Der Himalaja und die Schweizer Alpinistinnen

Im Himalaja gibt es 14 eigenständige Achttausendergipfel. Sie alle zu besteigen, ist eine Herausforderung, die bisher noch keine einzige Schweizerin gemeistert hat.

Die erste Frau auf dem Mount Everest war  Junko Tabei 1975. Die erste Schweizerin folgte erst 2001. Foto: Mountain Camera Archive

Die erste Frau auf dem Mount Everest war Junko Tabei 1975. Die erste Schweizerin folgte erst 2001. Foto: Mountain Camera Archive

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Die Höhenbergsteigerei war lange eine reine Männerdomäne. Erst mit dem Aufkommen der kommerziell organisierten Touren hat die Beteiligung von Frauen an Expeditionen zu den höchsten Bergen der Welt zugenommen. Nach wie vor allerdings sind Schweizer Alpinistinnen im Himalaja nur selten anzutreffen. Bis Ende des letzten Jahres gab es 533 ­erfolgreiche Gipfelbesteigungen von Schweizern, davon gehen gerade mal 61 auf das Konto einer Frau.

Die Anfänge des Frauenhöhenberg­steigens reichen zurück in eine Zeit, als Damen am Berg noch wenig Akzeptanz genossen, öffentlich als «Kuriosum», «Mannsweiber» oder «Zirkusrösser» galten und vom Schweizer Alpen-Club ausgeschlossen blieben. So wundert es wenig, dass 1959 die Absicht, in Frankreich eine reine Frauenexpedition zum Cho Oyu (8201 m) zu organisieren, in männlichen Bergkreisen belächelt wurde. Lucien Devies, allmächtiger Boss der Alpinisten in Frankreich, meinte kurz vor der Abfahrt zu einer Expeditionsteilnehmerin: «Wenn es euch gelingt, dann bestätigt sich meine Meinung, wonach der Cho Oyu ein Kuhberg ist!»

Expeditionsleiterin Claude Kogan erhielt von offizieller Seite fast keine Unterstützung und beklagte sich, aus sämtlichen Kreisen der Bergwelt sehr wenig Sympathien zu erhalten. Mit von der Partie in dieser zehnköpfigen internationalen Mannschaft war auch eine Schweizerin: Loulou Boulaz aus Genf. Sie war damit die erste Schweizerin überhaupt, die an einer Achttausenderexpedition teilnahm.

Der männliche Götterberg

Doch nicht nur fehlende Unterstützung in der Heimat verhinderte den Vormarsch der Frauen im Himalaja. Als im Mai 1979 die Engelbergerin Ruth Steinmann auf dem besten Weg zum Gipfel des 8516 Meter hohen Lhotse war, sabotierte ihr Sherpa den Gipfelangriff, indem er den Schlüssel zum Wechseln der Sauerstoffflaschen absichtlich nicht mitnahm. Da die Sherpas den Lhotse als männlichen Götterberg verehrten und dieser von keiner Frau bestiegen werden durfte, wollte er einen Gipfelerfolg verhindern. Steinmann stieg dennoch weiter bis auf 8250 Meter. Das Wetter hatte in der Zwischenzeit aber dramatisch umgeschlagen, und sie musste absteigen. Nie vorher hatte eine Schweizerin diese Höhe erreicht. Und ihr Rekord blieb denn auch 21 Jahre lang bestehen, ehe die Waadtländerin Marianne Chapuisat und die Walliserin Renate Schmid am Mount Everest eine Höhe von 8650 Metern erreichten.

25 Jahre nach der ersten erfolgreichen Besteigung eines Achttausenders 1950 durch die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal am Annapurna (8091 m) stand schliesslich erstmals eine Frau auf einem Achttausendergipfel. Der Japanerin Junko Tabei gelang am 16. Mai 1975 gleich die Besteigung des Mount Everest (8848 m). Der Letzte von Frauen unbestiegene Achttausender­gipfel, der Kangchendzönga (8586 m), wurde schliesslich am 18. Mai 1998 von der Engländerin Ginette Harrisson erobert.

