Schreckliche Ferien

Keine Erholung, dafür ständig Streit und kein Geld: Erinnerungen an Ferien, die man besser vergessen hätte.

Kalte Dusche: Mädchen in einem nordkoreanischen Sommerlager. Foto: Wong Maye-E (Keystone)

Kalte Dusche: Mädchen in einem nordkoreanischen Sommerlager. Foto: Wong Maye-E (Keystone)

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Lost in PortugalVon Michèle Binswanger

Ich lag am Boden, die Bluse aufgeknöpft, über mir hing eine Handvoll Gesichter wie Monde. Ich wusste nicht, wo ich war, noch, wer ich war. Erst allmählich erinnerte ich mich. Ich hatte mit meinem Freund in einem asiatischen Restaurant zu Abend gegessen, als mir der Schweiss ausbrach und der Raum sich immer wilder zu drehen begann. Dann schwarz und ein Erwachen ohne Erinnerung. Ich war 16 und mein Freund, ein Portugiese, zeigte mir sein Heimatland.

Es waren keine guten Ferien, doch das gestand ich mir erst später ein. Ich war verzweifelt verliebt in diesen Freund, der mir immer von den schönen blonden Schwedinnen vorschwärmte. Eifersüchtig und unzufrieden mit mir, ass ich so wenig wie möglich und als Vegetarierin vor allem kein Fleisch. Doch in Portugal hatte man Ende der Achtziger wenig Verständnis für fleischlose Ernährung. Die Verwandten meines Freundes setzten alles daran, mich zur Umkehr zu bewegen und häuften trotz meiner Proteste jeden Abend Fleisch auf meinen Teller. Sie muss essen, sie ist viel zu dünn! Sie hatten recht, doch auch das begriff ich erst später.

Ich hatte keinen Plan, konnte mich mit niemandem unterhalten, ausser mit meinem Freund, und folgte ihm blind. Dann bekam ich eine Blasenentzündung und behandelte mich mit Kräutern, statt zum Arzt zu gehen. Vier Wochen lang litt ich, fiel immer mal wieder in Ohnmacht und wagte nicht, etwas dazu zu sagen. Immerhin habe ich etwas gelernt: Beteilige dich an der Planung. Nimm immer Medikamente mit. Und iss um Himmels willen, denn eine blonde Schwedin wirst du auch mit Untergewicht nie sein. Höchstens eine anämische Trulla mit Hang zu Ohnmachtsanfällen.

Unendlicher StreitVon Beat Metzler

Es gibt zwei Typen von Touristen: demütige und aufmüpfige. Die Demütigen wollen niemanden behelligen durch ihre Anwesenheit, in der Fremde suchen sie reibungslose Ruhe. Die Aufmüpfigen streben nach Gerechtigkeit, fordern Gleichbehandlung mit den Einheimischen. Dafür opfern sie viel Zeit und noch mehr Nerven.

Demütige erdulden die Zumutungen des Touristendaseins mit einem schuldbewussten Lächeln, während die Aufmüpfigen in jedem Einheimischen einen Betrüger wittern. Richtig unangenehm wird es, wenn Demütige und Aufmüpfige zusammen verreisen. Ob Trinkgeld, Feilschen, unhöfliche Touristenführer, schlechtes Essen – an jeder Kleinigkeit entzündet sich ein Streit, der mit der Notwendigkeit von Verdauungsstörungen auf einer Indienreise in einer Grundsatzdiskussion endet.

Die Aufmüpfigen werfen den Demütigen vor, sich ausnehmen zu lassen wie Trottel. Die Demütigen beschimpfen die Aufmüpfigen als kleinlich und geizig. Auch wenn der Taxifahrer das Dreifache des Normaltarifs verlange, für Schweizer mache das doch keinen Unterschied. Dieses Erdulden sei feig und arrogant, finden die Aufmüpfigen. Wer vom Gegenüber ernst genommen werden wolle, müsse sich wehren. Sonst komme man niemals auf die gleiche Ebene mit den Einheimischen. Naiv, entgegnen die Demütigen. Als westlicher Tourist mit vollem Konto und Rega-Rücknahmegarantie, bewege man sich immer schon in einer anderen Welt als bolivianische Strassenverkäufer.

Dank solchen Endlosdebatten ziehen die Ferien vorbei, ohne dass man viel von der Umgebung mitbekommt. Und die Einheimischen fragen sich: Streiten Europäer immer so viel?

Reise ins UnglückVon Jean-Martin Büttner

Es ist schwer genug, eine beschädigte Liebe zu reparieren, es ist noch schwieriger, es während den Ferien zu versuchen, es gerät zur Katastrophe, wenn man diese Ferien in Florida abhält. Wir hofften, flogen und landeten. Und lernten in den folgenden Wochen, es zu bereuen. Denn es machte uns schlimmer. Die Reise begann in der Erwartung von Gemeinsamkeit. Und verdüsterte sich zum Abschied unter dem Quälen der Sonne.

