Mogeln Skigebiete bei der Pistenlänge?

Freie Ski-Fahrt auf Hunderten Kilometern Länge: Wie kommen diese Zahlen zustande? Ein deutscher Journalist hatte nachgemessen.

Faktor 2 für breite Pisten: Gstaad Mountain Rides gibt für die Region St. Stephan–Zweisimmen–Saanenmöser–Schönried 105 Kilometer an, der Journalist Christoph Schrahe dagegen nur 57 Kilometer.

Faktor 2 für breite Pisten: Gstaad Mountain Rides gibt für die Region St. Stephan–Zweisimmen–Saanenmöser–Schönried 105 Kilometer an, der Journalist Christoph Schrahe dagegen nur 57 Kilometer. Bild: ksm-fotografie, Boltigen

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Die Skisaison ist angelaufen, die Skigebiete sind auf Winter eingestellt und locken auf ihren Websites mit vielen präparierten Pistenkilometern. Gstaad Mountain Rides mit 220 Kilometern, Adelboden-Lenk mit 210 und Meiringen-Hasliberg mit 60 Kilometern, um nur drei zu nennen.

Vor drei Jahren machte sich Christoph Schrahe, ein deutscher Kartograf und Journalist, daran, Pisten nachzumessen, und kam zum Schluss: Es wird gemogelt. Durch seine Enthüllungen liess er in der Folge auch in der Schweiz einige Skigebiete quasi über Nacht schrumpfen und strafte die Betreiber Lügen. Bis heute hat sich jedoch an den Kilometerangaben nicht viel geändert.

Mit dem Messrad

Adelboden-Lenk hat für ihr Kerngebiet (Silleren, Hahnenmoos, Tschenten, Metsch und Brühlberg) 100 Kilometer ausgewiesen. Schrahe hat nachgemessen, kam auf 98 Kilometer und teilte Adelboden-Lenk mit, dass er ihnen «korrekte Angaben betreffend Pistenlängen bescheinigen kann». Adelboden-Lenk wirbt im Tarifverbund mit 210 Kilometer präparierten Pisten und 71 Anlagen. Hat man die Zahlen frisiert, um mit Gstaad Mountain Rides mithalten zu können? «Nein», sagt Matthias Werren, Geschäftsführer Tarifverbund Adelboden-Lenk, «die 210 Kilometer beziehen sich auf alle Skigebiete, in denen das Ticket des Tarifverbunds gültig ist.»

Also nicht nur auf das Kerngebiet, sondern auf alle der Skiregion Adelboden-Lenk angeschlossenen Bergbahnen mit ihren Pisten. Dazu gehören Betelberg, Silleren-Chuenisbärgli, Engstligenalp, Elsigen-Metsch und Kandersteg. Sogar das Natur­schneegebiet Jaunpass gehört in den Tarifverbund. Zählt man alle Pisten dieser 71 Anlagen zusammen, kommt man auf 210 Kilometer. «An der Lenk sind unsere Mitarbeiter alle Pisten mit dem Messrad abgelaufen», erklärt Werren, «da kommen die genauen Messwerte her.»

In gesundem Rahmen

Für das Skigebiet Meiringen-Hasliberg gibt Schrahe eine Pistenlänge von 49 Kilometern an. Die Website verspricht aber 60 Kilometer. Liegt es nur an der Messmethode? Laut Simon Schmid, Leiter Marketing & Verkauf bei Meiringen-Hasliberg, sei schon vor Schrahes Studie ein Meiringer Vermessungsbüro mit dem Vermessen der Skipisten beauftragt worden. Dabei wurde eine Gesamtpistenlänge von 53,875 Kilometern ermittelt.

«Dazu kommen der Kidsparc und Skicross-Pisten», erklärt Schmid, «dann sind wir schon fast bei 58 Kilometern, die wir auf die angegebenen 60 Kilometer aufgerundet haben.» Damit liege man in einem Bereich, den man werbetechnisch aufrunden dürfe, ohne Gefahr zu laufen, seine Kunden anzulügen, hält Schmid fest.

Aus 57 mache 105 Kilometer

Bei den bisher genannten Beispielen ist klar: Da wird niemand hinters Licht geführt. Bei Gstaad Mountain Rides wird die Sache etwas schwieriger. Schrahe hat gemessen und kommt für das Gebiet St. Stephan, Zweisimmen, Saanenmöser und Schönried auf 57 Kilometer. Gstaad Mountain Rides gibt für dieselbe Region 105 Kilometer Pisten an. Also fast das Doppelte. Dazu Céline Défago, Leiterin Marketing & Verkauf bei Bergbahnen Destination Gstaad (BDG) AG: «Die Berechnung der Pistenkilometer wurde innerhalb der BDG überprüft. Unser Schneesportgebiet verwendet Daten aus GPS-Messungen. Wir wenden den internationalen Standard an.»

Demnach werden Pisten mit einer Breite von weniger als 30 Metern mit dem Faktor 1 gewichtet und Pisten mit einer Breite von über 30 Metern mit dem Faktor 2. Dies erklärt die Abweichungen zu Schrahes Ergebnissen, der die Pistenbreiten nicht berücksichtigt. Gemäss erneuter Überprüfung innerhalb der BDG und Rücksprache mit den Partnern von Gstaad Mountain Rides gäbe es 220 Pistenkilometer im Schneesportgebiet Gstaad Mountain Rides mit Télé Château-d’Œx, Glacier 3000, den Skiliften Lauenen und Gsteig, Wasserngrat 2000 und den BDG, fügt Céline Défago hinzu.

«Ausserdem werden mittels neuen Schneehöhenmess- und Flottenmanagementsystemen in sechs Pistenfahrzeugen und mittels neuer Pisten-Luftaufnahmen die Längen und Breiten der Pisten auf die nächste Saison nochmals verifiziert.» Bei Gstaad Mountain Rides kommt man also auf eine höhere Kilometerzahl, weil die Verantwortlichen die Breite der Piste mit verrechnen.

Fundierte Angaben

Christoph Schrahe erzählt auf Anfrage, wie seine Zahlen entstehen. Grundsätzlich bezögen sich seine Angaben auf optimale Verhältnisse. Also wenn sämtliche angebotenen Lifte offen und alle Pisten gut befahrbar seien. Er habe 450 Skigebiete in den Alpen selber mit einem GPS-Gerät vermessen. «Natürlich kann ich nicht jedes Jahr überall sein», gibt er zu, aber er bezöge noch andere Quellen für seine Berechnungen mit ein: Ausgangspunkt sei, was die Skigebiete selber in ihren Pistenplänen auswiesen, erklärt er.

Dazu Winterluftbilder, auf denen er genau sehen könne, wo die Pisten verlaufen, sowie Angaben der Kantone über die für Pisten genehmigten Flächen. Diese Daten seien verfügbar, sagt Schrahe, und räumt ein, dass es den Rahmen sprengen würde, wenn er die 450 Skigebiete noch einmal einzeln anginge.

Er informiere sich auf den jeweiligen Websites über neue Lifte oder Pisten. Deshalb erscheine sein Bericht erst relativ spät, nämlich Ende November oder Anfang Dezember, da er entsprechende Kommunikationen erst abwarten müsse. Und Schrahe gibt bei aller Genauigkeit und Verlässlichkeit seiner Angaben zu bedenken, dass «je grösser ein Skigebiet ist, desto schwieriger ist es, das Ganze genau darzustellen. Bei denen bin ich bedacht, zusätzliche Quellen zu finden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2016, 08:39 Uhr

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