Entspannen, wo Flüchtlinge stranden

Kann man noch guten Gewissens Destinationen bereisen, wo Hunderte aus Kriegsgebieten ankommen? Ja, sagt André Lüthi von Globetrotter. Er sagt aber auch wie.

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Die Touristen kommen mit dicken Rollkoffern, die Flüchtlinge mit nichts als ihrem Leben. Sie kommen aus dem Mittleren Osten auf die griechische Insel Kos, die nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt liegt; viele sind seit Tagen ohne Essen unterwegs. Die lokalen Behörden sind mit der Situation überfordert. Ein altes Hotel dient als provisorische Unterkunft. Diese Situation vor Ort zeigte jüngst eine TV-Reportage. Berichten zufolge kamen auf den ägäischen Inseln seit Jahresbeginn über 40'000 Flüchtlinge an, sechsmal so viele wie im Vorjahr.

«Man fühlt sich einfach nicht gut. Es nimmt einem ein bisschen das Urlaubsgefühl», sagt eine Britin in einem Beitrag von «10 vor 10». Und ein deutscher Tourist fügt hinzu: «Wenn man so was sieht, ist es traurig und schade.» Die Flüchtlingsproblematik in Griechenland verschärft sich umso mehr, weil das Land selber stark auf den Tourismus angewiesen ist und ums Überleben kämpft.

Auch andere Mittelmeerdestinationen wie die Türkei, Zypern, Spanien und Italien haben gebietsweise mit Flüchtlingsströmen zu kämpfen, derweil die Sommerferiensaison gerade begonnen hat. Soll man nun in die betroffenen Regionen reisen? Aber wie soll man sich verhalten, wenn man auf Flüchtlinge trifft? Oder aber, wenn man die Orte meidet, nimmt man in Kauf, dass ihnen wichtige Tourismuseinnahmen entgehen.

Mit den Flüchtlingen reden

Laut André Lüthi, dem weitgereisten Verwaltungsratspräsidenten von Globetrotter Reisen, soll man nicht wegen Flüchtlings- und anderen Katastrophen Reisen in die betroffenen Gebiete vermeiden. «In solchen Zeiten sind viele Länder erst recht auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen.»

Ein Land zu bereisen, in dem viele Flüchtlinge stranden, sei nicht unbedingt Katastrophentourismus, sagt Lüthi, der etwa auf Reisen in Indien, Kenia oder Südkorea mit Flüchtlingen in Kontakt kam. Es komme darauf an, wie man sich als Reisender verhalte: «Zum einen ist es wichtig, gut vorbereitet und mit den lokalen Gegebenheiten informiert anzureisen. Auch der Reiseveranstalter könne behilflich sein, den Kunden über die lokale Situation aufzuklären.»

Zum anderen, so empfiehlt Lüthi, sollte man mit Respekt und Interesse, aber doch einer gewissen Zurückhaltung, an die Leute herantreten. Lüthi fragte etwa, warum sie hier seien oder wie es mit ihnen weitergehe. In etwa acht von zehn Fällen hätten die Flüchtlinge den Kontakt mit den Reisenden sehr geschätzt, so der Globetrotter-Präsident, und ergänzt: «Der Dialog tut beiden Seiten gut.» Er rät jedoch ab, bei allfälligem Betteln Geld zu geben. Man könne aber anbieten, jemandem Essen zu kaufen.

Wenige Anfragen bei Schweizer Reiseveranstaltern

Bei den drei grössten Reiseveranstaltern in der Schweiz – Kuoni, Hotelplan Suisse und TUI Suisse – ist es ruhig rund um das Thema Flüchtlingsproblematik an Tourismusorten. «Bevor es von den Medien aufgegriffen wurde, hatten wir keine einzige Anfrage von gebuchten Gästen vor Ort oder von Kunden mit bevorstehender Abreise», sagt TUI-Sprecher Roland Schmid auf Anfrage. Ende Mai und Anfang Juni hätten vor Ort vereinzelt Gäste, die sich für die Situation der Menschen interessierten, das Gespräch gesucht. «Die Kunden reagierten sehr verständnisvoll und zeigten sich betroffen», so Schmid. «Doch kein einziger Gast wollte deswegen vorzeitig nach Hause.»

Bei Kuoni gab es keine Anfragen oder Reiseannullierungen wegen der Flüchtlingsankünfte, wie Sprecher Peter Brun sagt. Diese seien zwar eine menschliche Tragödie, vor der man nicht die Augen verschliesse, doch die Kuoni-Kunden seien bisher nicht direkt davon betroffen. Die Mittelmeerhotels, in denen Kuoni-Kunden logieren, liegen laut Brun nicht an Stränden, an denen Flüchtlingsboote in den letzten Wochen strandeten. «Oft werden die Menschen schon auf offener See von den Küstenwachen aufgefangen, und auf den Inseln werden sie in den Ortszentren oder dann auf dem Festland betreut.»

Laut Hotelplan-Suisse-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir könne es zwar sein, dass Touristen bei einer Flüchtlingsankunft gerade ausserhalb ihrer Hotelanlagen eine Inselrundfahrt machten und dies mitbekämen. «Doch keiner unserer Kunden hat deswegen seine Ferien abgebrochen oder sich beschwert.»

Erstellt: 10.07.2015, 21:47 Uhr

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