieanlagen, fruchtbare Ebenen und nervöse Metropolen. Vor allem die drei Schluchten haben den Jangtse berühmt gemacht.

«Jeder Chinese sollte den Jangtse gesehen haben», sagt eine chinesische Rentnerin, die vor dreissig Jahren nach Australien ausgewandert war. Im Gespräch bittet sie um ein gemeinsames Foto mit der Langnase aus Europa. Das Selfie ist gemacht, die Frau lächelt und widmet sich nun den vorbeiziehenden Landschaften.

Wir befinden uns auf dem Kreuzfahrtschiff Century Sky, das in den kommenden drei Tagen unser schwimmendes Grandhotel sein wird. Die Jangtse-Reise beginnt in Yichang, einer wenig einladenden 4-Millionen-Stadt, die fast 1000 Kilometer westlich von Shanghai liegt. Die Startetappe führt durch ein himmelhohes Felsentor in die erste der drei Schluchten, die 66 Kilometer lange Xiling-Schlucht. Sie war einst wegen gefährlicher Strömungen und bedrohlicher Felsen bei Schifffahrern gefürchtet. Die Century Sky bahnt sich gemächlich den Weg durch die Fluten. Das Schiff passiert kleine Ufersiedlungen mit grauen Wohnbauten. Da und dort grüssen von bewaldeten Hängen einsame Häuser. Weil Dunstschleier über der Landschaft liegen, sind die Berge nur als Umrisse erkennbar. In solchen Momenten verbreitet der Jangtse eine mystische Atmosphäre.

Geheimnisvolle Stille begleitet die Fahrt in Richtung des einst umstrittenen, gigantischen 3-Schluchten-Staudamms. Gelegentlich kommen aus der Gegenrichtung andere Passagierschiffe, manchmal auch Frachter mit Kiesbergen und Autokolonnen an Bord. Nur vereinzelt fahren Fischerkähne vorbei, auf dem mächtigen Strom sehen sie aus wie Winzlinge.

Schweizer Volkslieder

Die Century Sky bietet das volle Programm an Bord: Kleider- und Souvenirläden, Schönheits- und Massagesalons, Jacuzzi, Fitnessstudio, Tai-Chi-Kurse und Spiele wie Mahjong. Im Restaurant werden chinesische Spezialitäten serviert, in vorzüglicher Qualität und im Überfluss. Trotzdem drängen sich am Buffet manche Chinesen mit Körpereinsatz nach vorne, während die Ausländer artig anstehen. Im Unterhaltungsprogramm zeigen Köche, wie ein «Chongqing Feuertopf» zubereitet wird. In der Fleischbrühe schwimmen rote Chilischoten. Das Gericht schmeckt noch schärfer, als es aussieht. Wer es probiert, ist begeistert, kommt aber ins Schwitzen.

Geschäftstüchtige Animateure führen Mode vor, um das Publikum anschliessend in Verkaufsgespräche zu verwickeln. Vor allem Seidenware findet Abnehmer. Beliebt sind auch Tanzvorführungen oder folkloristische Konzerte. Und natürlich darf das bei den Chinesen äusserst beliebte Karaoke nicht fehlen. Wenn die gut gelaunte Schweizer Touristengruppe an Bord Volkslieder aus der Heimat vorträgt, reagieren die Chinesen mit Begeisterung.

In Sandouping geht es erstmals an Land, die Ruhe weicht Hektik und Lärm. Es beginnt der Aufstieg zur Aussichtsplattform Tanzi Ling. Zunächst passieren die Touristen eine Marktstrasse mit aufdringlichen Verkäufern und fahren dann im Bus den Hügel hinauf zur Sicherheitskontrolle. Nach der Ankunft auf dem Tanzi-Ling-Hügel offenbaren sich die Dimensionen des 2009 fertig gebauten 3-Schluchten-Damms mit Wasserkraftwerk und Schiffsschleusen. Die Zahlen sind eindrücklich: Der Staudamm ist 185 Meter hoch, 2310 Meter lang und 300 Meter breit.