Infografik: Schweizerinnen auf Achttausendern Grafik vergrössern

Wann gelang es der ersten Schweizerin, einen der Gipfel zu erklimmen? Die erste helvetische Bergsteigerin, die auf einem Achttausender stand, war Ursula Fuster-Huber aus Appenzell. Am 1. Mai 1988 erreichte sie die Spitze des Manaslu auf 8163 Metern über Meer. Dieser Erfolg gelang ihr bemerkenswerterweise gleich bei ihrer ersten Achttausender-Expedition: «Mein Ziel war es schon, auf dem Gipfel zu stehen und gesund zurückzukehren, aber unter Erfolgsdruck stand ich nie. Hätte es nicht geklappt, wäre es trotzdem eine super Erfahrung und ein tolles Erlebnis gewesen.»

Die von Toni Spirig geleitete Swiss Manaslu Expedition erreichte das Basislager in Sama am 3. April. Das Wetter war nicht gut. Mehrmals mussten sie ihre Vorstösse bei Lager 1 abbrechen. Erst am 30. April stieg Ursula Huber mit Beda Fuster und Richard Ott bis auf 7500 Meter, wo sie ohne Zelte biwakierten.

«Am Everest wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass stets der Berg das letzte Wort hat.»Evelyne Binsack, Pionierin

Um 5 Uhr startete das Trio zum Gipfelangriff. Um 13.20 Uhr standen sie auf dem Gipfel. Die Gruppe hatte viel Glück, denn eine Stunde später verschlechterte sich das Wetter. Der Abstieg erfolgte in Schneefall und Nebel. Um Mitternacht wurde das lebensrettende Materiallager auf 6500 Metern erreicht. Auch in den nachfolgenden Tagen besserte sich das Wetter nicht. Alle Versuche der zweiten Seilschaft, den Gipfel ebenfalls zu erreichen, scheiterten. «Die Männer haben sich mit mir über die gelungene Besteigung gefreut», erinnert sich Huber. «Für mich hat dieser Erfolg persönlich nichts geändert. Ich gehe noch immer mit derselben Motivation wie früher in die Berge. Um schöne Erfahrungen und gute Erlebnisse zu haben und nicht, um andern etwas zu beweisen!»

45 Jahre nachdem Ernst Schmied und Jürg Marmet als erste Schweizer und als zweite Bergsteiger überhaupt auf dem Everest gewesen waren, stand die Berner Oberländerin Evelyne Binsack am 23. Mai 2001 als erste Schweizerin auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt. Bereits mit 22 Jahren hatte sie die Eiger-Nordwand im Winter durchstiegen: «Den Traum, einmal auf dem Dach der Welt zu stehen, am Ort, auf dem die Götter thronen, hatte ich seit meiner Kindheit», sagt sie. «Menschlicher Durchhaltewille, Motivation und Ehrgeiz vermögen zwar einiges zu vollbringen. Aber während des Aufstiegs am Everest wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass stets der Berg das letzte Wort hat.» Dass ihr Traum Wirklichkeit geworden sei, vermittle ein grossartiges Gefühl. Es als erste Schweizer Alpinistin auf den Everest-Gipfel geschafft zu haben, sei Ehre und Geschenk zugleich, so Binsack.

Infografik: Wegweiser für die Everest-Besteigung Grafik vergrössern

Global betrachtet, haben bisher lediglich drei Alpinistinnen alle 14 Achttausender bestiegen. Als Letzter gelang dies der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner im August 2011. Mit je 5 Achttausendergipfeln sind die Bernerin Joëlle Brupbacher und die Walliserin Suzanne Hüsser die erfolgreichsten Schwei­zer Bergsteigerinnen. Brupbacher verstarb 2011 beim Abstieg vom Makalu (8463 m).

Noch nie gelang bisher einer Schweizerin die Besteigung des K2 (8611 m), des Kangchendzönga (8586 m), des Annapurna (8091 m) und des Broad-Peak-Hauptgipfels (8051 m). Die Freiburgerin Nicole Niquille kam 1985 am K2 bis 8200 Meter, die Genferin Alexia Zuberer gelang es 2011, am Kangchendzönga bis auf 8300 Meter zu kommen; Joëlle Brupbacher und Régine Tornay schliesslich kamen bis zum Vorgipfel des Broad Peak. Keine einzige Schweizerin hat sich jedoch bisher an den Annapurna gewagt.

Willy Blaser ist Reise- und Alpinjournalist. Von ihm erschienen: «CH-8000 – Liste der Schweizer Bergsteiger, welche einen 8000er bestiegen haben» sowie «Basecamp – Erlebnisse eines mittelmässigen Trekkers». www.willyblaser.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2016, 06:57 Uhr

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