Schon die Destination erwies sich als Fehler. Wer den amerikanischen Süden etwas kennt, auch einen Drittweltstaat wie Mississippi, weiss um die Kombination von Hitze, Armut und Gastfreundschaft. In Florida wurde daraus Hitze, Alter und Reichtum. In keinem Gliedstaat der USA leben so viele Rentnerinnen und Rentner, viele sind hierhergezogen, um sonnig zu altern.

Man hat ihre Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft genauso stark wahrgenommen wie in Mississippi. Und doch, bei aller Naturschönheit entlang der Küsten, kam einem Florida vor wie ein falsches Paradies für Pensionäre, zusammengehalten von sechsspurigen Highways in leerer Landschaft, entlang von Motels, Supermärkten, Tankstellen, Fastfoodketten und Kirchen. Dazu der Eskapismus der Filmstudios von Orlando, die Art-déco-Kulisse von Miami Beach und dahinter eine von Gewalt und Drogen zerrissene Stadt.

Die letzte Enttäuschung war die grösste, sie geriet zur Metapher der ganzen Reise: Key West, südlichster Punkt Amerikas, wo Hemingway geschrieben und getrunken hatte. Eine Insel wie touristisches Assugrin. Grellbunt, vulgär. «I had seen nothing sacred, and the things that were glorious had no glory», schrieb Hemingway in «A Farewell to Arms», seinem Roman über Liebe und Krieg. Er entwarf ihn in Key West.

Höllisches WasserVon David Hesse

Ein grosser Nachteil des Reisens ist, dass man dabei nur selten zu Hause bleiben kann. Reisen sind beschwerlich. Die gängigsten Beschwerden der Touristen zielen weniger auf fremdländische Sitten oder zu scharf gewürztes Essen, sondern auf die dreimal verfluchte Kamelkutsche, die sie dorthin gebracht hat. «Duraki i dorogi», also Trottel und Verkehrswege, sind gemäss bewährter Volksweisheit die Geisseln Russlands. Nichts ist schrecklicher als die Fahrt im eiernden Überlandbus über eine guatemaltekische Passstrasse.

Oder doch: der Nachtflug aus dem jamaikanischen Montego Bay zurück nach Havanna, als der offensichtlich wahnsinnige Pilot versuchte, mit dem rechten Flugzeugflügel einen Schwertfisch aus der Gischt zu spiessen. Oder vielleicht auch der Einstieg ins Kleinflugzeug auf dem ramponierten Flughafen des Kaukasuskurorts Mineralnie Wody («Mineralwasser»), als eine Schar Hühner über die Startbahn gackerte.

Aber nein: Am ärgsten war die Fahrt nach Lerwick. Kurz nachdem die bugverstärkte Fähre den Hafen des schottischen Aberdeen verlassen hatte, nahm die Nordsee den Kahn in die Mangel. Es war Januar, das Schiff halb leer. Niemand, der nicht musste, wollte auf die Shetlandinseln.

Die ersten Brecher nahmen wir noch sportlich; ein fröhlicher Schotte ging Bier holen. Eine halbe Stunde später lag er bäuchlings auf dem Boden und hielt sich an einem im Boden verschraubten Tischbein fest. Die Bar hatte geschlossen, das Licht flackerte, und immer wieder warf sich die See wie ein wütendes Tier gegen die Hülle unseres Boots. Sturm und Fahrt dauerten die ganze Nacht. Selbst die Besatzung sah beim Ausstieg fertig aus. Shetland war dann nett. Doch geblieben ist das Meer davor.

Alles geklautVon Edgar Schuler

Der Wahnsinn begann damit, dass die Eltern uns zwei 16-Jährigen diese Ferienreise überhaupt erlaubten: mit dem Zug, allein, ohne Plan, einfach so weit das Interrail-Ticket reicht. Im Nachhinein bleibt nur Staunen über so viel Vertrauen in den naseweisen Nachwuchs. Anderseits: Was konnten sie schon dagegen haben? Den für uns nicht unbedeutenden Betrag, den ein Monat freie Fahrt vom Nordkap bis Marrakesch kostete, hatten wir dank einem öden Sommerjob bei Landis & Gyr zusammengespart. Und die Welt schien damals friedlicher, ungefährlicher zu sein als heute, auch für zwei halbe Kinder.

Der Preis des Tickets plus jugendliche Blauäugigkeit brachten es mit sich, dass wir möglichst weit fahren wollten. Damit fiel der eigentliche Sinn einer Reise dahin. Wir verbrachten kaum Zeit bei Sehenswürdigem, dafür Stunden und Stunden auf Bahnhöfen. Und natürlich in Zügen. Ich erinnere mich an eine endlos zuckelnde Fahrt durch eine kahl gebrannte spanische Tiefebene. Die Hitze war nur auszuhalten, weil wir uns in der offenen Waggontür aufs Trittbrett setzen konnten.