Zum besonderen Schauspiel wird die Fahrt durch die fünfstufige Schleuse. Die Century Sky steuert langsam in die erste Kammer, nachdem sich das riesige Eingangstor quietschend geöffnet hat. Schaukelt das Schiff in der Kammer, schliesst sich die Eingangspforte. Danach strömen Wassermassen in das mächtige Geviert, sodass der Pegel steigt und das Schiff hochgehievt wird. An Deck fühlt es sich an wie die Fahrt in einem Lift, der sehr sanft nach oben steigt. Etwa 20 Meter Höhenunterschied sind nun geschafft. Das Schauspiel wiederholt sich noch viermal, die ganze Prozedur dauert drei Stunden.

1500 Dörfer verschwanden

Der Jangtse gleicht jetzt einem See. Ein friedlicher Stausee, der sich über 600 Kilometer erstreckt. Die in den 90er-Jahren von der Pekinger Führung angeordnete Zähmung des Jangtse hatte zur Folge, dass 13 grosse Städte, 1500 Dörfer und unzählige Kulturstätten in den Fluten verschwanden. Immerhin: Der landschaftliche Zauber ist nicht verflogen. Nach der Xiling-Schlucht fährt die Century Sky in vielen Windungen durch die 44 Kilometer lange Wu-Schlucht. An den Ufern ragen wilde, bewaldete Felsen bis zu 1200 Meter in die Höhe. Der bekannteste Gipfel ist der 921 Meter hohe Shennü Feng. Die chinesische Loreley beschützt aber im Gegensatz zum Pendant am deutschen Rhein die Schiffer, statt sie ins Unglück zu locken.

Die Qutang-Schlucht ist mit 8 Kilometer Länge die kürzeste der drei Schluchten und mit einer Breite von 100 bis 150 Metern auch die schmalste. Sie garantiert die eindrücklichste Szenerie, weil die Felswände steil aus dem Wasser ragen. Nach der faszinierenden Schluchtenwildnis wird der bräunliche Jangtse wieder zu einem breiten Fluss. Neue Städte und alte Baudenkmäler ziehen an der Century Sky vorbei. Einen Zwischenhalt machen wir in Fengdu, wo sich eine Geisterstadt auf dem Tempelberg Ming Shan ausbreitet. Dort oben, nach 620 Treppenstufen, steht ein buddhistisch-daoistisches Pantheon mit 75 Tempeln, das dem Höllenkönig Yan Wang gewidmet ist und von bunten Dämonen bewacht wird.

Zehn chinesische Höllen

Tausende Besucher strömen jeden Tag nach Fengdu. Der Rummel hat aus der 2000 Jahre alten Glaubensstätte eine Art Disneyland der Unterwelt gemacht. Den chinesischen Pilgern und westlichen Touristen wird mit gruseligen Plastiken und Bildern vor Augen geführt, was einem Sünder in den zehn chinesischen Höllen blüht. Immerhin lässt sich die Wiedergeburt aber ein Stück weit beeinflussen. Darum durchschreiten manche Chinesen bestimmte Tore und überqueren Brücken – voller Hoffnung auf ein gutes, neues Leben.


Chongqing
Eine Stadt, so gross wie Österreich

Im alten Viertel Ciqikou. Foto: Vincenzo Capodici

Ein guter Tag beginnt mit Tanzen oder Schattenboxen. Die Einwohner Chongqings pflegen ihre Rituale auf dem monumentalen Volksplatz. Morgens tanzen ältere Semester unter den Bäumen: Männer mit Frauen, Frauen mit Frauen. Auf der anderen Seite des Platzes sind die Schattenboxer am Werk. Rentner in Satinanzügen machen ihre Tai-Chi-Übungen. Langsam führen sie die Bewegungen aus – und lassen sich nicht stören von fotografierenden Touristen.

Wer Chongqing besucht, kommt um den Volksplatz nicht herum. Er ist beliebter Treffpunkt und repräsentatives Zentrum der Stadt – und auch Ort kommunistischer Machtdemonstration. An einem Ende steht die Volkshalle mit einem Dom, der dem Himmelstempel von Peking nachempfunden ist; am anderen befindet sich das 3-Schluchten-Museum mit archäologischen Funden.

Chongqing sei hässlich, behaupten Chinakenner. Gewiss, die Stadt ist weit entfernt von der kulturellen Ausstrahlung Pekings und der avantgardistischen Eleganz Shanghais. Aber sie beeindruckt allein schon wegen ihrer Grösse: 33 Millionen Menschen leben in der Metropole an der Mündung des Jialing in den Jangtse. Flächenmässig ist Chongqing so gross wie Österreich. Die Stadt gilt als Motor der Entwicklung Westchinas; Baustellen prägen das Bild, riesige Wohn- und Geschäftshäuser werden im Rekordtempo hochgezogen. 2025 soll Chongqing die Wirtschaftskraft von Hongkong erreichen.

Ein Dorf in der Megacity

Obwohl Chongqing für Chinareisende keine Topdestination ist, fehlt es nicht an Sehenswürdigkeiten. Etwa das Stadtviertel Ciqikou – ein Dorf in der Megacity, Erinnerungen an das alte Chongqing. Touristenscharen verstopfen die engen Gassen zwischen alten Wohnhäusern und traditionellen Läden. Im Angebot sind Stickereiprodukte und Porzellan, Seidenkleider und Spielzeug, süsse und scharfe Leckereien und vieles mehr. Ciqikou ist geruchsintensiv, anziehende und abstossende Düfte von Garküchen wabern durch die Gassen. Schuhputzer suchen hartnäckig ausländische Kundschaft. Ältere Frauen zeigen, wie sie Nudeln herstellen. Teehäuser erinnern an vergangene Zeiten. Ciqikou ist pralles Leben: Es ist chaotisch, bunt und laut.

Gemütlich ist es dagegen im Elingpark, einer am Hang gebauten Parkanlage mit verschiedenen Gartenbaustilen, Teehaus und Aussichtsplattform. Diese bietet einen eindrücklichen Blick auf das Häusermeer und den Jangtse. Im Park arbeitet seit Jahren ein Kalligrafiekünstler. Seine Spezialität: bunte Bilder, die er in fünf Minuten auf der Grundlage von Buchstaben gestaltet. Ein Bild des eigenen Namens kostet 50 Yuan, knapp 8 Franken. Ein gutes Geschäft für den Künstler – und für die Touristen eine einzigartige Erinnerung an Chongqing.


Die Reise wurde von Vögele Reisen unterstützt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2015, 04:56 Uhr

Jangtse-Kreuzfahrt

Tipps und Informationen

Anreise: Flug mit Swiss von Zürich nach Shanghai, Fahrt mit Hochgeschwindigkeitszug von Shanghai nach Yichang.

Kreuzfahrt: Flussfahrt von Yichang nach Chongqing, inkl. Landausflüge. Kreuzfahrten auch ab Chongqing nach Shanghai.

Reiseveranstalter: Rundreisen-Spezialist Vögele Reisen organisiert Jangtse-Kreuzfahrten im Rahmen von China-Touren mit Aufenthalten in Shanghai, Xian und Peking. Zwölf Tage ab 3160 Franken. Nächste Reisedaten: 27.September bis 8.Oktober 2015. Tel. 0800 835 800
www.voegele-reisen.ch/pauschalreisen/china-mit-yangtze-rundreise-und-flussfahrt
Ähnliche Angebote bieten auch andere Schweizer Reiseveranstalter.

Kreuzfahrtschiff: MVCentury Sky. Kreuzfahrtschiff mit 5-Stern-Standards. Sechs Passagierdecks. 153Kabinen für max. 306 Passagiere, jede Kabine mit eigenem Aussenbalkon. Shoppingangebot und Unterhaltungsprogramm.
www.yangtze-river-cruises.com

Beste Reisezeit: Apr./Mai und Sept./Okt.

Visum: Für die Reise nach China ist ein Visum erforderlich. Es kann vom Reiseveranstalter organisiert werden.

Allgemeine Informationen:
www.yangtze.com
www.travelchinaguide.com

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