Die Fahrt endete abrupt in Rabat. In der marokkanischen Hauptstadt wurden unsere Rucksäcke gestohlen. Wir hatten sie in bodenloser Naivität in eine Ecke des Bahnhofs gestellt, um unbehindert irgendetwas erkunden zu können. Wir wussten uns nicht anders zu helfen, als auf dem schnellsten Weg in die Heimat zurückzufahren. Das bedeutete Interrail extrem: drei Tage und drei Nächte auf der Fähre, im Zug und auf Wartesaalbänken. Eine Erkenntnis aus diesem Wahnsinn ist mir geblieben. Ein Zug in Frankreich mit Fahrziel Vienne fährt nicht unbedingt über Zürich bis nach Wien. Leider.

Landquart, DDRVon Constantin Seibt

Wir waren jung, arbeiten im Journalismus und bemerkten eines Tages, seit Jahren nicht aus Zürich herausgekommen zu sein. Wir wollten in die Berge. Nur hatten wir keine Ahnung, wohin. Denn die Bergorte sahen überall gleich aus: Skilifte, Hotels und der Geruch nach Schnee, Pommes Frittes und Kindheit.

Sie überflog die Kleininserate und fragte: «Liegt Landquart in den Bergen?» Ich erinnerte mich, dass Landquart irgendwo hinter Chur lag und sagte: «Klar.» Am nächsten Morgen fuhren wir los. Zwei Dinge fielen uns auf: Das Zugticket war verblüffend günstig. Und Landquart lag vor Chur und nicht dahinter. Es lag in einer grauen Ebene, immerhin in Sichtweite der Berge. Sie bildeten am Horizont einen deprimierenden Kessel.

Das Hotel war ein Alternativhotel. Der überraschendeste Gegenstand im Zimmer war ein Bidet. Es war undicht und färbte den Filzboden in einem fast perfektem Oval dunkel. Sie beobachtete es lange und sagte: «Jetzt müssen wir tapfer sein.» Wir waren tapfer. Wir verliessen das Hotel, wild entschlossen, als Touristen Landquart anzusehen. Es regnete. Das erste Gebäude, das wir betraten, war eine dunkle, feuchte Kirche, wo wir ein Gebetsbuch klauten. «Wir werden es brauchen», sagte sie. Die zweite Sehenswürdigkeit war eine in Beton gegossene Shoppingmall. Im Untergeschoss gab es ein Café, wo mit Neon angeleuchtete Palmen alles taten, um Atmosphäre zu verbreiten. Ein Drittel der Geschäfte standen leer. Wir besichtigten den Coop, als hätten wir noch nie einen gesehen. Dann assen wir im Café den Hawaii-Teller. Dann brachen wir zur Stadttour auf.

Draussen regnete es stärker. Landquart war so zusammengewürfelt wie die Pressspanmöbel im Hotel. Drei oder vier Hochhäuser standen neben einem geduckten Bauernhof, dann folgten Einfamilienhäuser. Es roch nach Schrebergarten, Dünger und Vergeltung. Landquart sah aus wie eine Beweissammlung des jüngsten Gerichts gegen Architekten der Fünfziger- bis Siebzigerjahre. Abends assen wir dann im Alternativhotel und betranken uns mit Biowein. Irgendwann spielte jemand Gitarre.

Am nächsten Tag fuhren wir mit Trinken fort. Es regnete nicht mehr: Es schneite. In den Kneipen, die wir von Glas zu Glas wechselten, sassen Gesichter, die aussahen, als würden die Bewohner von Landquart seit Generationen in Atomkraftwerken arbeiten. Schliesslich waren wir betrunken genug, um den Spaziergang zu wagen. Immerhin waren wir wegen der Natur gekommen. Wir liefen durch den feuchten Schnee gegen Osten und trafen auf abgeerntete Felder und eine Autobahn. Wir wendeten uns gegen Norden und trafen auf eine weitere Autobahn. Auch im Westen warteten abgeerntete Felder und die Autobahn. Im Süden stoppte uns der Gleiskörper der SBB.

Am Sonntagmorgen schien die Sonne und beleuchtete die vergilbten Plakate des Elektrogeschäfts, auf denen Frauen mit Turmfrisur Staubsauger der Fünfzigerjahre anpriesen. Mit Sonne sah Landquart noch hässlicher aus. Wir überlegten, dass es das Richtige wäre, überall in Landquart grosse Plakate herauszuhängen mit den Slogans wie «Vorwärts zum Sozialismus» und «50. Parteitag der SED».

Immerhin hatten wir etwas entdeckt: Bereits wenige Kilometer von Zürich weg begann die Ex-DDR, allerdings ohne Hoffnung auf einen Systemwechsel. Dann machten wir uns auf, zurück aus den Bergen, ins sichere Zürich.

Erstellt: 09.07.2015, 18:43 Uhr

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